bedeckt München 12°

Alben der Woche:Poledance im Kunstmuseum

FKA Twigs erschafft elegische Sound-Gemälde, Max Herre fährt die Balkanroute rückwärts und Voodoo Jürgens bleibt lieber im weinseligen Beisl.

Von den SZ-Popkritikern

1 / 9

Westernhagen - "Das Pfefferminz-Experiment" (Polydor)

-

Quelle: SZ

Marius Müller-Westernhagen hat sich noch mal das Album vorgenommen, mit dem er vor 40 Jahren bekannt wurde, "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz". Er hat die Lieder alle neu eingespielt, in einem Studio in Woodstock, das Ergebnis nennt er "Das Pfefferminz-Experiment". Schöne Ausnahme in Zeiten, in denen andere allen Ernstes live ihre größten Alben so originalgetreu wie möglich runterspielen. Der Mann ist jetzt 70, die neue Version fällt erwartungsgemäß ruhiger aus als das Original. 1978 grölte und nölte er sich durch hektische Rock'n'Roll-Songs wie "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" und "Oh Margarete", die bringt er jetzt betont entspannt, mit behutsamen Folk-Gitarren und viel Luft zwischen den Tönen. Da schimmert immer so ein "Paris, Texas"-Gefühl durch, man soll bitte gern hören, dass das Album in Amerika auf dem Land entstanden ist. Bei manchen Liedern geht das nicht so gut auf, "Dicke" war einst eine Provokation, jetzt wird eine Art Parodie der Parodie draus. Aber dem Alkohol-Song "Johnny Walker" steht die Stimme des älteren Herrn sehr gut. Sollten sich mehr Sänger trauen, so was.

Max Fellmann

2 / 9

Voodoo Jürgens - "'s Klane Glücksspiel"

-

Quelle: SZ

Eigentlich hätte man meinen können, wenn da ein Wiener unter dem Kalauer-Namen Voodoo Jürgens auftritt und auf schrulliger Bänkelsänger macht, dann wird der ein feiner Independent-Tipp bleiben und für immer in Beisln (österreichisch: Kneipen) spielen. Als er vor drei Jahren auftauchte, war bei ihm alles krummer, sperriger als bei Wanda und den anderen österreichischen Bands, die mit Exportschlagern zu Exportschlagern wurden. Aber Jürgens (bürgerlich David Öllerer) spielte unermüdlich auf kleinen Bühnen seine Lieder, die in breitem Wienerisch vom Leben erzählen, vom Rausch, von der Stadt, von der Liebe. Und weil er viel Charme hat und die Leute sich begeistert von seinen Konzerten erzählten, wurden die Bühnen größer und größer. In Österreich ist er jetzt ein Star und drei Jahre nach seinem Debütalbum, gibt es endlich ein neues, es heißt "'s Klane Glücksspiel" und klingt wie ein weinseliger Beisl-Abend: akustische Instrumente, Ziehharmonika, schräge Bläser, manchmal ein bisschen weit im Schunkligen, dann wieder aufgefangen durch Tom-Waits-Anleihen. Dazu Jürgens' leicht knatschiger Gesang, schöne und traurige Geschichten vom Kartenspielen, Taxifahren, Feiern, Träumen. In den nächsten Wochen ist er auf Tour, auch in Deutschland. Spätestens für den Termin in Dortmund sollte er vielleicht schauen, ob man Konzerte auch mit Untertiteln geben kann.

