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Filmfest München:Ein Text, der tötet

"Ich, der ich meine Mutter, meine Schwester und meinen Bruder getötet habe": Der legendäre Fall Rivière, auf dem 25. internationalen Filmfest München in Filmen von Allio und Philibert.

Fritz Göttler

Um eine alte Geschichte geht es in diesen Filmen, nicht parabelhaft und direkt, sondern vielfach verschlungen, über diverse Brechungen und Reflexe - die Geschichte vom verlorenen Sohn. Und um dessen Rückkehr, mit der die Geschichte schließlich ein Ende findet. Pierre Rivière, ein junger Mann aus dem kleinen Ort Aunay-sur-Odon in der Normandie, der im Jahr 1835 mit einer Sichel seine Mutter und zwei Geschwister niedermetzelt: Patrizid, der Elternmord, das schlimmste Verbrechen im 19. Jahrhundert. Ein Junge, der sich in einem hoffnungslosen Familienkonflikt verloren hat, in einer wilden Tat und dem Diskurs darüber - ein Schicksal, so absurd und radikal wie der parallel laufende Fall des Kaspar Hauser in Deutschland.

In den Siebzigern hat Michel Foucault das Rivière-Material aufgestöbert im Archiv von Caen, mit Freunden und Kollegen in einem Seminar behandelt und in einem Buch herausgegeben: die Verhör- und Prozessprotokolle, Zeitungsberichte, medizinische und psychologische Gutachten, und vor allem das berühmte Memoire des Täters, in dem er die Vorgeschichte erzählt, seine Tat beschreibt und erklärt. Pierre Rivière wurde zum Tode verurteilt, dann begnadigt, hat sich im Gefängnis das Leben genommen.

1976 hat René Allio einen Film aus diesem Buch gemacht, mit den Bauern der Region, hat in kleinen Miniaturen das Geschehen nachspielen lassen und dabei das Verwundern, die Beklemmung, das Grauen darüber reflektiert: "Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère", hieß der Film, nach dem Satz, mit dem das Memoire begann: "Ich, Pierre Rivière, der ich meine Mutter, meine Schwester und meinen Bruder getötet habe". Nicholas Philibert war damals einer von Allios Assistenten, nun ist er an den Drehort zurückgekehrt, dreißig Kilometer vom Schauplatz des Verbrechens entfernt, hat die Akteure von damals besucht und in "Retour en Normandie" ihre Erfahrungen mit den seinen zusammengebracht. Beide Filme werden am Wochenende auf dem Filmfest gezeigt

Aus der pädagogischen Provinz

Philibert hat 2002 mit seinem "Être et avoir/Sein und Haben" einen Überraschungserfolg gehabt, eine Geschichte aus der pädagogischen Provinz, vom Lehrer Georges Lopez und seinen dreizehn Schülern in ihrer kleinen Schule in der Auvergne. Die Liebe zur Provinz verbindet diesen Film mit dem blutigen Rivière-Stück, die Konzentration und die Liebe zu den Menschen vor der Kamera. "Retour" ist zudem eine Hymne auf den unabhängigen Filmemacher Allio, der unablässig kämpfte für seinen Film, die wacklige Finanzierung nachbessern, wichtige Szenen dann doch streichen musste.

Viele Jahre lang hat Pierre Rivière miterleben müssen, wie seine Mutter seinen Vater schikanierte, demütigte, ausbeutete, ausblutete. Sie lebten getrennt, und die lokale Rechtsprechung hat immer wieder die schwächere Partei, also die Frau, unterstützt. Also hat Pierre beschlossen, den Vater zu rächen, die Ehre wiederherzustellen, die Mutter zu töten, und zwei der Geschwister, die bei ihr lebten. Die Textur dieses Verbrechens ist es, die dann in den Siebzigern Michel Foucault faszinierte, die bizarre "Schönheit" einer Bluttat, die eingebettet war in einen wohlbedachten Diskurs des Mörders, der einen Nullpunkt markierte zwischen den Diskursen der Justiz und der Medizin, ihnen immer wieder entkommt, ohne sich festlegen zu lassen.

Die Tat und der Text, das Töten und das Schreiben - man merkt, wenn man die Filme von Allio und Philibert sieht, dass erst das Kino diese Bewegungen zusammenbringen konnte. Als man Rivière Papier und Feder in die Zelle bringt, steht er stocksteif am Tisch, wie eine Mumie, die darauf wartet zum Leben wieder erweckt zu werden. Sein Schreiben wird zum Spiel, das weder als Geständnis noch zur Verteidigung dient, sondern Teil der Tat selber ist. Auch wenn er erst nach der Tat das Memoire niederschrieb - er hat es bereits zuvor in Gedanken aufgesetzt, die Worte überlegt, die er nehmen wollte. "Ein Memoire, das im vorhinein memoriert ist." (Foucault)

Erstaunlich ist diese Meisterschaft des Diskurses, weil Pierre, wie er selbst angibt, gerade mal Lesen und Schreiben konnte. Aber sein Text, erklärt Allio, zeigt, wie die Menschen damals Gefangene des sozialen, des bäuerlichen Systems waren. 130 Jahre später, als er seinen Film drehte, führt es die heutige Gesellschaft ad absurdum. Einer der damals am Film Beteiligten erklärt Philibert mit bezaubernder Subtilität, wie die mitspielenden Bauern, wenn sie sahen, wie die Crew die Szenen einrichteten, Schienen legten für die Kamerafahrten, einfach spontan mit zupackten - zur Verwirrung von Allio: Nein, ihr seid hier Schauspieler . . . Die Trennung wurde nicht akzeptiert, die arbeitstechnische, die gesellschaftliche insgesamt.

Claude Hébert, der den Pierre spielte, blieb lange unauffindbar - erst kurz vor Drehschluss konnte Philibert ihn aufspüren. Er lebt nun in Haiti, als Missionar. Wenn er im Dorf eintrifft, ist das wie die Rückkehr des verlorenen Sohnes. In der gemeinsamen Arbeit am Film haben die persönlichen Beziehungen der "Akteure" mit den fiktiven zu etwas Neuem verschmolzen. Auch ein verlorener Vater wird schließlich wieder gefunden. Philiberts Vater hatte einen kleinen Part übernommen, den Justizminister, der beim König um Begnadigung für Pierre bat. Die Szene musste damals herausgenommen werden, aber nach langem Suchen hat Philibert sie gefunden, nun kann er sie uns zeigen, zum Abschluss seiner persönlichen Recherche.

(Retour en Normandie, Samstag, 20 Uhr, und Sonntag, 17.30 Uhr, Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère, Samstag, 17.30 Uhr, Dienstag, 22.30 Uhr. Jeweils im Filmmuseum München.)

© SZ vom 23.6.2007
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