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Fotografie:Der Schatz im Pappkarton

Fotos vom Kindermädchen: Vor vier Jahren erstand John Maloof für 400 Euro eine unauffällige Kiste. Darin fand er das Lebenswerk einer der besten Straßenfotografinnen der Welt.

Laura Weissmüller

20 Bilder

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Fotos vom Kindermädchen: Vor vier Jahren erstand John Maloof für 400 Euro einen unauffälligen Pappkarton. Darin fand er das Lebenswerk einer der besten Straßenfotografinnen der Welt.

Der Schatz lag in einem unauffälligen Pappkarton. Den hatte John Maloof vor vier Jahren bei einem kleinen Chicagoer Auktionshaus entdeckt. Der damals 26-jährige Immobilienmakler erhoffte sich von den Negativen, die er darin erspähte, ein paar alte Fotos für das Buch über sein Stadtviertel, an dem er gerade arbeitete.

Text: Laura Weissmüller/SZ vom 28.1.2011/sueddeutsche.de/kelm/

Alle Bilder aus der Ausstellung "Twinkle, twinkle, little star..." 28. Januar bis 28. April 2011, Galerie Hilaneh von Kories in Hamburg.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Doch was Maloof da für 400 Dollar erstand, war das Lebenswerk einer der besten Straßenfotografinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt keiner kannte.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Vivian Maier arbeitete ihr Leben lang als Kindermädchen und nahm nebenbei die 30000 Negative aus dem Karton auf.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Dazu kommen weitere viele Zehntausende, die Maloof in den vergangenen Jahren dazugekauft hat. (Eine kleine Auswahl davon zeigen gerade die Hamburger Galerie Hilaneh von Kories bis zum 28. April und das Chicago Cultural Center bis zum 4. April.) Maiers Motiv waren ...

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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... vor allem die Straßen von New York und Chicago der fünfziger und sechziger Jahre, ihre Modelle die eiligen Passanten, plärrenden Kinder, erschöpften Straßenarbeiter oder traurig zusammengefalteten Menschenbündel an der Ecke.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Maier machte keinen Unterschied, ob vor der Linse ihrer Rolleiflex eine pelzumschlungene und mit Schmuck behängte Dame der High Society der Fotografin einen arroganten Blick von oben zuwarf, ein zahnloser Bahnarbeiter unter dem Schatten seiner Schiebermütze mit ihr flirtete oder im Mülleimer zwischen zusammengeknüllten Papiertüten eine tote Taube lag.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Alles war motivwürdig, weil es von der Fotografin perfekt ins Bild gesetzt wurde.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Vivian Maier gleicht darin den großen Heroen der Street Photography, Robert Frank etwa oder Henri Cartier-Bresson. Denn auch der Meister des "entscheidenden Augenblicks" verdichtete das scheinbar zufällig vorgefundene Straßengeschehen zu einer klaren Komposition.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Wie genau die 1926 in New York als Tochter europäischer Einwanderer geborene Vivian Maier tatsächlich ihre vermeintlichen Schnappschüsse komponierte, zeigen vor allem ihre Selbstporträts: Da steht sie beispielsweise als junge Frau mit burschikosem Haarschnitt auf der Straße, hinter ihr die Hochhausschluchten, und blickt sich selbst streng ins hart geschnittene Gesicht. Der Schattenverlauf teilt ihren zierlichen Körper exakt einmal längs in zwei Hälften und macht ihn noch zerbrechlicher. Vor sich hält sie ihre Mittelformatkamera. Die Rolleiflex, die sie überallhin mitnahm, hat sie mit beiden Händen fest im Griff. Genau in der Mitte. Wie immer.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Doch wer war diese Frau, die sich da selbst so ernst anblickt? Sich gerne geheimnisvoll im Gegenlicht aufnahm, tief verschattet oder im Spiegel eines Zigarettenautomaten? Und gleichzeitig wie manisch abdrückte, wenn sie durch die Straßen von Chicago lief?

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Der Sinn für surrealistische Momente, der sich bei ihren Selbstporträts in den Spiegelungen und Lichtreflexen ausdrückte und ihre Arbeit in die Nähe der Fotografin Ré Soupault rückt, zeigte sich auch hier: Ein schwarzer Junge reitet da mal stoisch ohne Sattel und barfuß auf einem Pferd einfach unter der Hochbahn hindurch, eine Frau löst sich in Dunkelheit auf, während ihr weißes Cocktailkleid durch die Nacht wippt, und das Gesicht eines Mannes verschwindet vollständig hinter dem weißen Luftballon, den das Kleinkind auf seinem Schoss zu greifen versucht.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Viel ist nicht bekannt von Vivian Maier. John Maloof, der sie ausfindig machen wollte, nachdem er gemerkt hatte, auf was er da bei der Zwangsversteigerung gestoßen war, fand nur noch ihre Todesanzeige.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Maier war im April 2009 gestorben. Verarmt trotz ihres Schatzes, von dem bis heute unzählige Filmrollen noch gar nicht entwickelt worden sind.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Menschen, die sie kannten, beschreiben sie als verschlossen. Dazu passt, dass Vivian Maier niemandem ihre Fotografien gezeigt haben soll.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Doch gleichzeitig war sie für die Kinder, auf die sie aufgepasst hat, eine Art reale Mary Poppins: exzentrisch, reizend und für jedes Abenteuer zu haben.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Auch wer die Selbstporträts zu Rate zieht, sieht darin eine selbstbewusste Frau, die gerne Männerkleidung trug und große Hüte, und keine Scheu hatte, sich ins Zentrum zu rücken.

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Quelle: Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

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Und wer die Porträts studiert, die großen Augen der neugierigen Kinder ...

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Quelle: SZ

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... den verkniffenen Blick der zerknitterten Alten oder den lasziven einer jungen Schönen, die sich da aus dem Fenster ihres Autos lehnt ...

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... dem fällt vor allem die große Neugierde der Fotografin auf das Leben auf.

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Vivian Maier mag verschlossen gewesen sein, für ihr Gegenüber war sie sehr offen.

© SZ vom 28.1.2011

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