Französische Literatur Das Alter ist ein Massaker

Frédéric Beigbeder hat im Alter noch andere Anliegen als "einen flotten Dreier mit zwei Slowakinnen".

(Foto: V. Muller/Opale/Leemage/laif)

Peinlich berührt arbeitet man sich durch die Seiten: In seinem neuen Buch "Endlos leben" philosophiert der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder über den Tod.

Von Hanna Engelmeier

In einer der bekanntesten Szenen des Œuvres von Woody Allen spricht er liegend in ein Diktiergerät und zählt die Gründe auf, derentwegen es sich zu leben lohnt. Im Film "Manhattan" von 1979 kommt diese Liste vor, und darauf stehen Cézannes Äpfel und Birnen direkt vor "Krabben im Sam Wo's". In seinem neuen Roman "Endlos leben" zitiert Frédéric Beigbeder diese Liste und ergänzt sie um seine eigene, auf der er "Dinge, die den Tod unerträglich machen" sammelt. Sie ist erheblich länger. Beigbeder informiert: "Ich hab noch drei Flaschen vom 1999er Château de Sales im Keller", vorher vermerkt er: "Die (gepiercten) Brüste von Lara Stone. Was sie an ihrem Hochzeitstag im Claridge's in London sagte: 'Ich kenne sämtliche Zimmer in diesem Hotel.'"

"Endlos leben" handelt davon, wie der Erzähler "Frédéric Beigbeder" mittels Selbstversuchen und einer ausgedehnten Interview- und Recherchereise zu Biotechunternehmen, Genetikern, Medizinern und Wellness-Experten den Schlüssel zum ewigen Leben sucht. Auf seiner Tour, die ihn in die Schweiz, nach Israel, Österreich und in die USA führt, begleitet ihn seine Tochter. Ihr Wunsch, er solle bitte nie sterben, ist der Auslöser dafür, dass er sich erstmals mit dem eigenen Ableben beschäftigt. Für einen guten Typen wie ihn selbst scheint ihm der Tod keine vertretbare Angelegenheit zu sein. Seine Reise bringt ihn jedoch der Erkenntnis näher, dass auch er irgendwann der ganz großen, letzten Unausweichlichkeit begegnen wird.

Dies ist der Roman eines Mannes, der mit 50 Jahren realisiert, dass er in Beziehungen zu anderen Menschen steht, und inwiefern sich daraus, dass er irgendwann sterben wird, eine Verantwortung gegenüber denen ergibt, die ihn dann überleben werden. Die Haupteinsicht des Buches bleibt jedoch, dass die Angst vor dem Tod sich nicht durch den oberflächlichen Konsum des Forschungsstandes zur Evolution des Alterns, 1999er Château de Sales und die Kontemplation über beispielsweise Vanessa Hudgens Busen beruhigen lässt.

Die Form seiner Erzählung nennt Beigbeder "Science-Non-Fiction-Roman", was bedeutet, dass alle Informationen des Buches auf Recherchen in real existierenden Unternehmen, Gesprächen mit Ärzten und Ähnlichem beruhen. Sich selbst lässt er in Person des Moderators einer Web-Talkshow auftreten, der seinen Namen trägt und mit dem er etliche biografische Details gemeinsam hat. Einer der Gründe für sein Interesse am ewigen Leben dürfte sein, dass Beigbeder sich wirklich dringend wünscht, noch viele weitere Jahre über die Brüste verschiedener Frauen nachdenken und schreiben zu können, und zwar empirisch gestützt.

Über sein Sexualleben erfährt man sehr viel, und kann ihn nur dazu beglückwünschen, obwohl er nach eigenen Aussagen in seinem Alter noch andere Anliegen hat als "einen flotten Dreier mit zwei Slowakinnen". Diese Anliegen sind vor allem die Sorge um seine Töchter und die Liebe zu seiner Frau Léonore (26), einer Medizinerin, die ihren Beruf aufgibt, um ihre "weißen Pampelmusen", ihre "raubtierhafte Sexualität" und "ihre schweren Brüste" in den Dienst der Interessen ihres Mannes zu stellen.

Wenn ein ewiges Leben in Aussicht steht, stellt sich tatsächlich die Frage nach der Sexualität. Zumindest, wenn man ihren Zweck in der Reproduktion der Art sieht. Die Erde bietet nur begrenzt Raum und Ressourcen, Nachkommen sind schon jetzt eher eine Herausforderung für das Klima und den in immer weitere Ferne rückenden Weltfrieden. Beigbeder hat also ein interessantes, allerdings sehr anspruchsvolles Thema gewählt. Er bearbeitet es, indem er die Ergebnisse seiner Interviews in hölzerne Dialoge überführt.

Darin spulen die Figuren den zum Zeitpunkt der Recherche neuesten Forschungsstand zur Evolution des Alterns im menschlichen Organismus ab. Garniert werden diese Dialoge mit Beigbeder'scher Spiritualität: "Ich sage Ja zum Tod, wenn man mir Hugs gibt. Ich werde bis zum Ende laut sprechen. Meine letzten Worte werden sein: 'Nun denn' oder 'Ich zuerst!'".

Eine derartige Nonchalance gegenüber dem eigenen Ableben missversteht den todernsten Humor Woody Allens, zeigt aber vor allem, wie wenig Beigbeder an Figuren interessiert ist, die mehr wären als Aufsageautomaten. Konsequent ist dementsprechend, dass Beigbeder einen Roboterhund namens Pepper ins Geschehen einführt, der seinem Alter Ego und dessen Tochter zum treuen Begleiter wird. Pepper hat keine Ohren, sondern Mikrofone, und die sind duldsam. Als comic relief character ist er dafür zuständig, die Grenzen künstlicher Intelligenz, ihre Gefühl- und Taktlosigkeit vorzustellen, und die Lebendigkeit eines kecken Mädchens und seines potenten Vaters positiv davon abzusetzen.

Der stellt immer weiter Listen auf, um in der Gegenüberstellungen von Leben und Tod, Jugend und Alter seine Weltanschauung an den Mann zu bringen. Dass er sich dabei einer insbesonders von Boulevardwebseiten popularisierten Textform bedient, stört nicht. Peinlich berührt arbeitet man sich jedoch durch die "Nachteile des Todes", die ein Zitat des Psychoanalytikers Jacques Lacan ("Der Tod hilft uns zu leben") einem Ausspruch gegenüberstellt, der ("Der Tod ist eine Endlösung") Adolf Hitler zugewiesen wird.

Die unerträglichsten Sätze des Buches sind vielleicht noch mit einer zwanghaften Pointensuche zu erklären, wenn schon nicht zu entschuldigen. Angesichts des Themas seines Buches gleitet Beigbeder aber immer wieder in Frivolität ab. Mit viel Wohlwollen könnte man sie als Pastiche auf die mehr oder weniger großen (oder groß gescheiterten) Coolness-Projekte vom antiken Zynismus bis zum Existenzialismus verstehen. Beigbeders Listen drängen sich aber mehr noch als Übersicht über seine Life-Style-Präferenzen auf, aus denen man wenig über Unsterblichkeit erfährt, dafür alles über Beigbeders überaus vorteilhaftes Selbstbild. Wenn man endlos lebte, wäre der Zeitverlust, den man durch die Lektüre dieses Buches erfährt, zu verschmerzen. Noch ist das Gegenteil der Fall.

Frédéric Beigbeder: Endlos leben. Roman. Aus dem Französischen von Julia Schoch. Piper, München 2018. 343 Seiten, 22 Euro.