Max Fellmann

3 / 9

Underworld - Drift Series 1 (Universal)

-

Quelle: SZ

Ein Jahr lang hat das Duo Underworld jetzt sein "Drift"-Projekt durchgezogen. Karl Hyde und Rick Smith, weltbekannt seit dem Klassiker "Born Slippy", der den Film "Trainspotting" befeuerte, wollten nach all der Zeit mal etwas anderes probieren. Also nahmen sie sich vor, ein Jahr lang jeden Donnerstag einen neuen Track auf ihrer Website zu veröffentlichen. Zwang als Methode. Dabei entsteht natürlich viel Geht-schon-so, aber doch auch immer wieder einiges an Hey-nicht-schlecht. Die komplette Sammlung auf sieben CDs ist nur etwas für Fans, aber die zehn Stücke auf der "Drift Series 1 Sampler Edition" ergeben ein ziemlich gutes Underworld-Album. Flächige Elektromusik, manchmal nervös, manchmal sphärisch, der Drumcomputer marschiert, die Synthesizer brizzeln. Am schönsten sind aber die Überraschungen, vor allem das wunderbare Ambient-Stück "Brilliant Yes That Would Be" mit seinen wal-artigen Klagesounds. Hyde und Smith haben übrigens so viel Gefallen an der neuen Produktionsweise (und dem großen Online-Zuspruch) gefunden, dass sie das Projekt einfach fortsetzen.

Max Fellmann

4 / 9

Jeff Lynne's ELO - From Out of Nowhere

Jeff Lyne

Quelle: Sony Music

Jeff Lynne ist ein komischer alter Vogel. Vor 50 Jahren hat er sich eine Sonnenbrille aufgesetzt und beschlossen, sie nie mehr abzunehmen. Vor 50 Jahren hat er sich einen Sound ausgedacht und beschlossen, ihn nie mehr zu ändern. Mit seinem Electric Light Orchestra gehörte er zu den ganz großen Übertreibern der Siebziger, er kombinierte Beatles-Harmonien mit plastikbunten Rock'n'Roll-Parodien und einem Meer kitschiger Geigen - und dabei ist es bis heute geblieben, auch wenn er längst nur noch eine One-Man-Band ist. Für viele Jahre hatte er den Namen ELO aufgegeben und trat als Jeff Lynne auf, seit ein paar Jahren läuft seine Musik unter dem Namen Jeff Lynne's ELO, aber egal, das hat sowieso keinerlei Auswirkung auf die Musik: Das neue Album "From Out Of Nowhere" hätte exakt so auch 1978, 1984, 1996 oder 2007 erscheinen können. Perfekt gemacht, angenehm flauschig, sofort mitsummbar und ohne jede neue Idee.

Max Fellmann

5 / 9

Simply Red - Blue Eyed Soul (BMG)

Simply Red veröffentlicht neues Album ´Blue Eyed Soul"

Quelle: dpa

Simply Red veröffentlichen ein auf alt getrimmtes Funk-and-Soul-Album - und Zyniker stellen sich darunter jetzt bestimmt eine auch musikalisch sehr rothaarige Version des späteren Lionel Richie vor. Stimmt aber nicht. "Blue Eyed Soul" (BMG) ist ein relativ glaubwürdiges Commodores-Soundalike: schnittige Bläser, flauschige geigen, sehr anschmiegsame Gitarren, ein ganz wunderbar warmes Retro-Schlagzeug und ein paar vermutlich wirklich alte Tasteninstrumente. Außerdem zeigt Sänger Mick Hucknall, dass er tatsächlich sehr manierlich croonen und fauchen und schmachten und posen kann. Keine Ahnung, warum er dazu auch noch behauptet: "Ich wollte nie kopieren, sondern eigenständig sein." Als ob es darum bei dieser Musik gehen könnte.

