Frankreich Der sinnlose Drang, Mörder zu töten

Jean Giono in seinem Haus in Manosque in seinem Todesjahr 1970.

(Foto: AFP)

Jean Gionos abgründiger Roman "Ein Mensch allein" aus dem Jahr 1947 in neuer Übersetzung.

Von Helmut Böttiger

Jean Giono hat fast sein ganzes Leben im magischen Manosque in der Haute-Provence verbracht, und deswegen wurde nach seinem Tod 1970 auch verstärkt versucht, ihn mit den Farben der südfranzösischen Lavendelfelder und dem Kräuterduft der Garrigues gleichzusetzen. Als ihn sein zeitweiliger Freund André Gide einmal den "Homer der Provence" nannte, meinte er allerdings etwas ganz anderes. Gionos geheimnisvoller, im Jahr 1947 veröffentlichter und wegen seiner Schroffheit und existenziellen Wucht faszinierendster Roman "Ein Mensch allein" ist wohl das beste Beispiel dafür. Der Schnee spielt hier eine große Rolle, alle zwischen Schwarz und Weiß vorstellbaren Variationen von Grau sowie abgelegene, sich in ihren Höhen und Weiten verlierende Fels- und Wälderlandschaften.

Die entrückte Welt des Romans gerät im Deutschen umso mehr ins Flirren, wenn man den Titel des französischen Originals nachzuvollziehen versucht: "Un roi sans divertissement". Die glänzende, die Atmosphäre des Romans traumwandlerisch sicher einfangende Übersetzerin Caroline Vollmann hat nicht ohne Grund den früheren deutschen Titel beibehalten, der keine wörtliche Umsetzung war. "Ein Mensch allein": Das entspricht dem Geist des Existenzialismus, der nach 1945 sehr schnell von Frankreich nach Deutschland überschwappte und den auch Giono mehr oder weniger bewusst mit transportierte. Aber es entspricht durchaus auch der Hauptfigur des Romans, Hauptmann Langlois.

Dieser "König ohne Ablenkung", ohne Zerstreuung oder Vergnügungen, wie es im Originaltitel heißt - "divertissement" hat im Deutschen keine ganz konkrete Entsprechung -, lebt allerdings im 19. Jahrhundert. Wegen einer unheimlichen Mordserie wird Langlois in einen kleinen Ort zwischen Sisteron und Grenoble abkommandiert, in die unzugängliche Region des Trièves. Zum ersten Mal tritt er erst auf Seite 39 auf, man merkt nur allmählich, dass er das geheime Zentrum des Buches ist - durch verschiedene, zum Teil nicht genau identifizierbare Erzählstimmen hindurch.

Eine durchgängige Geschichte gibt es in diesem auf verblüffende Weise zugleich archaischen und modernen Buch nicht. Alles teilt sich auf indirekte, aber ungemein suggestive Weise mit, und es gibt mehrere Zeitsprünge, die ebenfalls nicht exakt datiert sind. Wie in jedem großen Roman ist nicht die Handlung das Entscheidende, sondern die Sprache, die sich verselbständigt und eigene Bedeutungsräume schafft.

In den ersten Sätzen geht es um eine einzeln stehende Buche, die in glühenden Farben beschrieben wird. In ihrem Erzählschatten wirkt es eher beiläufig, was daneben geschieht: In kurzen Abständen verschwinden mehrere Personen des Dorfes und kehren nicht wieder. Dass es sich um Morde handeln muss, wird nicht direkt benannt, aber das Unheimliche des Geschehens teilt sich in expressiven, hoch aufgeladenen Stimmungsbildern mit: Wetter- und Naturbeschreibungen, scharf herausgehobene Details. Es baut sich mit wenigen Sätzen auf: "Das Licht ist grün gewesen, dann hasengedärmfarben, dann schwarz mit der Eigenart, dass es, trotz dieser schwarzen Farbe, Schatten von einem tiefen Purpur enthält."

