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Filmkritik "Gemini Man":Absolut zerbrechlich

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Der junge, künstliche Will Smith (vorne) wird gejagt von dem echten, der sein richtiges Alter spielt.

(Foto: Paramount Pictures)

Ang Lees Film "Gemini Man" konfrontiert seinen Helden, der keine Spiegel mag, mit einem Phantom - seinem eigenen, zur Kampfmaschine hochtrainierten Klon.

Henry liegt bäuchlings mit seinem Präzisionsgewehr auf einer grünen Wiese in Belgien, durchs Tal unter der Anhöhe donnert ein Hochgeschwindigkeitszug. An Bord sitzt ein Mann auf einem Fensterplatz, der fies aussieht und vermutlich den Tod verdient. Mit dem Sucher seines Gewehrs erfasst Henry das Zielobjekt, bewegt sich mit dem fahrenden Zug, drückt ab - und trifft. Aus zwei Kilometer Entfernung, durch eine Fensterscheibe, und genau in dem Moment, in dem der Zug in einem Tunnel verschwindet.

Henry, gespielt von Will Smith, ist ein Auftragskiller, einer der besten. An Bord des Zuges ist ein begeisterter Kollege, der nach dem erfolgreichen Schuss die Folgen gefilmt hat. Als sie später das Gewehr zusammenpacken, zeigt er ihm das Video, als sei der Meisterschütze ein Star und das Video die Aufnahme eines großen Auftritts. Henrys einziger Kommentar: "Lösch es."

Diese Aufnahmen, mit denen Ang Lee den Helden seines neuen Films "Gemini Man" gleich zu Anfang konfrontiert, lösen etwas in Henry aus. Auf den Kopf des Opfers habe er gezielt, sagt er, aber nur den Nacken erwischt. Und dann war da noch dieses kleine Mädchen im Abteil. Nur ein winziger Fehler, und anstelle des mutmaßlichen Terroristen wäre sie von seiner Kugel getroffen worden. Aber das eigentliche Problem ist ein anderes. Der Mann, so erfahren wir bald, hasst Spiegel. Da Bilder Spiegel der Wirklichkeit sind, hasst er auch Bilder. Nun ist es ein Video, das ihm den Spiegel vorhält. Und so beschließt Henry, seinen Job an den zu Nagel hängen. Er ist ja auch schon über fünfzig.

Nun ist die amerikanische Sicherheitsbehörde, für die er gearbeitet hat, gar nicht glücklich mit dieser Entscheidung. Die Agentin Danny (Mary Elizabeth Winstead), die ihn beschattet, tut erst so, als wüsste sie nichts von der Wanze in seinem Motorboot, bis sie die Seiten wechselt und sich ihm anschließt. Alte Freunde und Kollegen werden ausgeschaltet, bald huschen dunkel gekleidete Elitekämpfer durch Henrys Vorgarten, um ihn zu töten.

Endlich erscheint im Sucher sein Gegner - doch Henry kann nicht abdrücken

Henry und Danny fliehen, erst nach Kolumbien, später nach Ungarn. In Cartagena liefert er sich eine Verfolgungsjagd mit einem besonders flinken Schützen auf den Dächern. Endlich verschafft er sich einen Vorsprung, zielt mit seinem Gewehr aufs Dach. Da erscheint im Sucher sein Gegner, doch Henry kann nicht abdrücken. Denn im Sucher sieht er - sich selbst. Der Mann, der Angst vor Spiegeln hat, bekommt es mit einem ganz besonderen Spiegel zu tun: mit einer jüngeren Version seiner selbst. Dreiundzwanzig Jahre alt ist der Knabe, der ziemlich genau so aussieht, wie Will Smith in diesem Alter ausgesehen hat oder heute aussehen würde.

Im Film handelt es sich um einen jüngeren Klon von Henry, der den simplen Namen Junior trägt. Eine dubiose Sicherheitsfirma namens Gemini hat ihn aus Henrys DNA hergestellt und ihm nun den Auftrag gegeben, sein genetisches Vorbild auszuschalten. Nun ist Junior eine ganz und gar digitale Figur. Was wir da auf der Leinwand sehen, ist kein Schauspieler, sondern ein Stück Software, die mit Bewegungsdaten von Will Smith gefüttert wurde. Deswegen ist Junior so unheimlich, bewegt er sich so unwirklich schnell. Junior ist ein Phantom. Seine tödliche Effizienz ist allerdings ziemlich echt.

Hochgeschwindigkeitskameras sorgen, auch in 3-D, für ein dahinfließendes Bild. Eine Motorradjagd, gefilmt in einer langen, flüssigen Einstellung, ein Sprint und mehrere Sprünge auf ein Dach - keiner ist besser als Ang Lee, wenn es darum geht, die katzenartige Eleganz von kämpfenden Körpern zu filmen. Oft kommt es einem vor, als sei man in einem Live-Egoshooter unterwegs, wenn die Kamera die Perspektive der Figuren einnimmt. Das ist amerikanische Kriegskultur im Zeitalter der Virtualität, wie in einem Videospiel.

Lees letzter Film, "Die irre Heldentour des Billy Lynn", handelte von der Ehrung eines Irakkriegshelden und seiner Einheit in einem Football-Stadion. In hochaufgelösten digitalen Bildern zeigte (und kritisierte) er ein patriotisches Spektakel, inmitten von LCD-Monitoren und Pyrotechnik: eine Gesellschaft, die ihre Identität aus militärischem Heroismus und Showkultur zieht. Auch im neuen Film ist Gemini ebenso Militärkonzern wie Spektakelmaschine. Auf dem Firmengelände werden Übungen für Sicherheitsleute und Soldaten organisiert, vergangene und künftige Kriege im arabischen Raum inszeniert. In diesen sollen bald nur noch Klons und Mutanten herumrennen, unbezwingbar, ohne Schmerz und Gewissen. Der Krieg wird zum Spektakel umfunktioniert, in dem Wesen kämpfen, die ohne Mitleid sind - und mit denen man kein Mitleid haben muss. Man kann ihnen dann ohne Empathie, aber erfreut über ihr Können aus der Ferne zuschauen.

In Anbetracht einer solchen Abstumpfung verleiht Ang Lee seinen Figuren, den digitalen wie den nichtdigitalen, hingegen eine Seele. Er bleibt sensibel für die Zartheit von Will Smiths Gesicht und seiner Junior-Version. Und so entsteht die eigentliche Schönheit dieses Films aus der Menschlichkeit und der Zerbrechlichkeit der Krieger und ihrer Spiegelbilder.

Gemini Man, USA 2019. Regie: Ang Lee. Buch: David Benioff, Billy Ray, Darren Lemke. Kamera: Dion Beebe. Mit Will Smith, Mary Elizabeth Winstead, Clive Owen. Paramount, 117 Minuten.

© SZ vom 04.10.2019

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