Französische Literatur Gegenwart wird gemacht

Éric Vuillard inszeniert in knappster Form historische Begebenheiten. 2017 erhielt er den Prix Goncourt.

(Foto: Patrice Normand/Opale/Leemage/ddp images)

Éric Vuillard erzählt in "Die Tagesordnung" vom Ursprung des Naziregimes: einem Geheimtreffen zwischen den Nationalsozialisten und der deutschen Industrie im Jahr 1933.

Von Joseph Hanimann

Auf den ersten Seiten weiß man nicht recht, wie man dieses Buch angehen soll, ob es in Richtung Fiktion schnappt oder der Zeitgeschichte vom Aufstieg des Naziregimes brav aus der Hand frisst. Éric Vuillards frühere Werke über die Kongo-Konferenz 1884 in Berlin oder die traurige Geschichte von Buffalo Bill legen jedoch nahe, dass auch hier der sarkastische Biss in die Geschichtsrealität bald kommen wird. Und er kommt, im Tippeln der 24 aus ihren schwarzen Limousinen steigenden Herren in dezenten Anzügen, am 20. Februar 1933 vor dem Amtssitz des Reichstagspräsidenten. Unter den gelüfteten Filzhüten werden kahle Schädel und schütter ergraute Haarkränze sichtbar, und einigen Herrschaften treibt auf der Treppe nach wenigen Stufen schon der Schweiß unter dem Kragen. Von den gedämpften Konversationsschnipseln verstehen wir kein Wort. Die Eingangsszene des Buchs ist zu leise eingestellt. Sie ist absolut plastisch in den smart geknoteten Krawatten, gezwirnten Schnurrbärten und etwas traurigen Augen. Aber sie ist tonlos. Gespenstisch.

Beim Knarren der Doppeltür im Vorzimmer des Palasts geht dann ein Ruck durch die Wartenden. Der Reichstagspräsident Hermann Göring tritt ein. Die Herren Krupp, Albert Vögler, Günther Quandt, Friedrich Flick und wie sie sonst alle heißen, die Vertreter von Bayer, Opel, Siemens, Allianz, IG Farben, Telefunken, werden zum Sitzungstisch gebeten. Mit dem schwachen Regime müsse man Schluss machen, hören sie den hinzugekommenen Führer mahnen und sind erleichtert: Er ist offenbar viel besser als sein Ruf. Die Wahlen stünden bevor, fügt Göring hinzu. Durch den Raum geht ein kehliges Husten, das kaum vernehmbare Klicken einer Stiftkappe. Sonst Stille. "Und nun, meine Herren, zur Kasse!", schließt der Bankier Hjalmar Schacht. Vuillard, der französische Miniaturist für historische Szenen, ist hier im Element. Sein Buch lässt man nicht mehr los.

Der Krieg als komplexe Summe aus vielen kleinen Momenten des Wegblickens und Sichduckens

Statt Romanfiguren aufzubauen, Handlungsintrigen zu knüpfen, Orte und Ereignisse zu erfinden, hat er sich darauf spezialisiert, in knappster Form historische Begebenheiten so zu inszenieren, dass Jahrhundertgeschichte aus ihnen quillt. Er schleift an den Details, fühlt sich in Figuren und Situationen ein, kehrt skurrile Nebensächlichkeiten hervor, bis es uns Lesern scheint, wir stünden selbst in der Szene. Gleichzeitig stehen wir aber hoch darüber und erkennen Zusammenhänge. Diese Erzählregie von Nähe und Ferne hat der Autor in diesem mit dem Goncourt-Preis ausgezeichneten Buch weiter verfeinert.

