Filmzeitschrift "steadycam" Zurück in die Zukunft

Die Filmzeitschrift steadycam feiert doppeltes Jubiläum: Die 50. Ausgabe kommt am 25. Geburtstag heraus - mit einem Special über Robert Altman und einer Kritik an der Kritik.

Von Jürgen Schmieder

Das Titelfoto ist furchterregend: Aus einem geöffneten Autofenster ragt der Lauf eines enormen Schalldämpfers, der Schütze ist nicht zu sehen. Es ist eine Szene aus "Assault on a Precinct 13", der zweiten Kinoproduktion des Regisseurs John Carpenter. Unter dem Bild steht: "Die begrenzte Welt des John Carpenter". Man wird stutzig: Dieser Satz unter diesem Bild? Im Artikel erklärt der Autor seine Feststellung und endet mit dem Satz: "Ich habe Lust aufs Kino. Und im Moment mit die größte auf das Kino des John Carpenter."

steadycam

im Laufe der Zeit: Von 1982 bis 1988 wuchs die Seitenzahl von zwölf auf 72 Seiten

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Der Autor ist Milan Pavlovic, er hat diese Zeilen 1983 in der zweiten Ausgabe der Filmzeitschrift steadycam geschrieben. "Im Sommer 1982 war klar, dass es die Zeitschrift Filme nicht mehr geben würde", sagt er. "Da haben sich Philip Siegel und ich - jugendlich leichtsinnig wie wir waren - gesagt: Das können wir auch. Und dann haben wir es einfach gemacht."

Kaum zu glauben: Pavlovic und Siegel haben steadycam als Minderjährige gegründet, Jun Schäffer war der Chefredakteur, "er war der einzige Volljährige", so Pavlovic. Die Seiten der ersten Ausgaben haben sie zu dritt gefüllt. "Wir haben geglaubt, die Zeitschrift verkauft sich wie warme Semmeln - was aber nicht der Fall war", sagt Pavlovic.

Anstatt aufzugeben hat Pavlovic an der Zeitschrift gefeilt, ab der dritten Ausgabe im Alleingang bekannte Kritiker als Autoren gewonnen und sich um Anzeigen bemüht. In dieser Woche erscheint Ausgabe Nummer 50, die Zeitschrift feiert ihren 25. Geburtstag - und gehört zu den anerkanntesten Filmzeitschriften Deutschlands. Ein Blick in Filmforen im Internet genügt, um zu wissen, wie sehr die Leser auf eine neue Ausgabe warten: "Endlich! Die neue steadycam ist da", schreibt einer. "Was ist der Schwerpunkt?", fragt ein anderer. Die Antwort: "Egal! Muss ich haben!"

Kein Wunder, dürfen sich in steadycam die besten Filmkritiker Deutschlands austoben, ohne ein Zeilenlimit einzuhalten oder sich bei der Bildauswahl beschränken zu müssen. In der aktuellen Ausgabe etwa gibt es einen Essay von Holger Gertz über die Simpsons, Tobias Kniebe verurteilt die fiesen Bewertungen, die Kritik-Praktikanten dem Film "Das wilde Leben" zuteilwerden ließen, zwölf Autoren (darunter die Regisseure Tom Tykwer und Dominik Graf) schreiben über das Werk von Robert Altman), Milan Pavlovic erklärt, warum "Deutschland - ein Sommermärchen" eine nette Erinnerung, aber kein guter Dokumentarfilm ist.

Das ist steadycam: Pointierte Texte, intensive Auseinandersetzung mit einzelnen Filmen - und eine starke Meinung. Tobias Kniebe etwa schreibt über die Filmfigur Uschi Obermaier: "Diese Frau trifft nun auf die Kinogänger der Generation Praktikum, die sich auf die Frage, ob die Gesellschaft bald einen Job für sie haben wird, nächtelang in die Hosen scheißen."

Der Zauber der Zeitschrift wird jedoch bei der Rubrik "30 Lieblingsfilme" deutlich: Zahlreiche Kritiker, Regisseure und Drehbuchautoren geben ihre 30 ewigen Favoriten an, Sieger dieser Ausgabe ist Hitchcocks "Vertigo". Als Hommage wird ein Auszug aus Francois Truffauts Interview mit Hitchcock abgedruckt, daneben ist - in 48 Einzelbildern - die Begegnung und der Kuss von Jimmy Stewart und Kim Novak zu sehen.

So könnte Filmkritik aussehen: Der Autor erklärt einzelne Szenen anhand von Bildern und Videos, setzt sich mit der Vision des Regisseurs auseinander, vertritt sein Urteil meinungsstark - und stellt sich danach einem Dialog mit filmbegeisterten Lesern.

Derzeit läuft es anders: Es war im August vergangenen Jahres, als Die Zeit eine Kritik zu Tom Tykwers "Das Parfum" veröffentlichte und damit den unsinnigen Wettbewerb um die erste Besprechung dieses Films gewann. Menschen, die den Film noch nicht gesehen haben konnten, ja vermutlich noch nicht einmal das Startdatum (14. September) kannten, sollten sich mit dem Film auseinandersetzen.

Tageszeitungen tragen einen perfiden Wettstreit aus: Wer teilt den Filmfreunden zuerst seine Meinung mit? Die Besprechung eines Films am Freitag, der bereits in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag angelaufen ist, gilt bereits als hoffnungslos verspätet. Genau das kritisiert Pavlovic in seinem "Tagebuch eines Kritikers" und fordert ein Umdenken beim Umgang mit Filmen.

Die Verantwortlichen können nicht von der Produktion von steadycam leben. Die Autoren liefern ihre Texte ohne Vergütung, Milan Pavlovic - der einzige Redakteur - arbeitet als Sportredakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Kein Wunder, dass die aktuelle Ausgabe den Abschied von Andre Agassi behandelt und eine geniale Zusammenstellung seiner wichtigsten Matches enthält.

"Ich bin meinen Vorgesetzten und Kollegen dankbar, dass sie so geduldig sind", sagt Pavlovic. Die Produktion der Zeitschrift findet meist am Abend und im Urlaub statt. Wie verrückt muss jemand sein, der neben dem stressigen Redakteursjob noch eine Filmzeitschrift herausgibt?

Zumindest verrückt genug, um sicherzustellen, dass das doppelte Jubiläum nicht das Ende von steadycam darstellt. "Nummer 51 wird es sicher geben, wir mussten einige Themen schon schieben", sagt Pavlovic - und lacht, denn mit 380 Seiten hätte die Jubiläumsausgabe auch eine Doppelnummer sein können. Aber: "In so einem Moment hat eine 51 auf dem Cover nichts zu suchen", schreibt Pavlovic im Schlusswort.

Solange es eine Ausgabe gibt, auf der die 51 steht, ist dagegen nichts zu sagen.

Die Jubiläumsausgabe von steadycam ist hier erhältlich.