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Festivalbranche in Not:Von wild zu mild

Aus dem "Wilde Möhre"-Electro-Festival mit Tausenden Besuchern (unser Bild) werden in diesem Jahr an fünf Wochenenden die "Milde Möhre"-Feriencamps mit Workshops, Theater und Vorträgen – und jeweils bloß 500 Teilnehmern.

(Foto: imago)

Die Festivalbranche ist durch die Pandemie in Not geraten. Einige Veranstalter planen inzwischen allerdings zumindest ein Ersatzprogramm mit kleinen Feriencamps.

Von Corinna Koch

Da wäre zum Beispiel die Wilde Möhre in Drebkau, 130 Kilometer südlich von Berlin. Normalerweise zieht das Festival einmal im Jahr 7000 bis 8000 Menschen in den kleinen brandenburgischen Ort. Aber in diesem Jahr ist nichts normal. Deshalb verteilen die Veranstalter ihr Festival auf fünf Wochenenden. Da wäre der Gründer des Festival-Magazins "Höme", der Geld für die Branche sammelt - mit einem Online-Festival. Da wäre das Transportunternehmen, das jetzt selbst Konzerte veranstaltet, statt Besucher hinzufahren. Und da wäre der Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, der von einer "katastrophalen Lage" spricht.

Tatsächlich wurde in diesem Jahr der Festivalsommer schon abgesagt bevor er beginnen konnte, als Großveranstaltungen wegen der Corona-Pandemie 2020 verboten wurden. Die Gefahr der Ausbreitung des Virus legt die gesamte Branche lahm. Einige Veranstalter haben jedoch Ideen gesammelt, um doch noch kleine Open-Air-Events zu realisieren. Die Wilde Möhre etwa hat ihr Konzept komplett überarbeitet. Die aktuellen Bestimmungen des Landes Brandenburg erlauben nur Veranstaltungen mit bis zu 1000 Personen. An fünf Wochenenden im August und September sollen deshalb statt der mehrtägigen Techno-Party kleine Feriencamps mit Workshops, Theater und Vorträgen stattfinden.

Obwohl die Veranstaltungen auf demselben Gelände stattfinden wie sonst die Wilde Möhre, möchte deren Gründer Alexander Dettke sie allerdings nur ungern direkt mit dem Festivalformat in Verbindung bringen: "Diese Veranstaltungen sind nicht die Wilde Möhre", betont er. Deswegen gibt's auch einen neuen Namen: Milde Möhre.

In diesem Jahr sind mehr als 125 000 Veranstaltungen abgesagt worden

Pro Wochenende wurden lediglich 500 Karten verkauft, deutlich unterhalb der zulässigen Grenze. Trotz des für das Festival ungewöhnlich hohen Preises von 160 Euro, sind die Tickets bereits vergriffen und sichern so das Weiterbestehen der Wilden Möhre.

Dettke ärgern die Restriktionen im Kultur- und Festivalbereich. Fahrten in Bussen oder das Fliegen in Flugzeugen sei mit entsprechenden Maßnahmen mittlerweile schließlich auch wieder möglich: "Ich finde das unverhältnismäßig."

Dieser Ansicht ist auch Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, der die Vorgaben für Veranstalter schwer nachvollziehen kann. Laut dem BDKV sind in diesem Jahr bis einschließlich Oktober mehr als 125 000 Veranstaltungen abgesagt worden mit einem Schaden im mittleren dreistelligen Millionenbereich.

Die Misere der Veranstalter hat auch der Gründer des Festivalmagazins Höme, Johannes Jacobi, erkannt - und sich etwas überlegt, um zu helfen. Mit einem Online-Event will er Geld sammeln und auf die prekäre Situation der Branche allgemein sowie auf Einzelschicksale aufmerksam machen. Mehr als 150 Festivals, zum Beispiel das MS Dockville, das Feel Festival sowie das Puls Open Air haben sich für das "Festival für Festivals" zusammengeschlossen und sind Teil der digitalen Veranstaltung vom 21. bis 23. August. "Gerade die kleinen bis mittelgroßen Festivals arbeiten ohne finanziellen Puffer", sagt Jacobi. Große Festivals wie Hurricane oder Southside, die jährlich mehr als 60 000 Besucher anziehen, stehen noch nicht vor einer existenzbedrohenden Situation. Sie verfügen über finanzielle Rücklagen, um den Ausfall zu kompensieren, bestätigt der Veranstalter der beiden Festivals Stephan Thanscheidt.

"Es ist an der Zeit, legale Feierangebote zu schaffen, die umsetzbar sind."

Doch nicht nur die Veranstalter, auch verwandte Branchen treffen die ausbleibenden Einnahmen in diesem Jahr hart: Veranstaltungstechniker, Toningenieure oder Caterer zum Beispiel. Oder Transportunternehmen wie Bassliner, das seit mehr als 15 Jahren Busfahrten zu Festivals organisiert. Statt der etwa 2000 Fahrten sind es in diesem Jahr noch knapp 100. Aufgrund der Situation ist Geschäftsführer Stefan Pelzer ausnahmsweise selbst zum Veranstalter geworden. Im August will Bassliner zwei Open-Air-Camps mit Konzerten und Kulturprogramm organisieren: "Es ist an der Zeit, legale Feierangebote zu schaffen, die umsetzbar sind", findet der Veranstalter. Für Festivals und Unternehmen aus angrenzenden Branchen seien alternative Einnahmequellen in dieser Zeit überlebenswichtig. Es werde nicht möglich sein, die Betriebskosten von zwei Jahren innerhalb des nächsten Jahres einzunehmen, selbst wenn Normalbetrieb wieder möglich wäre, sagt der Bassliner-Geschäftsführer. Vor diesem Problem steht auch das Wilde-Möhre-Festival, denn Tickets, die für 2020 gekauft wurden, behalten ihre Gültigkeit.

Für gewöhnlich kostet die Umsetzung der Wilden Möhre 1,2 Millionen Euro, für die Veranstaltung im Jahr 2020 sind bereits 350 000 Euro ausgegeben. Auch wenn die Corona-Einbußen durch das alternative Konzept in diesem Jahr abgefedert werden können, fühlt sich Alexander Dettke alleingelassen mit der Verantwortung und dem finanziellen Risiko. "Wir sind in der Veranstaltungs- und Clubszene auch alle dafür, uns zu schützen. Aber wenn wir uns als Gesellschaft dazu entscheiden, diesen Bereich zu schließen, dann müssen wir auch als Gesellschaft Verantwortung für diese Branche übernehmen."

Im Juni verabschiedete Kulturministerin Monika Grütters deshalb einen Kulturrettungsschirm in Höhe von einer Milliarde Euro. Alexander Dettke sieht die Hilfeleistung allerdings kritisch. Mit dem Hilfspaket seien längst nicht alle Kosten abgedeckt. Für Festivals sei es außerdem wichtig, dass die entstandenen Kosten vor März berücksichtigt würden.

Dettke ist von der Notwendigkeit überzeugt, den Kulturbereich nicht untergehen zu lassen: "Natürlich ist Kultur systemrelevant, allein schon wegen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter." Auch Festival-Liebhaber Johannes Jacobi glaubt an die Unersetzlichkeit der Festivals: "Das gemeinsame Interesse an Musik und die Sehnsucht nach dem Gefühl von Freiheit, abseits von gesellschaftlichen Konventionen, vereint die Menschen auf dem Campingplatz und vor den Bühnen."

© SZ vom 21.07.2020

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