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Fantasie:Ein göttlicher Stoff

Elizabeth Lim bringt in ihrem Fantasieroman Mode und Mut zusammen, mit einer Heldin, die sich als Mann verkleidet und einen Wettbewerb am Königshof gewinnt.

Von Nora Noll

Alles fängt an mit einer königlichen Castingshow. Die besten Schneider aus ganz A'landi müssen der Verlobten des Kaisers ihr Können beweisen. Sie besticken Stolas, entwerfen Schuhe aus Glas und schrecken nicht vor miesen Tricks zurück, um die Gegenspieler auszustechen - A'landi sucht den Superschneider. Die talentierte Schneiderstochter Maia Tamarin mischt sich als Junge verkleidet unter die Bewerber. Für die letzte Aufgabe muss sie drei ganz besondere Kleider nähen und Sonne, Mond und Sterne zu Stoff verweben. Das Abenteuer kann beginnen.

Der Plot des Romans "Ein Kleid aus Seide und Sternen" der US-amerikanischen Autorin Elizabeth Lim erinnert an die chinesische Legende von Mulan: Wie in dem alten Märchen muss sich auch hier die Heldin als Mann ausgeben, um anstelle ihres gebrechlichen Vaters einer kaiserlichen Verpflichtung nachzukommen. Lim bedient sich zudem typischer Fantasy-Motive. Da ist das Mädchen aus einfachen Verhältnissen, das seine magischen Fähigkeiten entdeckt, da ist eine lange Reise durch Wüste, Wald und Berge, da sind Göttinnen, Geister und Dämonen. Und da ist die obligatorische Liebesgeschichte zwischen der Schneiderin und dem mysteriösen Zauberer Edan. Interessant wird Lims Märchen dadurch, dass es Mode mit Mut verbindet und etwas so Häusliches wie Sticken über Leben und Tod entscheiden lässt.

Denn das Schneidern ist nicht nur Maias größte Leidenschaft, es rettet sie aus brenzligen Situationen: Einen Dornenbusch verwebt sie zu dichtem Gestrüpp, das sie und Edan vor Geschossen schützt, den fliegenden Teppich repariert sie gerade noch rechtzeitig vor dem Absturz. Ein tapferes Schneiderlein, nur dass sie im Gegensatz zum Grimm'schen Original nicht auf Hochstapelei setzen muss. Was sie kann, das kann sie, und das nutzt sie nicht nur im Kampf für das Gute, sondern auch fürsorglich, wenn sie zum Beispiel die verschlissenen Kleider von Mönchen flickt. Eine Heldin, die nicht vor Care-Arbeit zurückschreckt. Lim nimmt die Nadel-und-Faden-Motivik auch stilistisch sehr ernst. Pfeile stecken im Boden, "als hätte ein achtloser Schneider seine Steck- und Nähnadeln hier in die Erde gerammt". Die Metaphern klingen hin und wieder etwas gewollt, aber Lim führt jungen Lesern und Leserinnen auf diese Weise vor, wie kreativ sich die Welt aus einem bestimmten Blickwinkel beschreiben lässt.

Weniger kreativ ist die Beziehungsdynamik zwischen Maia und ihrem Zauberer. Edan wirkt auf die Heldin anfangs einschüchternd und distanziert, auf der gemeinsamen Reise bevormundet er sie ständig. Wie immer liegt unter der harten Schale ein weicher Kern, und der eigentlich ganz verletzliche Edan verliebt sich - zum ersten Mal in 500 Jahren. So alt ist der Magier mit Knabengesicht tatsächlich. Dass die Kombination aus Unnahbarkeit und extremem Altersunterschied vor allem bei jungen Leserinnen gut ankommt, wissen wir schon seit "Twilight". Gerade in einer Fantasy-Welt wäre Platz für eine fantasievollere Liebesgeschichte - aber das mögliche Fünkchen zwischen Maia und der Küchenangestellten Ammi wird von Lim im Keim erstickt. Trotz überholter Romantikmotive macht die Lektüre Spaß, die Beschreibungen der Kleider aus göttlichem Stoff ebenso wie die Darstellung der Prüfungen, die Maia bestehen muss. Lim verortet ihr Fantasy-Märchen in einer ostasiatisch anmutenden Welt, wie bei den japanischen Studio-Ghibli-Filmen, wo Lotusblumen die Gärten zieren und man gedämpfte Kokosbrötchen, Reissuppe mit Teigtaschen isst. Das Schöne und Genüssliche darf in einem richtigen Abenteuer nicht fehlen.

(ab 13 Jahre)

Elizabeth Lim: Ein Kleid aus Seide und Sternen. Aus dem Englischen von Barbara Imgrund. Carlsen, Hamburg 2020. 448 Seiten, 16 Euro.

© SZ vom 25.09.2020

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