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Französisch als Weltsprache:Fern von Paris

"Wir sind die Freimaurer der französischen Sprache", sagt Alain Mabanckou, internationaler Autor kongolesischer Herkunft.

(Foto: Anke Kluß)

Die Frankfurter Litprom-Literaturtage boten einen Vorgeschmack auf die Frankfurter Buchmesse 2017 mit der französischen Sprache im Zentrum.

Vor zehn Jahren wurde der Literaturbetrieb in Frankreich von einem Manifest aufgewirbelt: Der in "Le Monde" publizierte Aufruf "Pour une littérature-monde en français" - nicht zu verwechseln mit einem klassischen Kanon der "Weltliteratur" à la Goethe - war die Absage an das Konzept einer Frankofonie, die der wachsenden Hegemonie des Angelsächsischen die Stirn bieten sollte. Den Unterzeichnern war Frankofonie der Ausdruck einer neokolonialen Ausgrenzung dessen, was aus der Sicht des Zentrums weiterhin als "randständig" und "peripher" gelten sollte.

Fünf Jahrzehnte zuvor hatte Roland Barthes in den "Mythologien des Alltags" unter der sarkastischen Überschrift "Afrikanische Grammatik" noch den kolonial und imperial motivierten "Einschüchterungswert" der französischen Sprache attackiert: "Frankreich", schrieb er, "versammelt unter sich, was von Natur aus unterschiedlich und zahlreich ist." Bis zu einem gewissen Grad bleibt die Einschüchterung durch die Sprache noch heute intakt, was mit "passée simple" und "passée composé" geplagte Fremdsprachenschüler ebenso werden bezeugen können wie ihrerseits die auf fetischisierte sprachliche Distinktionsformen noch immer einen gesteigerten Wert legenden Bewohner des 16. Pariser Arrondissements.

Mit Alain Mabanckou, dem internationalen Autor kongolesischer Herkunft, und dem Algerier und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, Boualem Sansal, waren gleich zwei Unterzeichner des Manifests von 2007 am Wochenende im Frankfurter Literaturhaus zugegen: Die Literaturtage der "Litprom - Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika" boten einen Vorgeschmack auf den kommenden Ehrengast der Frankfurter Buchmesse: Wie Messedirektor Juergen Boos bei Beginn der Veranstaltung sagte, sei nicht Frankreich als Nation eingeladen, sondern die interkontinentale Weltsprache Französisch. Sansal und Mabanckou sind beide von Haus aus französisch sozialisiert: Versteht Sansal sich zugleich als Angehöriger der algerischen Berberkultur - von daher rührt seine Distanz, wenn nicht Unverträglichkeit gegenüber der arabisch-islamischen Welt -, so identifiziert sich Mabanckou mit einer Freiheit, die ihm die französische Sprache gibt, nicht aber mit dem Land Frankreich, auch wenn der bislang in Kalifornien Lehrende neuerdings einen Lehrstuhl auch am ehrwürdigen Pariser Collège de France bekleidet.

Weiter weg von Paris wächst eine Freiheit, der Demütiges vor der Standardsprache fehlt

Im Gegenteil war ihm die von Anfang an wichtigste Erfahrung mit der Sprache die, auf Französisch gelernt zu haben, "Nein" zu sagen: Dieses "Nein" fließt noch in Mabanckous Antrittsvorlesung ein (nachzulesen in "Sinn und Form" 1, 2017, S. 70-89) als von stolzem afrikanischen Selbstbewusstsein getragene Weigerung, "in einem Land und einer Kultur, die wir in- und auswendig kennen, als Fremde zu gelten". Für die französische Sprache, sagte Mabanckou in Frankfurt, bräuchte man "keinen Pass und keinen Grenzübergang, man hat die Wahl und kann auch illegal eintreten". Mit Humor und Ironie über die afro-französische Literatur gesagt: "Wir sind die Freimaurer der Sprache, wir bringen unsere Bilder mit, wo die Franzosen nur Synonyme haben."

Andere argumentieren ähnlich: "Begeistert davon, wie in literarischen Texten Grenzen verschoben werden können", zeigt sich die tunesische Autorin Meriam Bousselmi; der auf Haiti geborene Romancier Louis-Philippe Dalembert weiß sich in vielen Sprachen zu artikulieren und bei Bedarf in solche Sprachen zu wechseln, die ihm - wie das Italienische und Spanische - etwas erlauben, was auf Französisch zu Hause nicht zugelassen war - zu fluchen und zu schimpfen. Ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Übertritt in die französische Sprache schilderten die Vietnamesin Linda Lê, die ihre Heimat früh verlassen hat und der das Französisch, in dem sie schreibt, vertrauter als die Muttersprache ist, sowie die Bengalin Shumona Sinha, die ihre Erfahrungen als Dolmetscherin einer Pariser Migrationsbehörde im Roman "Erschlagt die Armen" (2015) verarbeitet hat.

Bei aller Verschiedenheit der Sozialisations- und Migrationserfahrungen auch anderer in Frankfurt präsenter Autoren - des gebürtigen Persers und bekannten Theaterautors Pedro Kadivar, des kongolesischen Literaturkritikers Boniface Mongo-Mboussa und des ebenfalls von dort stammenden Lyrikers, Romanciers und Performers Fiston Mwanza Mujila, der seine Texte in jazzigen Rhythmen improvisiert -, eines bleibt sich gleich: Mit wachsender Entfernung von Paris als dem kodifizierten Allerheiligsten eines standardisierten Französisch findet die Sprache Lockerung und Erleichterung zugunsten eines Freiheitsgefühls, dem nichts Demütiges oder gar Unterwürfiges mehr gegenüber der Standardsprache anhaftet.

Wie die seit Jahrzehnten in Paris lebende deutsche Autorin und Übersetzerin Anne Weber versichert - sie übersetzt wechselseitig in beide Sprachen -, ist dies bei räumlicher und gesellschaftlicher Nähe zu Paris immer noch anders. Auch orientieren sich frankofone Schweizer ebenso wie belgische Schriftsteller unermüdlich weiter an Paris, mit allen Vor- und Nachteilen. Bedauerlich war - Anne Weber empfand dies als ein nachwirkendes Anhaften postkolonialer Muster -, dass aus just jenen Provinzen - von der Bretagne und der Provence ganz zu schweigen - keine Autoren nach Frankfurt geladen waren. Zur Buchmesse soll dies freilich anders werden - hoffentlich wird dann auch der bei dieser Litprom von präpotenten Moderatoren diktierte Diskussionsstil ein anderer sein: Denn die einmalige Chance, so viele französischsprachige Autoren aus aller Welt auch miteinander - statt immer nur mit Moderatoren - ins Gespräch zu bringen, wurde hier leider vertan.

© SZ vom 23.01.2017

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