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Fotokunst in Berlin:Angst, Zorn und Cocktailspieße

Ausstellung Johanna Diehl

Die Unheimlichkeit des Bildungsbürgeridylls – aus Johanna Diehls Serie „Gefrorene Räume“.

(Foto: Johanna Diehl)

Merkwürdige Spannung: Eine Ausstellung von Johanna Diehl in Berlin-Zehlendorf entpuppt sich als großer deutscher Nachkriegsroman aus einer Zeit, in der noch das Vergessen gefeiert wurde.

Etwas ist bedrückend an der soignierten Linksliberalität dieses Wohnzimmerbilds. Vielleicht hat es mit dem verschneiten Winterwald zu tun, der draußen an das Panoramafenster drückt wie jemand, der gern reinkommen würde. Vielleicht spielt auch das Foto von dem Mann in der Wehrmachtsuniform eine Rolle, das zwischen deutlich siebzigerjahrehafter aussehenden Verwandtenfotos in der Bücherwand steht. Und vielleicht, oder sogar recht sicher, hat es damit zu tun, was sonst in dieser Bücherwand zu finden ist. Denn so gut wie jeder entzifferbare Buchtitel handelt von Hitler oder vom Krieg.

Johanna Diehl, 1977 in Hamburg geboren, ist als Künstlerin zunächst mit Fotos bekannt geworden, die sie auf Zypern gemacht hat, wo nach der Teilung im Norden die Kirchen zu Moscheen umgerüstet und notdürftig nach Mekka umorientiert wurden, während im Süden oft Autowerkstätten in die verlassenen Moscheen einzogen. Man kennt sie seitdem als eine Fotografin, die an überschriebenen Räumen interessiert ist, an Amalgamen von Architektur, Politik und Zeit, an Orten, die zu zwei verschiedenen Momenten nicht mehr derselbe sind. Etliche davon hängen nun auch in Diehls erster großer Einzelausstellung in Berlin, und man fragt sich, warum das so lange dauern musste. "In den Falten das Eigentliche" lautet ihr Titel, er bezieht sich auf eine Stelle bei Walter Benjamin, wo er die Erinnerung mehr oder weniger als Leporello beschreibt, und im Kern geht es dabei um ein deutlich heikleres Unterfangen als bisher, nämlich die Anwendung dieser Interessen auf Diehls eigene Familiengeschichte. Heikler ist das deswegen, weil diese Familiengeschichte zwar einerseits sehr symptomatisch ist, andererseits ist sie aber auch sehr speziell, was den Betrachter in die Rolle des Voyeurs von Verhältnissen zwingt, die in einer Art und Weise privat sind, die ab Ende der Sechziger als umso politischer gewertet wurde. Johanna Diehls Vater, erfährt man, gehörte zu der Generation, die in Folge von 1968 ihren Eltern unbequeme Fragen gestellt hat. Die Fragen, die er seiner Mutter gestellt hat, liegen als maschinengeschriebener Brief in einer Vitrine aus: Wie war es im Detail mit der Reinlichkeitserziehung? Wie zärtlich warst du mit welchem Sohn? Wie wurde bei Essensverweigerung verfahren? Wurden wir beim Nikolaus tatsächlich einmal mehr oder minder leicht verhauen? In welchem Jahr wurde von wem der Rohrstock in der Treppe zum Keller abgestellt?

Handschriftlich ist hinzugefügt: "Du sagst erst mal Uff! Recht hast Du."

Bis er zu diesen Abgründen der Diehl'schen Familiengeschichte vorgedrungen ist, hat der Besucher in der Berliner Ausstellungshalle Haus am Waldsee diese Mutter, Diehls Großmutter also, auf etlichen Urlaubsfotos unter Palmen gesehen und darf sich beinahe schon zu Hause fühlen in dem dezent modernistischen Nachkriegshaus mit Panoramafenster ins Tannengrün. Er hat sich womöglich gewundert, dass dazwischen Fotos von merkwürdigen Prothesen hängen und solche von Tonstudio-Schaltpulten und Lautsprecheranlagen. Vor allem aber doch über die merkwürdige Spannung, die über diesen Interieurs lastet, in die man sich gestellt sieht, als hieße man Derrick und hätte einen Mord im diskreten Milieu bundesrepublikanischer Mittelstandsunternehmer aufzuklären: Warum wirken die weißen Möbel nur so deplatziert in dieser flachrechteckigen Bungalow-Moderne? Liegt es an der Wuchtigkeit? Oder den Chippendale-Schnörkeln. Die Vitrine im nächsten Raum weiß die Antwort: Weil sie ursprünglich mal braun waren und in der repräsentativen Druckereibesitzersvilla standen - unter einem Porträt von Adolf Hitler.

