Fotografie Der Zuhörer

Der Brasilianer Sebastião Salgado hat mit seinem Projekt "Genesis" eine hinreißende Hommage an die Natur geschaffen. Jetzt ist die monumentale Ausstellung im Kunstfoyer an der Maximilianstraße zu sehen

Von Evelyn Vogel

Er war an den schlimmsten Orten dieser Erde. Reiste in Kriegs- und Krisengebiete und an soziale Brennpunkte. Besonders widmete sich der 1944 in Brasilien geborene, mittlerweile in Paris lebende Fotograf Sebastião Salgado in Langzeitprojekten jenen Menschen, die sich am unteren Rand der Gesellschaft bewegen - den Armen dieser Welt, den Arbeitern, die unter schlimmsten Bedingungen schuften, den Flüchtlingen und Vertriebenen, den Migranten, den Ausgebeuteten. In seinen Schwarz-Weiß-Fotografien hat er sie festgehalten. Es sind großartige und berührende Aufnahmen, die oftmals um die Welt gingen und für die er vielfach ausgezeichnet wurde, Dokumente des Leids und des Schmerzes. Tausendfach gedruckt, tausendfach gesehen.

Und doch musste Sebastião Salgado erkennen, dass er die Missstände, die er fotografierte, nicht dadurch ändern konnte, dass er sie dokumentierte. In der Folge geriet Salgado in eine Sinnkrise. So verließ er die Fotoagentur Magnum, gründete gemeinsam mit seiner Frau Lélia Wanick Salgado das Umweltprojekt Instituto Terra, das sich um die Aufforstung der brasilianischen Atlantikküste kümmert und Landwirten dort zu einer ökologischen Ausbildung verhilft. Etwa zwei Millionen Bäume hat die Organisation in den vergangenen 15 Jahren gepflanzt, 300 verschiedene Arten wieder heimisch gemacht und unfruchtbare Berghänge wieder in üppige Vegetation verwandelt.

Und er begann mit dem Projekt "Genesis", über das er sagt: "In Genesis sprach die Natur durch meine Kamera zu mir. Und ich durfte zuhören." Zugehört hat er gut acht Jahre lang. So lange dauerte das Projekt, das ihn von der Jahrtausendwende an auf 32 Reisen quer durch die Welt führte. In kleinen Propellerflugzeugen, zu Fuß, mit dem Schiff, im Faltkanu und im Fesselballon reiste er in Gebiete oft jenseits jeglicher Zivilisation. Er fotografierte Vulkane und Eismassen, Gebirge, Flüsse und Canyons, Regenwälder und Sanddünen, Fauna, Flora und indigene Völker. Übrigens zunächst noch analog, dann, als es immer schwieriger wurde, die Filmrollen durch den Zoll zu bringen, digital - außerhalb jeglicher Zivilisation mit Energie versorgt durch ein spezielles Solarmodul. Es war, um mit Worten seiner Frau, der Kuratorin der Ausstellung, Lélia Wanick Salgado, zu sprechen, "eine Suche nach der Welt, wie sie einmal war, wie sie sich formte und entwickelte, wie sie über Jahrtausende existierte, bevor die Beschleunigung des modernen Lebens uns zunehmend vom Wesentlichen unserer Existenz distanzierte". Salgados durchaus romantischer Traum: Die Menschen von ihrem zerstörerischen Tun abbringen, indem er ihnen die unberührte Schönheit zeigt, das, was sie riskieren, wenn sie so weitermachen.

Ob das gelingen wird, wird erst die Zukunft zeigen. Der Mensch lässt sich zwar gern berühren, ändert sich aber oft nur langsam - wenn überhaupt. Eines jedoch ist jetzt schon klar: Salgado sind mit "Genesis" Aufnahmen von unvergleichlicher Schönheit gelungen. Bilder mit durchaus irritierenden Inhalten (besonders wenn es sich um die Aufnahmen indigener Völker handelt), aber auch mit kraftvollen Strukturen und manchmal von unwirklicher Ausstrahlung. Es ist ein Eintauchen in eine fremde Welt in Schwarz-Weiß, so eindringlich, wie man es lange nicht erlebt hat.

Die Ausstellung, die etwa 250 Aufnahmen zeigt und die bis zum letzten Zentimeterabstand bei der Hängung und das Farbkonzept für die jeweiligen Ausstellungsräume durchkonzipiert ist, tourt seit zweieinhalb Jahren durch die Welt und hatte schon mehr als drei Millionen Besucher. Derzeit ist sie - als letzte von zwei Stationen in Deutschland - im Kunstfoyer der Versicherungskammer zu sehen. Hier hat man zusätzliche Stellflächen einziehen müssen, um der Menge an Bildern Herr werden zu können. In fünf Kapiteln wandert der Besucher durch die faszinierende Welt Salgados, trifft auf Landschaften, indigene Völker und Tierwelten vom äußersten Süden, der Antarktis, bis in den hohen Norden, den Polarkreis. Dazwischen Dschungel und Wüsten, Flüsse und Ozeane, Inseln und Bergmassive.

Der Blick Sebastião Salgados hat sich verändert. Früher hat er die Menschen fotografiert. Heute fotografiert er vor allem für die Menschen. Das und der Gedanke hinter "Genesis" mag manchem zu romantisch, zu idealistisch sein. Im Ausdruck aber ist sein Œuvre - neben seiner Monumentalität - vor allem ganz, ganz großartig.

Sebastião Salgado: Genesis, Kunstfoyer, Versicherungskammer, Maximilianstr. 53, bis 24. Januar, täglich 9-19 Uhr. Der Katalog ist im Taschen Verlag erschienen. Lange Nacht der Münchner Museen, Samstag, 17. Oktober, 21 Uhr: "Idris Ackamoor & The Pyramids" (afroamerikanische Jazzband). Sonntags-Matinee der Museums-Lichtspiele, Lilienstr. 2, bis 24. Januar: Das Salz der Erde, ein Film von Wim Wenders über Sebastião Salgado