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Filmdoku zur Popgeschichte:Es begann auf Hydra

Marianne Ihlen und Leonard Cohen, in ihrem griechischen Glück auf der Insel Hydra.

(Foto: Babis Mores / Verleih)

In "Marianne & Leonard" zeichnet Nick Broomfield die Liebe von Marianne Ihlen und Leonard Cohen nach.

Von Annett Scheffel

Am besten, sagt einmal ein Freund von Marianne, könnte man von ihr und Leonard erzählen, wenn man sich eine Liebesgeschichte vorstelle, "mit 50 Kapiteln, in denen sie nicht zusammen waren". Man ahnt als Zuschauer, dass dies am Ende die realistischere Art ist, die Beziehung zwischen Marianne Ihlen und Leonard Cohen und zu beschreiben. Nick Broomfield dagegen, der das Statement für seinen Dokumentarfilm "Marianne & Leonard: Words of Love" eingefangen hat, scheint die Jahrzehnte währende Allianz zwischen dem kanadischen Musiker und seiner norwegischen Muse ein wenig zu idealisieren. Die Wahrheit kannten nur die zwei Liebenden selbst, die 2016 im Abstand von nur drei Monaten starben. Cohen jedenfalls hat die Legende von seiner immerwährenden, fernen Geliebten stets aufrechterhalten. Weil auch er wusste, wie gut diese Geschichte ist.

Und das ist sie wirklich: Broomfield erzählt von Marianne, einer jungen, alleinerziehenden Mutter und Aussteigerin, die in den frühen Sechzigern auf der griechischen Insel Hydra Leonard Cohen kennenlernt - damals noch kein gefeierter Songwriter, sondern ein erfolgloser Schriftsteller, der über den großen Ozean in die sonnenbeschienene, von Kreativen aus aller Welt bevölkerten Prä-Hippie-Enklave gereist war, um Bohème-Lebensstil und vielfältige Drogenerlebnisse zu suchen. Fast ein Jahrzehnt blieben sie mehr oder weniger ein Paar, weil Cohen in die Welt hinaus und ein Star werden wollte. Er schrieb ihr einen Abschiedssong, der einer seiner berühmtesten werden sollte: "So Long, Marianne".

Der Film zeigt ihre Geschichte mit überraschender Zärtlichkeit

Man ist zunächst etwas überrascht von der Zärtlichkeit, mit der Nick Broomfield diese Liebesgeschichte entwirft, die über die gängigen Musiker-Dokus hinausweist. Der britische Filmemacher ist bekannt für seine schlagzeilenwirksamen, fast zynischen Dokumentationen über berühmte Tote: Kurt Cobain, Whitney Houston, Tupac Shakur. Aber auch wenn man "Marianne & Leonard" die Zuneigung des Erzählers anmerkt, kommt er auch diesmal nicht ganz ohne narzisstischen Unterton aus - in Dokumentationen von Broomfield geht es immer auch um Broomfield selbst. Tatsächlich erfahren wir zu Beginn, dass auch er als junger Mann eine flüchtige Affäre mit Marianne hatte, die ihn laut eigener Aussage dazu brachte, Filmemacher zu werden. Was ein guter Zugang sein könnte, stellt sich dann eher als Selbstbespiegelung heraus: ein Erzähler, der sich in seine Geschichte einschreiben will.

Was man währenddessen sieht, ist allerdings sehr berührend: Broomfield hat viele unveröffentlichte Archivaufnahmen ausgegraben. Darunter sinnlich flimmernde Kameraeinstellungen auf Hydra, gedreht vom gerade verstorbenen Dokumentarfilmer D. A. Pennebaker: Da ist Ihlen im goldenen Sonnenlicht, ihr undurchdringliches Lächeln, mit wehendem Haar auf einem Boot und badend im Meer. Und da ist der fast bis zur Unkenntlichkeit braungebrannte Cohen, der zwar schon nachdenklich ist, aber noch nicht der Sänger mit dem besonders traurigen, finsteren Blick, an den man sich heute erinnert. "Marianne & Leonard" holt den Zuschauer weit zurück in diese Zeit und ihre Stimmung, als die Sehnsucht nach Freiheit und selbstbestimmter Liebe groß und die Einstellung zur Monogamie locker war.

Im Licht der langen, griechischen Sommer kommen aber ein paar der spannenden Geschichten auch zu kurz. Zu flüchtig ist etwas Broomfields Blick auf die problematischen Seiten des Bohemian-Lebens, das Cohen und eine ganze Generation prägen sollte. Cohen spricht im Film mit erstaunlicher Naivität über die Schönheit des "Zusammenwirkens", also der polyamorösen Sexualität dieser Zeit. In Wechselwirkung mit jeder Menge Drogen ergab der leichtfertige Umgang damit für Cohen ein reichhaltiges Figurenkabinett für seine zukünftigen Songtexte. Vielen anderen - besonders den in diesem Umfeld aufgewachsenen Kindern - wurden die unsteten Familienstrukturen später im Leben aber zum Verhängnis. Ihlens Sohn Axel etwa landete als Erwachsener mehrfach in der Psychiatrie.

Ein wenig übel muss man es Broomfield dann auch nehmen, dass sich sein Film zu weit von seiner weiblichen Hauptfigur entfernt. Nicht nur bemüht er die alte Erzählung von der schönen Muse, die für den genialen Poeten stets Sex und Sandwiches bereitstellt. Sondern er nutzt seinen Film bald auch vornehmlich, um Cohens Karriere abzuschreiten, die nach der Zeit auf Hydra Fahrt aufnahm: Freunde und Musiker erzählen ausführlich davon, wie er nach New York kam und Sänger wurde, wie er in "Chelsea Hotel #2" über Janis Joplin sang - "giving me head on the unmade bed", und wie das alles so war auf Tournee, mit Bühnenangst und Drogenexzessen. Natürlich ist das alles genauso interessant wie unterhaltsam. So wird man aber nie einen bitteren Beigeschmack los: den der Ignoranz gegenüber jener Frau, die ab dann in seinem immer größer werdenden Schatten verschwand. Von Cohen sitzengelassen, ging Marianne Ihlen in den Siebzigern nach Norwegen und in die Bürgerlichkeit zurück. Und wurde zur ewig Verabschiedeten, zu der Frau, der Cohen bei jedem Konzert sein "So long" hinterherraunte. Darüber, wie sie selbst über ihren Platz in dieser Geschichte gedacht hat, erzählt Broomfields Film wenig. Undankbar ist er allemal.

Marianne & Leonard: Words of Love, USA 2019 - Regie und Buch: Nick Broomfield. Kamera: Barney Broomfield. Schnitt: Marc Hoeferlin. Mit: Marianne Ihlen, Leonard Cohen. Piece of Magic, 102 Minuten.

© SZ vom 13.11.2019

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