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Fall-Geschichte:Therapie im Museum

Ein Leitersturz, der Mann ist gelähmt. Die Frau will ihm das Leben wieder einrichten. Eine Fall-Geschichte von Ulrike Edschmid. Mit einer Nacht im Museum.

Von Tobias Lehmkuhl

Es sollte etwas beginnen, ein gemeinsames Leben in einer gemeinsamen Wohnung, Mitte der achtziger Jahre in Westberlin. Dann aber fällt der Mann von der Leiter und aus dem euphorischen Aufbruch ist plötzlicher Stillstand geworden. Querschnittslähmung, sagen die Ärzte, Sie werden nie wieder laufen können. So richtet die Frau, die diese Geschichte erzählt, und bei der es sich fraglos um die Autorin Ulrike Edschmid selbst handelt, die Wohnung ein, macht aus dem heruntergekommenen Altbau einen Platz, an dem in Zukunft auch ihr offenbar zur Bewegungsunfähigkeit verurteilter Lebensgefährte zu Hause sein soll.

Cover

Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 187 Seiten, 20 Euro. E-Book 19,99 Euro.

Dem, einem Architekten, wird die Welt zunehmend abstrakt, weil er sie vorerst nur aus der einen, festen Perspektive wahrnimmt. Ein Mann am Fenster, der das Treiben auf der Straße beobachtet, vor allem all die anderen Fälle, die sich dort und im Haus selbst vollziehen, die Un- und Todesfälle.

Doch auch wenn er irgendwann die Therapien meidet, die ihm angetragen werden, "weil sie ein Spiel mit der Hoffnung treiben, das er nicht jedes Mal verlieren will", gelingt es ihm nach einer Weile, einen Teil seiner Bewegungsfähigkeit zurückzugewinnen. Erst auf Krücken, dann nurmehr auf einen Stock gestützt, kann er, wenn auch wie in Zeitlupe, wieder auf die Straße, kann Auto fahren und arbeiten.

Ein nächtlicher Libeskind-Bau wird zur ausweglosen Situation

Und er kann fallen. Wer nicht stehen und gehen kann, kann das nicht, und so ist der Titel von Ulrike Edschmids konzentriertem Erinnerungstext im Grunde ein Ausdruck des wiedergewonnenen Glücks: Ja, er kann fallen, und er kann sich wieder aufrichten, wenn auch, um erneut zu fallen. Fallend geht voran.

Leseprobe

Es geht voran, und die Stadt verändert sich. Ein Jüdisches Museum wird errichtet, und bevor es eingerichtet und eröffnet wird, gibt es für einige Zeit die Möglichkeit, den leeren, verschachtelten Libeskind-Bau zu besichtigen. Das tun auch der Architekt und seine Frau, verlieren aber den Anschluss an die geführte Gruppe. Nach einer Weile sehen sie keine Chance mehr, den Ausgang zu finden, bevor er geschlossen wird, und richten sich für die Nacht ein.

Einen Namen hat der Architekt nicht. Auch kommt er selbst an keiner Stelle zu Wort. Es gibt keinen einzigen Dialog in diesem Buch. Es ist, als würde der Mann, der fällt, mit jedem Schritt mehr sagen, als sich durch bloße Schrift mitteilen ließe.

© SZ vom 15.04.2017
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