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Filmkunst:Die Sprache der Körper

"Mit siebzehn": Der französische Regisseur André Téchiné, inzwischen jenseits der siebzig, jagt mit ungebrochenem Elan seinem Lebensthema nach - der jugendlichen Verwirrung der Gefühle.

Von Philipp Stadelmaier

Manchmal ist die Liebe von der Verachtung nur einen Wimpernschlag entfernt. Nur den einen Moment, der eine Einstellung von der nächsten trennt und einen Körper von einem anderen. Vor allem im Kino des André Téchiné. Dort ist alles immer ruhelos im Fluss, selbst die Jahreszeiten.

So rast gleich zu Anfang von Téchinés neuem Film, "Mit siebzehn", die Kamera durch die in allen Farben des Sommers strahlenden Pyrenäen. In knallroten Blocklettern prangen die Namen des Films und der Schauspieler auf der Leinwand. Dann gleitet die Fahrt, die einer Landstraße folgt, in einen Tunnel - und als sie wieder hervorkommt, ist es schon nebelverhangener Winter. Urplötzlich hat sich die Umgebung verändert, als wäre die verwegene, sommerbeschwingte Bewegung der Kamera auf einen Widerstand gestoßen, als hätten höhere Mächte die Welt schockgefrostet. Was keineswegs heißt, dass es unter dem Eis nicht immer noch heiß ist.

Man spürt eisige Abneigung zwischen den beiden - aber auch sehr viel Reibungswärme

Ebenso heiß wie kalt - so ließe sich auch die Beziehung von Thomas (Corentin Fila) und Damien (Kacey Mottet Klein) beschreiben. Beide sind, wie der Titel es nahelegt, siebzehn und leben in den französischen Pyrenäen. Thomas ist ein bleicher, schlaksiger Typ, Damien eher der dunklere und kräftige. Thomas wohnt bei seiner Mutter in einer kleinen Stadt; Damien mit seinen Adoptiveltern auf einem Bauernhof weiter oben in den Bergen. Sie gehen in dieselbe Klasse. Ob nun im Sportunterricht, im Klassenzimmer oder auf dem Pausenhof, sie können sich nicht in der Nähe des anderen aufhalten, ohne übereinander herzufallen. Sie hauen sich ungestüm auf den Boden, stellen sich ein Bein, hauen sich in den Schnee. Bis einer blutet.

Man spürt also viel eisige Abneigung. Aber auch viel Reibungswärme. Das Ganze ist kein Spiel, keine alterstypische Rauferei unter Pubertierenden, sondern schierer Ernst. Denn mit jedem Mal, an dem sie sich umhauen, wird deutlicher, dass sie eine regelrechte Obsession für den Körper des anderen entwickeln. Als würden sie danach gieren, den anderen fallen zu sehen, ihn zu Boden zu drücken. Wie beim Liebesspiel. Die extreme Abneigung verbirgt natürlich eine magnetische Anziehungskraft.

Mit Siebzehn

Nicht alle Erwachsenen sind verständnislos, was die Widersprüche der Jugend betrifft: Szene mit Corentin Fila (links) und Sandrine Kiberlain.

(Foto: Kool Film)

Es ist dieser Magnetismus, den Téchiné nun entfaltet, in dem er die beiden Kampfhähne möglichst nah zusammenbringt. Dies wird eingefädelt durch eine wunderbare Figur, die sich als wahre Kupplerin erweisen wird: Thomas' Mutter, gespielt von Sandrine Kiberlain. Die stellt irgendwann zufällig fest, dass Damien jeden Tag einen enormen Schulweg zurücklegen muss - und bietet ihm an, bei ihr und Thomas zu wohnen, damit sich Damien besser aufs Abitur vorbereiten kann. Trotz oder gerade aufgrund der Spannungen zwischen den beiden. Fortan sitzen die Jungs also gemeinsam am Küchentisch und lernen Mathe. Aber ihre Körper haben anderes im Sinn. Die Beine zappeln unruhig, und die Augen schicken sich Blicke zu, die in keine Gleichung passen. Bald knallen sie die Algebra-Bücher zu und rennen in die Berge, um sich gegenseitig erneut mit Hämatomen zu übersäen.

