bedeckt München

Film: Elementarteilchen:Eine Frage der Gewohnheit

Wie verfilmt man einen Roman von Michel Houellebecq? Oskar Roehler hat es mit "Elementarteilchen" versucht - und einen Treffer gelandet. Ganz großes Kino.

Fritz Göttler

Eine Menge idyllischer Momente hält dieser Film parat, einige davon, zugegeben, ein wenig ungewöhnlich und bizarr, andere wiederum von verblüffender, von erschreckender Normalität.

Das Normale mal anders: "Elementarteilchen".

(Foto: Foto: Verleih)

Da steigt zum Beispiel ein Mann auf einen hohen Baum in seinem Garten, dann steht er, an den schlanken Stamm geschmiegt, auf der wackligen Leiter und macht sich, in luftiger Höhe, an den Zweigen zu schaffen - eine jener unscheinbaren aber notwendigen Tätigkeiten, die halt jedes Jahr bei uns in Deutschland anfallen, wenn man einen Garten, ein eigenes Haus, eine Familie hat.

Seine Frau schaut zu und spricht dabei mit ihrem Gast, und es geht um das Leben im Allgemeinen und um das Leben zu zweit im Besonderen. Die Szene ist ein eher unscheinbarer Moment im ganzen Film, aber sie zeigt pointiert, worum es hier geht: Einsamkeit, Monotonie, Verzicht ...

Die Idyllen bedeuten nicht selbstredend Glück in diesem Film, immer ist in die Freude und die Lust der Schmerz gemischt, und davon kann die Tochter des Hauses ein Lied singen: Annabelle, gespielt von Franka Potente, die seit der frühen Kindheit Michael liebt, aber erst mit etwa vierzig kann sie ihm das klarmachen und mit ihm ins Bett gehen, wobei sie dann merkt, dass es bei Michael - in diesem Moment, in der dritten filmischen Verkörperung, gespielt von Christian Ulmen - das erste Mal ist, dass er so etwas tut.

Merke: "Der Orgasmus ist eine Frage der Gewohnheit, hätte Pascal vermutlich gesagt, wenn er sich für solche Dinge interessiert hätte." (Houellebecq)

Das naive Glück dieses Augenblicks, diese Mischung aus Lächerlichkeit und Ernst, ist im deutschen Kino heute wahrscheinlich nur in einem Roehler-Film denkbar. Er hat eine eigene Meisterschaft entwickelt, das Normale eher bizarr und das Ungewöhnliche ganz normal zu filmen - und dabei die Kriterien, nach denen diese Kategorien sich definieren, kräftig zu verschieben.

In diesem Sinne ist "Elementarteilchen" ein echter Roehler-Film, auch wenn Bernd Eichinger ihn produziert und der Roman von Michel Houellebecq die Vorlage geliefert hat. Nicht die aktuellen Probleme dürften Roehler inspiriert haben, die in dem Roman angesprochen sind, von den Möglichkeiten und Folgen der Gentechnik bis zu den emotionalen Defiziten des modernen Menschen.

Ihn muss die Lust gepackt haben, die wilden, zynischen, hemmungslosen Sätze Houellebecqs als Impuls für Filmbilder zu benutzen: "Kurz bevor er ejakulierte", wird ein Zusammensein von Annabelle und Michael beschrieben, "hatte er die unglaublich deutliche Vision vom Verschmelzen der Geschlechtszellen und gleich darauf die Vision von den ersten Zellteilungen. Es war wie eine kleine Flucht nach vorn, ein kleiner Selbstmord. Eine Welle des Bewusstseins durchlief sein Glied, er spürte, wie sein Samen aus ihm herausgeschleudert wurde." Verfilmung, das lernt man an diesem Film, kann immer nur tangential sein, ist nie eine Frage der Angemessenheit, der Äquivalenz.

Ort für Wandlungen

Michael ist der Held der Geschichte, ein erfolgreicher Gentechniker, der immer weiter gehen will, der kühl mit den Kollegen am neuen Menschen bastelt, und sich um die eigene Sterblichkeit viel zu wenig kümmert. Sein Halbbruder Bruno wird gespielt von Moritz Bleibtreu, der in Roehlers vorigem Film "Agnes und seine Brüder" kilometerweit fuhr, um sich am Ende der Fahrt in seiner Liebe düpiert zu sehen.

Bruno wird mit seiner sexuellen Hitzigkeit nicht fertig, er lässt sich viel zu schnell und viel zu heftig von jungen Mädchen erregen, was in seinem Job - er ist Schullehrer - zu sehr sperrigen Situationen führt. Also versucht er es mit einer radikalen Kur, schlägt sein Zelt auf in einem mit dem Namen "Ort der Wandlung" versehenen Esoteriker- und Nudisten-Camp und findet tatsächlich eine Frau, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat und in dieser banalen, oberflächlichen, dummen Welt eine unerträgliche Keuschheit des Seins bewahrt hat - Martina Gedeck.

Als Bruder im Geiste hat Roehler Houellebecq empfunden, weil auch der von seiner Großmutter großgezogen wurde. In diesem Sinne ist "Elementarteilchen" ein weiterer wunderbarer Roehler-Film über den Weg in die elternlose Gesellschaft. Und vom Versagen der konkreten Eltern wird bei Roehler immer auf die Nutzlosigkeit der Institution an sich geschlossen.

Die Mutter von Michael und Bruno, als Bhagwan-Flittchen-Diva gespielt von Nina Hoss, hat die Söhne preisgegeben und sich selbst auf die Sinn- und Sinnlichkeitssuche begeben. Wie Houellebecq nutzt auch Roehler die Möglichkeiten der Naturwissenschaften, um psychische und soziale Phänomene zu analysieren. Um die Frage zu klären, ob die gesellschaftlichen Elementarteilchen spezifische inhärente Eigenschaften haben, die ihr Verhalten bestimmen, oder ob sie ohne verborgene innere Konsistenz und Realität existieren.

Durch die Großmutter kommt natürlich ein schönes Märchenmotiv in den Film, das Roehler hilft, die Geschichte aus dem elegischen französischen in den schrillen deutschen Kulturkreis zu transportieren - er filmt Psychologie quasi als Mythos.

Und endet in einer atemberaubenden Vertigo-Variante, beim großen Kinosujet par excellence: Wie ein Mann versucht, die entschwundene, an den Tod verlorene Frau wiederzubeleben. Den Zyniker Houellebecq mit dem sarkastischen Hitchcock zu veredeln, das scheint das ganze Geheimnis dieses großen Films zu sein.

© SZ vom 23.02.06
Zur SZ-Startseite