Alles ist faktisch recherchiert, nichts ist frei erfunden. "Récit" nennt sich das Buch im französischen Original: ein Bericht, kein Roman. Die bekannten historischen Ereignisse werden aber immer von jenen beiläufigen, schrägen Momenten her erzählt, in denen die Sache nicht rund läuft, in denen es im Getriebe knackt und die Geschichte kurz aus dem Ruder läuft. Lord Halifax, Ratspräsident im Kabinett Chamberlains, kann bei seinem Höflichkeitsbesuch bei Göring im November 1937 dessen seltsames Lederwams, den Säbel am Gurt und die finsteren Andeutungen in den polternden Scherzen nicht übersehen, tut aber so. Österreichs Kanzler Kurt Schuschnigg, der am 12. Februar 1938 auf dem Berghof von Hitler gerade die Leviten gelesen bekam über Österreichs Politik und beim Warten auf das Abkommen, das man ihm diktiert, Zigarette um Zigarette raucht wie ein Schlot, wird das Diktat am Ende doch hinnehmen - er, der Unbeugsame, der Mann des Neins, der kleine Diktator. Die deutschen Wagenkolonnen lassen dann aber beim Anschluss einen Monat später lang auf sich warten, den Leuten am Straßenrand verstummt der Freudenruf "Der Führer kommt!" im endlosen Harren, Motorschäden haben unter den deutschen Panzern einen heillosen Stau verursacht. Man sieht einen wutschnaubenden Führer und über die Fahrbahn hetzende Mechaniker - "wie in einer Slapstickkomödie".

Vuillard schnappt aus dem Repertoire der Weltgeschichte jene Momente auf, in denen sie stottert und ihre imposante Selbstverständlichkeit verliert. Diese Momente setzt er dann zielsicher in Szene und spielt dabei auch mit der Rolle des Erzählers. Dank ihm sind wir überall hautnah dabei, beobachten wie durchs Schlüsselloch Geheimtreffen, können uns in Schuschniggs trübsinnige Stimmung am nasskalten Vormittag am Fenster des Berghofs einfühlen und das Feuchtwerden seiner Hände spüren. Darin liegt die einzige Fantasiearbeit des Autors: ausmalen, lebendig machen, nach verborgenen Aspekten schürfen. Und dabei die stets genannten Quellen immer neu hin und her wenden. Vom österreichischen Kanzler hätten wir zwei Fotos, aufgenommen im Jahr 1934 in Genf, teilt der Erzähler uns mit. Eines davon sei das bekannte strenge Politikerporträt. Das andere Foto, die nicht retuschierte Vorlage des ersten, das nur ein paar Archivaren bekannt sei, zeige den Mann seltsam in sich gekehrt, etwas schlaff, fast verträumt, und mit einem verknautschten Revers seiner Westentasche. Zwei verschiedene Personen im selben Bild. Durch Verengung des Blickfelds habe der Politiker an Substanz gewonnen - "nichts ist unschuldig an der Kunst des Erzählens."

Ein Krieg zieht herauf und er ist die komplexe Summe aus vielen kleinen Momenten des Wegblickens, Sichduckens, Vernünftigseinwollens, aus Nachgeben, Schönreden, Selbstbetrug und krummen Hintergedanken. Ähnlich verhielt es sich auch in Vuillards früheren Büchern mit der zivilisatorischen Evidenz des kolonialen Europa und den Anfängen der westlichen Unterhaltungsindustrie in den Indianershows Nordamerikas.

Die erzählerische Freiheit in diesem neuen Buch wird manchmal etwas weit getrieben und gleitet etwa im Gedankensprung aus dem Kanzlertreffen im Berghof zu den Zeichnungen des Art-brut-Künstlers Louis Soutter in Beliebigkeit ab. Dennoch ergibt der ständige Szenenwechsel ein eindrückliches Bild davon, wie Gegenwart gemacht wird. Im unversiegbaren Fluss der Bücher über die Nazizeit nimmt dieses eine besondere Stellung ein. Und die Übersetzerin hat die Schwierigkeit der äußerst gerafften Szenen- und Personenschilderung - Vuillards wahres Fabrikationsgeheimnis - vorzüglich gemeistert.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz, Berlin. 128 Seiten. 18 Euro. E-Book 13,99 Euro.