Man kann sich vorstellen, was andere aus diesem Stoff gemacht hätten. Thomas und Damien hätten irgendwann gelernt, miteinander "umzugehen". Sie hätten über ihre Probleme diskutiert, damit der Zuschauer sich für ihre Situation "sensibilisieren" kann: Für das "Problem" der Homosexualität in diesem Alter, das die überforderten Kinder in Gewalt umgesetzt haben. Das ist der Stoff, aus dem Themenfilme gemacht sind. Keine Téchiné-Filme.

Hier wird zwar schon auch mal diskutiert. Die wunderbar verständnisvolle Mutter aber deutet an, dass es Dinge gibt, über die nichts zu sagen ist oder nichts gesagt werden sollte. Denn die Frau ist eine (gute) Ärztin und weiß: Auch und gerade Körper sprechen. Wenn sich die sexuelle Attraktion zwischen Thomas und Damien lange nur in Gewalt ausdrückt, dann deshalb, weil sich auch Téchiné hauptsächlich für die Energie von Körpern interessiert. Die ist immer zu spüren - auch wenn die Figuren nicht zusammen sind. Damien stapft stundenlang durch den Schnee zwischen Berg und Tal oder springt nachts in einen eiskalten See, Thomas drischt nach der Schule hemmungslos auf einen Sandsack ein. Diese Körper kennen keine Müdigkeit, haben immer noch eine Reserve an Energie. Das Einzige, was sie determiniert, ist dieser Überschuss an Bewegung - keine "sexuelle Identität".

Zwischen diesen Körpern bleibt alles offen, alles veränderbar. Das Kalte und das Heiße, Ablehnung und Nähe: All das sind Zustände, die sich mal abwechseln, mal überlagern. Einmal lässt Damien Thomas nah an sich rankommen und sich von ihm küssen, um ihn einen Sekundenbruchteil später wegzuschleudern, beinahe erschrocken über sich selbst. Ständig kann hier Anziehung in Abstoßung, kann Geilheit in trotzigen Stolz umschlagen. "Man schläft nicht mit mir", erklärt Damien einmal.

Das erinnert an einen früheren Titel von Téchiné: "Ich küsse nicht". Téchiné, der hier Thomas, seine Mutter und Damien zeitweilig in einem Haus vereint, hat immer schon seine Figuren in einem geschlossenen Milieu, einem Mikrokosmos zusammengeführt, in dem sie einander umkreisen und begehren, die Begierde aber auch oft auf spröde Ablehnung trifft. In "Rendez-Vous" etwa wohnen Juliette Binoche und Lambert Wilson in einer großen Pariser Wohnung, die zur Höhle aller möglichen Leidenschaften wird - aber sie entzieht sich ihm auch, sodass sie nicht zusammenfinden werden. Die "Rendezvous" enden bei Téchiné meist nicht gut.

André Téchiné dreht keine Themenfilme - er vertraut ganz anderen Kräften

"Mit siebzehn" ist anders und erinnert eher an "Wilde Herzen", wo ein Internat auf dem französischen Land zum erotischen Experimentierfeld für eine Gruppe von Jugendlichen wurde. Dies alles im strahlenden Sommer und mit optimistischem Ende. Auch in "Mit siebzehn" setzt sich am Ende nach allem Hin und Her, nach allem Wechsel der Jahreszeiten und Gefühle dann doch der Sommer durch. Und der Optimismus.

Am Ende wird die Mutter ihrem Sohn sagen, dass er sich um seine Zukunft keine Sorgen machen solle. Und ebenso, wie sie ihm vertraut, so vertraut Téchiné nicht den "sensiblen Themen", sondern den Kräften zwischen den Körpern. Für das, was sie sich anziehen und abstoßen lässt. Was zwischen ihnen zirkuliert und sie in ständige Unruhe versetzt: Luft, Licht, Energie. Dann wird alles gut. Und es kann Sommer werden.

Quand on a 17 ans, Frankreich 2016 - Regie: André Téchiné. Buch: Téchiné, Céline Sciamma. Kamera: Julien Hirsch. Mit Sandrine Kiberlain, Kacey Mottet Klein, Corentin Fila. Alexis Loret, Jean Fornerod, Mama Prassinos. Verleih: Kool Filmdistribution, 116 Minuten.

© SZ vom 16.03.2017
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