Festival:Himmel und Hölle

Gerold Huber

Festivalchef Gerold Huber macht Wechselbeziehungen von Altem und Neuem zum Erlebnis.

(Foto: Marion Kroell)

Schön, klug und kulinarisch: Die Familie des Südtiroler Trios "Ganes" eröffnet die dritten "Pollinger Tage für Alte und Neue Musik"

Von Eva-Elisabeth Fischer

Elisabeth Schuen stößt einen Juchzer aus und leitet damit die Zugabe ein zu diesem denkwürdigen Konzert in der Klosterbibliothek zu Polling. An einem sonnigen Sonntagspätnachmittag eröffnet es die "Tage für Alte und Neue Musik", die dritte Ausgabe dieses einzigartigen, von Gerold Huber erdachten und geleiteten Festivals. Die ganze Familie Schuen also singt dann ein zweites Mal vielstimmig und beherzt "La Pesc Gnará". "Frieden wird kommen" heißt das auf Deutsch.

Denn die Sprache, in der die beiden Schwestern Elisabeth und Marlene samt Cousine Natalie Plöger, besser bekannt als Trio unter dem Namen Ganes, ihre Stimmen engelsgleich in luftige Höhen erheben, verstärkt durch Mutter Hilda, Vater Paul und Bruder Andrè, ist Ladinisch. Diese Variante des Rätoromanischen wird in den Dolomiten gesprochen und dringt, seit sich die drei Schönen aus den Südtiroler Bergen komponierend, singend und musizierend vor acht Jahren in mystische Sphären zu schwingen begannen und damit berühmt wurden, ins Bewusstsein der Menschen weit jenseits des Brenners vor. Lesend mögen Lateinkundige die Bedeutung einiger Wörter erraten. Hörend vernimmt man nur sehr fremde Laute, was zu diesem Abend vorzüglich passt. Er ist überschrieben mit "Aus alten Märchen winkt es", dem Titel einer Heine-Vertonung durch Robert Schumann, und umschreibt trefflich die zweistündige "Reise durch die mythische Welt der Dolomiten-Sagen". Die Schuens lesen aus den Schauer-Märchen der Region, sie singen von Hexen und vom Teufel, vom geheimnisvollen, heute sonst gnadenlos touristisch vermarkteten Reich der Fanes, emphatisch begleitet von Geigenklang und Trommelschlag, Hackbrett, Gitarre und Diatonischer Harmonika.

Im zweiten Teil des Konzerts stehen der Mond und das Naturidyll als trügerische Rettung für den liebesverzweifelten Wanderer motivisch im Mittelpunkt und verweisen noch deutlicher auf die literarisch-musikalische Epoche, die Ganes und die Ihren neu aufleben lassen: die Romantik. Sie erfüllen damit perfekt das Konzept Gerold Hubers, Altes und Neues in oft ungewöhnlichen Paarungen in Beziehung zu setzen. Huber ist ja zunächst einer der profiliertesten Liedbegleiter, Christian Gerhahers pianistischer Partner von Anfang an. Und damit der Hochzeit des Kunstlieds, der Romantik naturgemäß zugetan.

Mit dem "Fanes-Jodler" beginnen Ganes das Konzert, glockenrein ihre Stimmen in höchste Höhen treibend, mit einer Blue Note im Abgesang. Es ist die erste Kostprobe ihrer Kunst, die vor allem in den traumseligen Vokalisen betört, eine Kunst, die Geheimnisvolles in den lichthellen Höhen sucht und sich über alles Schrundige, Schwarze hinweghebt. Das Abgründige, das Kantige, verkörpert Andrè Schuen - ein Teufelskerl, ein Bild von einem Mann, schwarzes Haar, schwarze Augen. Er tritt Franz Schuberts "Fahrt zum Hades" an. Mit nur 34 Jahren schlägt er mit seinem gefestigten, samtigen Bariton in den Bann, den er von einnehmender Fülle zu zartestem Pianissimo zu führen vermag. Dazu überrascht er mit einer gestalterischen Reife, die es ihm gestattet, feinste Stimmungsnuancen herauszuarbeiten. Mit seinem Pianisten Daniel Heide, dem Einzigen an diesem Abend, der nicht zum Schuen-Clan gehört, verbindet ihn eine mit Gerhaher und Huber vergleichbare künstlerische Symbiose, die man inzwischen auf etlichen Alben genießen kann. Umso schöner ist es, dass Gerold Huber die Jüngeren mit Liedern von Schubert, Schumann und Mendelssohn Bartholdy leibhaftig vorstellt: das Kunstlied als Überhöhung des Volkstümlichen, dem Andrè Schuen selbst entwachsen ist.

Huber gibt die Bühne frei für sein Festival mit bescheidener Untertreibung: "Es wird kein ganz schlechtes Konzert dabei sein." Das Programm "Aus alten Märchen winkt es" legt qualitativ die Latte hoch und gibt vor, was für die folgenden Veranstaltungen gelten soll: Anspruchsvolles und Kluges so zu präsentieren, dass es auch Laien Vergnügen und dabei so manch überraschendes Aha-Erlebnis bietet. Es gibt eine Stummfilm-Aufführung, die Huber am Klavier begleitet ("Der Märtyrer seines Herzens", Freitag, 4. Mai, 19.30 Uhr); dann ein Gesprächskonzert zum "Mann, Wagner!" (5. Mai, 14 Uhr). Beim kulinarischen Barock-Brunch, annonciert unter "Iss gut!"(6. Mai, 13 Uhr), kann man die Musiker des Festivals treffen. Zum Schluss kommt vehement die Neue Musik zum Zuge: Das Ensemble Blauer Reiter spielt Arnold Schönbergs erste Kammersymphonie, und die Mezzosopranistin Andrea Jarnach stellt den Liederzyklus "Love under a Different Sun" des 1927 in Saarbrücken geborenen israelischen Komponisten Tzvi Avni vor, der extra anreist (10. Mai, 19 Uhr).

Pollinger Tage für Alte und Neue Musik, noch bis Donnerstag, 10. Mai, Programmdetails und Aufführungsorte im Internet unter www.pegasus-konzerte.de

© SZ vom 03.05.2018
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