Geografisch entsteht eine Spannung zwischen dem am Fuß des Passes gelegenen Dorf, um das sich alles dreht, und einem mehr als zwanzig Kilometer entfernten Nachbarort namens Chichiliane, der in einem Hochtal zwischen Wäldern versteckt liegt und etwas Bedrohliches, Fernes ausstrahlt. Alles hängt mit allem zusammen, das wird im Wechsel der Erzählstimmen und in der Überlagerung der Zeiten deutlich. Erklärt wird allerdings nichts: Es gibt keine Motive, keine Gründe, es vermittelt sich nur eine schicksalhafte Sinnlosigkeit. Hauptmann Langlois, der den Fall zu lösen scheint und den Mörder auf eine merkwürdige, absurd pathetische Art tötet, tut dies offenkundig im Wissen darum, dass dies keine Lösung ist.

Was ihn umtreibt, wird aber nie ausgesprochen. Auch eine Wolfsjagd, die er mit einem unheimlichen Showdown am Ende anführt, wirkt wie ein mythisches Geschehen, das nicht näher erhellt zu werden braucht, weil es aus sich selbst heraus zu sprechen scheint. Sicher ist nur, dass beide Aktionen - die Liquidierung des Mörders wie das Aufspüren des Wolfs - etwas über den undurchschaubaren, beeindruckenden Offizier Langlois aussagen und zum unerwarteten, aber konsequenten Finale des Buches führen.

Langlois ist ein Charaktertyp, den Jean Giono zweifellos angesichts der Umstände entwickelte, in denen er diesen Roman schrieb. Der Autor hatte sich in den Dreißigerjahren als linker Intellektueller profiliert, sein folgenreiches Buch "Que ma joie demeure (Bleibe, meine Freude)" von 1935 wurde als eine Beschwörung kommunistischer Utopien gelesen. Doch da er sich als Unabhängiger, als Einzelgänger und vor allem als Pazifist fühlte, geriet er gegen Ende des Zweiten Weltkrieges plötzlich in den Verdacht der Kollaboration und wurde zeitweilig sogar inhaftiert.

Wolfgang Matz schildert in seinem Nachwort ausführlich das zeitgeschichtliche Umfeld. "Ein Mensch allein" ist offenkundig Gionos Reaktion auf diese Situation. Man merkt das an der Art und Weise, wie er in seiner Figur des Langlois die kurz zurückliegenden katastrophalen Ereignisse spiegelt: ein durch und durch militärischer Typ, pflichtbewusst und vielseitig einsetzbar, autoritär, kaltblütig und mit einer zwiespältigen Anziehungskraft.

Frankreichs Beziehung zur Kolonie Algerien stand zum Zeitpunkt von "Ein Mensch allein" noch nicht akut zur Debatte, der Unabhängigkeitskrieg begann erst gut zehn Jahre später. Langlois wird aber einmal dadurch definiert, dass er im bereits 1832 ausgebrochenen ersten Algerienkrieg im Einsatz war, im Zuge französischer Kolonialisierungsbestrebungen. Die Cafébesitzerin des Dorfes, die ihm am nächsten steht, sagt im Rückblick: "Denen, die dort waren und die davonkamen, lag es schwer im Magen." Dieser Satz wirkt äußerst aktuell, er lässt sich nicht nur auf das französische Trauma zwischen 1958 und 1963 beziehen, sondern gilt bis heute.

"Ein Mensch allein" handelt niemals dezidiert von Politik, der Roman entwirft zeitlose, markante Szenerien und Charaktere. Der Titel "Un roi sans divertissement" ist zudem eine Anspielung auf ein Fragment aus den "Pensées" des Philosophen Blaise Pascal aus dem 17. Jahrhundert: "Ein König ohne Zerstreuung ist ein Mensch voller Elend." Das Elend des Offiziers Langlois, des Bezwingers von Mördern und Wölfen, wird im Roman von Jean Giono nirgends direkt thematisiert. Und dennoch geht es die ganze Zeit im Grunde nur darum. Ein weitblickender, abgründiger, nie ganz auszulotender Roman.

Jean Giono: Ein Mensch allein. Aus dem Französischen von Caroline Vollmann. Mit einem Essay von Wolfgang Matz. Die Andere Bibliothek, Berlin 2018. 283 Seiten, 42 Euro.