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Film:Hinsehen, nicht wegschauen

Der Kurzfilm "Esperanza 43" handelt von 43 Studenten, die 2014 im mexikanischen Iguala verschwunden sind.

(Foto: Dt. Menschenrechts-Filmpreis)

Das Arri-Kino zeigt die ausgezeichneten Werke des Menschenrechts-Filmpreises. Die Geschichten führen nach Mexiko, Indien, Zentralafrika und Deutschland

Von Rieke Wiemann

Trommelnd ziehen sie durch Ayotzinapa in Mexiko, mit ernster Miene und Schwarz-Weiß-Porträts vor ihrer Brust. "César lebt", ruft einer der Demonstranten, "die Suche geht weiter", stimmen Hunderte lauthals ein. Mehr als zwei Jahre ist es her, dass César und seine Kommilitonen auf ihrer Busreise nach Iguala verschleppt wurden. Seither fehlt von den 43 Lehramtsstudenten jede Spur. Längst hat sie Mexikos Regierung für tot erklärt, doch das weigern sich die Angehörigen zu glauben. Sie geben die Hoffnung nicht auf.

"Esperanza 43" heißt der Film von Oliver Stiller, der die Geschichte der entführten Männer aus Mexiko erzählt. "Hoffnung 43" also. Der deutsche Filmemacher hat die Eltern der Vermissten in ihrer Heimat getroffen und sie bei der Suche begleitet − nach ihren Kindern, nach Beweisen, nach der Wahrheit. "Eigentlich hatte ich geplant, ein Porträt von nur einer Familie zu drehen", sagt der 39-jährige Lüneburger. Daraus ist das Porträt eines ganzen Dorfes geworden, das unerbittlich gegen die Haltung der mexikanischen Polizei und die Straflosigkeit im Land protestiert.

Der zwanzigminütige Kurzfilm ist jüngst mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis ausgezeichnet worden. Am Mittwoch, 8. Februar, zeigt das Arri-Kino die Dokumentation, ebenso vier andere Preisträgerfilme: "Mexiko − Künstler gegen das Verbrechen", der Gewinner in der Kategorie Magazinfilm, befasst sich ebenfalls mit dem rätselhaften Verschwinden im mexikanischen Iguala. Die Regisseure Alexander Bühler und Jens-Uwe Korsowsky demonstrieren in ihrem Beitrag, wie Einheimische versuchen, die Erinnerung an die Internatsstudenten mit Musik wachzuhalten. "Der Fall der 43 jungen Männer darf nicht in Vergessenheit geraten", sagt Marko Junghänel, der den Wettbewerb seit 2006 organisiert. "Deshalb muss man ihm die Aufmerksamkeit einer Kamera schenken." Nicht zuletzt führen beide Filme vor, inwieweit Polizei, Politik und Kriminelle auch heute noch in Mexiko zusammenarbeiten.

Doch nicht nur von Verbrechen in Mexiko handeln die sechs Gewinnerfilme, die 20 Juroren aus 385 eingereichten Arbeiten ausgewählt haben. "Die Werke spiegeln immer die aktuelle Weltlage wider", sagt der Koordinator. So diskutieren die Wettbewerbsteilnehmer Vergewaltigung und Unterdrückung ebenso wie das Thema Flucht. Um Letzteres geht es in "Morgenland", dem ersten Film von Sonja Elena Schroeder, Luise Rist, Hans Kaul und Thomas Kirchberg. Auf tragikomische Weise dokumentiert er das Leben von jugendlichen Geflüchteten aus Syrien und dem Irak, wenn sie sich in ihrer neuen Heimat Göttingen an Lieblingsorten oder in Traumberufen inszenieren. Von Deutschland aus nimmt Arkadij Khaets Drama die Zuschauer mit nach Israel − auf ein Krankenhausbett. Eigentlich nur auf Klassenfahrt, liegt Tom wenige Stunden nach seiner Ankunft in einer Klinik. Was ihm widerfahren ist, daran kann sich der Junge nicht erinnern. Bis seine Zimmernachbarin "durch den Vorhang" an zu erzählen beginnt.

Freuen darf sich das Publikum auch auf den preisgekrönten Dokumentarfilm "Where to, Miss?" von der Filmhochschülerin Manuela Bastian. Als einziges Werk nicht dabei ist der Gewinner in der Kategorie Langfilm: "Cahier africain". Der Grund: Die Dokumentation, an der die Regisseurin Heidi Specogna mehr als 80 Monate gearbeitet hat, läuft am 12. Mai auf dem Münchner Dok-Fest. Die Filmemacher werden bei der kostenlosen Veranstaltung im Arri-Kino anwesend sein.

Der Menschenrechtsfilmpreis, der im Dezember zum zehnten Mal verliehen wurde, ist heute bedeutender denn je. "Die Durchsetzung der Menschenrechte wird weltweit schwieriger", sagt Marko Junghänel. Da genügt ein Blick nach Amerika.

Lange Nacht des Menschenrechts-Films, Mittwoch, 8. Februar, 19 Uhr, Arri-Kino, Türkenstraße 91, 38 89 96 64

© SZ vom 07.02.2017

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