Die Künstlerin setzt Artefakte aus dem Haushalt ihrer Großmutter in Szene

Der Großvater von Diehl war offensichtlich ein überzeugter Nazi, bevor er 1944 im Krieg umkam. Da war sein Sohn, Diehls Vater, zwei. Er hatte später eine Nichte des Documenta-Gründers Arnold Bode geheiratet und starb, als Johanna Diehl fünf Jahre alt war. Ein Suizid wird angedeutet, und die Gründe für sein Leiden werden von seiner Tochter in der Gesprächsverweigerung einer Generation gesucht, die nach dem Krieg nicht nur ihre braunen Möbel weiß überstrichen hat. Diehl geht hier weit über die Grenzen ihrer bisherigen Arbeit als Fotografin hinaus und inszeniert das mit vollem Einsatz der Artefakte aus dem Haushalt der Großmutter. Da sind die Cocktailspießchen und Marmoraschenbecher, mit denen bei Partys in den Wirtschaftswunderjahren das Weitergehen des Lebens und sicher auch das Vergessenkönnen gefeiert wurde. Diehl lässt sie in einem Film zwischen die Saiten eines Flügels stecken, auf dem ein Pianist versucht, die Harmonien der Hausmusik hochzuhalten. Da sind die Notizbücher der Großmutter, in der sie, heißt es, kaum jemals eine persönliche Regung notiert. Da sind aber auch die vielen Urlaubsfotos, die an der Seite des zweiten Ehemannes entstanden sind, eines reisefreudigen Journalisten mit eher linksliberaler Ausrichtung. Aber der Nachkriegsdeutsche sieht auch unter Palmen immer irgendwie blass, überfordert und noch nicht ganz rekonvaleszent aus. Diehl mischt das alles an den Wänden zu Tableaus, die an einen Warburg'schen Bilderatlas denken lassen, tatsächlich aber von Arnold Bodes pädagogisierender Documenta-Hängung inspiriert sind, bei der sich die Bilder gegenseitig erklären sollen.

Daher treffen nun die verstummten Wohnzimmer auf die Rundfunktechnik der Nachkriegsjahre und die Bilder von Prothesen, die der Choreograf Hans Kresnik einst für eine Inszenierung von "Hänsel und Gretel" benutzte, um die Beschränkung der Kinder zu verdeutlichen. Als wäre es eine Kresnik-Inszenierung, tanzt nebenan in einem Film ein Mann gequält durch eine deutsche Kunstsammlervilla der Nachkriegszeit. Und schließlich liegt da ein Buch, das Kresnik Anfang der Achtzigerjahre schon für die Bühne adaptiert hatte, und das nicht zufällig auch das letzte war, das Diehls Vater vor seinem Tod gelesen hat: "Mars" von Fritz Zorn. Untertitel: "Ich bin jung und reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein" - der autobiografische Roman eines jungen Mannes, der an Krebs stirbt und mit seinem Leben hadert. Und wenn man auch Diehls Inszenierung als eine Art Buch liest, als einen visuell erzählten Familienroman: Dann ist dieses Buch im Buch sozusagen ein entscheidender Plot Point. Denn hier findet sich auch der Haken an der Sache. Fritz Zorn, der in seinem verhassten wirklichen Leben tatsächlich Fritz Angst hieß, war kein junger Deutscher, der seinen Eltern das Totschweigen der Nazivergangenheit vorwerfen konnte. Er war ein junger Schweizer, der seinen Eltern vorwarf, dass sie ihn in materiell zu abgefederten und emotional zu sehr um Harmonie bemühten Verhältnissen hatten aufwachsen lassen. Seine Krankheit deutete er als psychosomatische Folge davon.

In ihrer Ambivalenz macht diese Arbeit eine ganze ästhetische Welt dingfest

Noch heute, so erzählen sie einem im Haus am Waldsee, kämen ältere Besucher, für die dieses Buch ein Kultbuch war in den Siebzigern und Achtzigern, als sich das Politische vielleicht doch ein bisschen sehr ins Psychoanalytelnde verkrempelt hatte. Bemerkenswert ist allerdings, dass es diesen Erfolg nur im deutschen Sprachraum hatte, während die englische Übersetzung geradezu desaströs aufgenommen wurde: Die New York Times etwa beurteilte sie als Jammerei eines verwöhnten Sohns, der das Unglück seiner Tumore selbstgerecht der Welt zum Vorwurf macht.

An diesem Punkt steht auch Diehls Großinszenierung auf der Kippe: Als reine Abrechnung mit dem Bürgerlichen als Milieu wie als Haltung (Stichwort Affektkontrolle), bestünde auch hier die Gefahr von Selbstgerechtigkeit. Aber die Dinge sind zum Glück ambivalenter: Selbst für die kalte Großmutter gibt es auch noch andere Sichtweisen, solche, die mehr mit Traumaverarbeitung zu tun haben zum Beispiel. Die Leistung dieser Arbeit ist es, in dieser Ambivalenz eine ganze ästhetische Welt dingfest zu machen. Die Begegnung eines Marmorfußbodens mit dem Heckfenster eines XJ8 kann man, wenn man will, immer als eine Anklage lesen - aber auch als eine Würdigung. Und in dieser Weise gelesen ist Johanna Diehls "In den Falten das Eigentliche" tatsächlich der beste bundesdeutsche Familienroman, den man zur Zeit nicht im Buchhandel bekommt, sondern nur als Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee - of all places. Denn für eine derart pathologisierende Selbstbefragung des Bürgerlichen ist die zurückgenommene Villa draußen in Zehlendorf vielleicht wirklich der ideale Ort.

Johanna Diehl: In den Falten das Eigentliche. Haus am Waldsee, Berlin. Bis 23. Februar.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir dem Documenta-Begründer Arnold Bode fälschlicherweise den Vornamen Wilhelm gegeben.

© SZ vom 12.02.2020/cat
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