Jakob Biazza

6 / 9

Max Herre - Athen (Lesedi Music)

Herre

Quelle: Lesedi Music

"Athen" beginnt mit einem Roadtrip: Max Herre flieht in weiblicher Begleitung aus einem Hinterhof im Berliner Wedding (Heizung kaputt, schlimm!), und heizt die Balkanroute rückwärts Richtung griechische Hauptstadt, weil Sehnsuchtsort und so. Trotz dieser doch sehr bürgerlichen Ausbruchsfantasie - die übrigens scheitert - verfängt die Stimmung in diesem Sechsminüter inklusive zwei Minuten Pink-Floyd-Instrumental-Bombast: Das Setting für den Rest des Albums ist gesetzt, der Anspruch maximal. Mit so viel Mut zum Risiko hat sich selten ein Deutschrapper zurückgemeldet. Fantastisch! Leider zerspringt die thematische Athen-Klammer schon in der zweiten Nummer, Herre verautotuned sich mit Trettmann in der Metapher einer "Villa auf der Klippe", deren Bedeutung sich leider so gar nicht erschließt. Es folgen der klassische Schön-ist-die-Jugend-Track, der auf keinem Ü30-Rapper-Album fehlen darf ("Siebzehn"), der politische-Weltlage-Track ("Dunkles Kapitel", angenehm unpeinlich mit Megaloh, Dirk von Lotzow und Sugar MMFK) eine Zeitgeist-Kritik mit Dendemann ("Box") und eine schöne Liebeserklärung an und mit Joy Denalane ("Das Wenigste"). Viel Gutes dabei, könnte man nun sagen, bisschen enttäuscht ist man aber, dass Herre nicht einfach das geile Konzeptalbum gemacht hat, das sich im Opener ankündigte, und läuft Gefahr, zu früh auszusteigen - wie die Frau auf dem Roadtrip.

Quentin Lichtblau

7 / 9

Girl Ray - Girl (Moshi Moshi)

Girl Ray

Quelle: Moshi Moshi

In der Disziplin "Somnambul dahingeschrammelter Indiepop" exzelliert das Londoner Frauentrio Girl Ray seit Jahren. Immer bisschen arg betont gelangweilt, Kopfstimmenchor und so weiter, und doch ziemlich gut großeschwesterhaft beiläufig-lässig. Noch besser ist allerdings, dass die Songs des neuen Albums "Girl", "Show Me More" etwa, einen Hauch zackiger und elastischer geraten sind als erwartet, als hätte die Band gerade etwas zu viel Prince gehört.

Jens-Christian Rabe

8 / 9

Amilli - Wings (Mightykillya Records)

Amilli

Quelle: Mightykillya Records

Zurückgelehnter Neo-Soul, also tiefe, zart verstolperte Bässe, zackige Snare-Tschaks, dumpf schnalzende Bassspuren, und eine Stimme, die so heftig hauchen und so virtuos verschlafen nölen kann wie Erykah Badu - wer hätte gedacht, dass all das auf der Debüt-EP einer 19-jährigen deutschen Sängerin aus Bochum namens Amilli zu finden ist! Man höre bitte "Rarri" und "Die For You" und staune gebührend. Wären wir Amerika, wäre Amilli womöglich schon ein kleiner Star.

Jens-Christian Rabe

9 / 9

FKA Twigs - Magdalene (Young Turks)

Albumveröffentlichung - Musikerin Tahliah Barnett alias FKA twigs

Quelle: dpa

Von allen wegweisenden Popstars der Gegenwart dürfte die Sängerin Tahliah Barnett alias FKA Twigs nicht nur die beste und ehrgeizigste Tänzerin, sondern die konsequenteste Performance-Künstlerin sein. Ständig zusammenfallende und sich dann wieder aufbäumende Sound-Gemälde wie "Home With You" oder "Holy Terrain", über die 29-jährigen Britin waghalsig falsettiert, muten im ersten Moment zwar wie so kraftvolle wie elegische Neo-Avantgarde-R'n'B-Songs an, am Ende sind sie aber erst komplett als Tonspuren zu den aufwendigen Videos und Auftritten der Künstlerin. Und zwar im besten Sinne. Mit anderen Worten: Wer sich je gefragt haben sollte, wie ein Poledance aussehen und klingen müsste, der nicht ironisch sein will und doch in einem Museum für Moderne Kunst funktionierte, der schaue das Video zu "Cellophane".

Jens-Christian Rabe

© SZ.de/qli
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema