Forschung Speer verständlich

In Schöningen wurden in den Neunzigern die ältesten erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit gefunden. Nun gibt es Streit, wer sie erforschen darf.

Von Beate Barrein

Sie jagten in Gruppen und mit Speeren aus Holz, die über größere Distanzen leicht zu werfen waren, um große Beutetiere, etwa Pferde, zu Fall zu bringen und sie dann aus der Nähe zu töten. Für die Gruppenjagd mussten sich die frühen Menschen mit Waffen ausstatten, kommunizieren und Erfahrungen austauschen. Das war der Alltag für die Jäger in der Warmzeit vor rund 300 000 Jahren im niedersächsischen Schöningen. Neun Speere, eine Lanze und ein Wurfholz wurden hier in den Neunzigern gefunden, sie gelten als die ältesten erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit.

"Diese Holzerhaltung von vor 300 000 Jahren ist ein Traum! Hier war damals ein See, der viele Tiere wie Jäger anzog", sagt Grabungsleiter Jordi Serangeli von der Universität Tübingen. Das feuchte, kalkhaltige Erdreich konservierte neben vollständigen Pferdeskeletten sogar Eierschalen und Insektenflügel. "Als Wissenschaftler ist man froh, mit Schöningen arbeiten zu können", erklärt Serangeli. Doch wer darf hier arbeiten, forschen, ausstellen?

Ende Juli schloss das Land Niedersachsen einen Vertrag mit der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung im Verbund mit der Universität Tübingen. Damit geht der Grabungsetat für Schöningen in Höhe von 370 000 Euro jährlich erstmals komplett nach Frankfurt und Tübingen. Der Tübinger Experte für ältere Urgeschichte und Quartärökologie Nicholas Conard wird die Forschung leiten. Er ist mit seinem Team seit 2008 an den Grabungen beteiligt. Laut Vertrag geht es um eine "dauerhafte Kooperation zum Abschluss der Ausgrabungen und Forschungen".

Damit endet ein gut zwanzigjähriges, eingespieltes System zwischen Forschung und Denkmalpflege am Fundort. Denn bisher war für Bewahrung und Forschung das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege zuständig. Es koordinierte die Archäologen, Geologen, Paläobotaniker oder Klimaforscher, ergänzte sie mit eigenen Wissenschaftlern und hatte über Jahrzehnte ein landesweites bis internationales Netzwerk aufgebaut. Wie nun die Zusammenarbeit mit dem Landesamt und dem Forschungsmuseum Paläon in Schöningen konkret aussehen soll, ist noch unklar.

So begannen Wochen voller Unsicherheit über die bisherigen und zukünftigen Leistungen für die Erforschung der Speere und die öffentliche Präsentation im Paläon. Die Interessen von Wissenschaftlern mit großer Aussicht auf Drittmittel stehen den bewahrenden Bestrebungen des Landesamtes zum Wohle der Landeskulturgüter gegenüber. Auch das Paläon ist eine Partei im Konflikt geworden.

Der Landesarchäologe des Rheinlandes und Schöningen-Kenner Jürgen Kunow weist darauf hin, dass "das Landesamt Interesse daran hat, die Forschung auf die Ewigkeit anzulegen". Und: "Dass ein Land hingeht und den Forschungsauftrag quasi entzieht, das ist neu", sagt er. Der Tübinger Professor Conard habe geschätzte Interessen an dem Projekt, ein möglicher Nachfolger hätte vielleicht andere, so Kunow.

Der Präsident des Deutschen Verbandes der Archäologen, Hermann Parzinger, hatte bereits in einem offenen Brief den gesetzlichen Auftrag des Landesamtes angemahnt und den Ausschluss aus der anschließenden Forschung kritisiert. "Denkmalpflege in Deutschland ist ein untrennbarer Bestandteil der Forschungslandschaft." Es geht faktisch um die Forschungsergebnisse von der Grabung bis zur Konservierung, den Austausch darüber und um strategische und denkmalpflegerische Planungen, die ein Landesamt versieht. Inzwischen vermittelt Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić (Grüne) persönlich.

Kunow vermutete, dass man in Schöningen "unter Umständen noch ein bisschen schneller werden wollte", was zu einem möglichen Ende der Grabung passt. Dieses hatte die Ministerin Heinen-Kljajić prognostiziert. Das Areal im dortigen Braunkohletagebau werde "vermutlich ab 2030" wieder geflutet, sodass die "Forschung auch deshalb enorm wichtig" sei.

Nun arbeitet das Ministerium an Zusatzvereinbarungen mit dem Landesamt und dem Paläon. Für das Forschungs- und Erlebniszentrum will das Land zukünftig Gelder für Projekte bereitstellen. Die wissenschaftliche Betreuung der Funde und die Beratung bei Ausstellungen durch das Landesamt sollen garantiert werden, auch die Erstpräsentation von Grabungsneuheiten. "Weiterhin muss jede Grabung genehmigt werden. Das Monitoring der Funde und aller Forschungsergebnisse bleibt in der Hand des Landesamtes. Uns geht nichts verloren", so die Ministerin.

Der Präsident des Landesamtes Stefan Winghart ist erleichtert über die neuen Gespräche, "nun müssen die Regularien dafür gefunden werden." Inwieweit dies gelingt, wird die Auswertung der Ergebnisse in fünf Jahren zeigen. Grabungsleiter Serangeli erwartet weitere wichtige Funde hinter den bekannten Grabungsorten in Schöningen. "Wir wollen das Ganze verstehen."