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Festival:Ende der Dogmen

Das ist keine Autoreifenwerbung, sondern Marina Frenks Versuch, in ihrer eigenen Performance der Tänzerin Valeska Gert gerecht zu werden.

(Foto: Stefan Loeber)

Das Festival "Radikal jung" des Münchner Volkstheaters zeigte die enorme Vielfalt junger Theatersprachen und unterschiedlichster Inszenierungsstile

Von Egbert Tholl

Obwohl man bei den meisten Inszenierungen vorher nicht wissen konnte, was einen da erwartet, war eines doch von Anfang an klar: Der Publikumspreis wird an "Ja eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis" gehen. Und das unabhängig von der Leistung der Regie. Denn die Produktion vom Rabenhoftheater in Wien ist nicht einfach nur Theater, sie ist zur Hälfte ein Konzert von Voodoo Jürgens und seiner Band. Der Voodoo ist derzeit der geliebteste und abgründigste Musikexportartikel Österreichs, da reicht es schon, dass er da ist - die Sache läuft.

Doch der Wiener Beisl-Besuch ist nicht einmal ein Zehntel von "Radikal jung", das gerade zu Ende ging und in diesem Jahr so groß war wie nie. 13 Produktionen, acht davon von Frauen, 5500 Besucher, das Volkstheater brummte. Übrigens musste sich die Beisl-Chefin Christina Tscharyiski die 4000 Euro, mit denen die Freunde des Volkstheaters den Publikumspreis dotieren, mit dem Beitrag des Volkstheaters zum Festival, "Children of tomorrow", teilen, inszeniert von Corinne Maier.

Der Regiebegriff des Festivals ist seit jeher ein weiter. Bei vier der eingeladenen Arbeiten stehen die für die Regie Verantwortlichen selbst auf der Bühne. Manche arbeiten performativ, manche konservativ, mal erkennt man derzeit vorherrschende Moden, dann wieder die völlige Abkehr davon.

Insofern wählte die Jury, bestehend aus Kilian Engels, C. Bernd Sucher und in diesem Jahr zum letzten Mal Annette Paulmann, ein breites Panoptikum aus, das aufzeigt, wie völlig unterschiedlich junge Regisseurinnen und Regisseure heute arbeiten. Einige der Inszenierungen sind Abschlussarbeiten der jeweiligen Regiestudiengänge; da kann man nur hoffen, dass sich die jungen Künstler ihre Eigenart bewahren - die Zukunft des Theaters wäre herrlich vielfältig.

Manchmal ist die Inszenierung vor allem eine Idee. Tscharyiskis "Ja eh!" prunkt mit dem wunderbaren Einfall, Voodoo Jürgens die Musik machen zu lassen, mit der man schwerelos in eine Wiener Nacht hinaussegelt, die selbst um fünf in der Früh im stark berauschten Zustand und in prekärer Umgebung noch freundlich wirkt. Dazu verwursten drei sehr uneitle Damen Stefanie Sargnagels Bachmannpreis-Text, indem sie sprachlich unverblümt die Zeit zwischen Bier und "Bierschiss" zum Erlebnis erheben. Tscharyiski schafft ein Kultstück, ohne sich inszenatorisch zu verausgaben, und ihre Karriere läuft. Verausgabt hat sich auch Anta Helena Recke nicht, schließlich kopiert sie einfach Anna-Sophie Mahlers "Mittelreich"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, allerdings mit einer Besetzung in rein dunkler Hautfarbe. Die Arbeit ist schon jetzt legendär, nicht nur wegen ihrer Einladung zum Theatertreffen. Und doch ist sie nicht mehr als ein essayistischer Gedanke, dem man allerdings zweieinhalb Stunden lang zusehen muss. Unter theatralischen Aspekten ist dies mühsam, wird aber zur meistdiskutierten Arbeit des Festivals.

Der poetischste Beitrag ist "Bilder deiner großen Liebe" nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf, inszeniert am Thalia Theater von Marie Rosa Tietjen mit der bezaubernden Birte Schnöink und der allergrößten Wahrhaftigkeit des Augenblicks. Den größten Bumms haben Stephanie van Batum und Stacyian Jackson mit "Don't worry be yonce XS edition", die nicht nur die Mechanismen der Popmusik erklären, das Phänomen Beyoncé und Identität diskutieren, sondern einfach auch saugut und mit hoher Präzision unterhalten. Die Produktion läuft international; die Langversion wird im Herbst in Bochum wieder aufgenommen, wenn Johan Simons das Schauspielhaus übernimmt.

So wie sich die beiden munteren Damen mit ihrer Hingabe an Beyoncé selbst zur Verfügung stellen, so tut dies Noam Brusilovsky mit seiner sehr eigenwilligen Erkundung des eigenen Hodenkrebs'. "Orchiektomie rechts" ist theaterwissenschaftlicher Vortrag, die Ausstellung des Privaten und überkandidelte Schwulenshow in einem. Überschaubarer ist da Marina Frenks Verneigung vor der Tänzerin und Groteskkünstlerin Valeska Gert, die keine Hommage ist, sondern der enervierende Versuch, eine überbordende Figur aus vergangenen Jahrzehnten ins eigene System übertragen zu wollen. Noch einer stellt, beziehungsweise setzt sich selbst auf die Bühne: der Israeli Jason Danino Holt, der mit ein paar Kollegen zusammen sieben Stunden lang die Zuschauer einlädt, Sachen zu bekennen, die sie vermutlich nicht einmal ihren guten Freunden sagen würde. Auch hier: Unter Theatralischen Aspekten gibt das nichts her, in der Wirkung jedoch ist es enorm.

Interessant ist nun, dass solche Arbeiten auf superkonventionelle oder äußerst formale wie "Tropfen auf heiße Steine" (Deutsches Theater Berlin, Philipp Arnold) oder "Fahrenheit 451" (Staatsschauspiel Stuttgart, Wilke Weermann) treffen und man nie das Gefühl hat, hier könnte man das eine gegen das andere ausspielen."Radikal jung" ist viel freier von Dogmen als derzeit beispielsweise die Münchner Theaterpolitik. Und zeigt somit Zukunft auf.

© SZ vom 23.04.2018
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