Dass Werke von Trisha Donnelly schwer dingfest zu machen sind, sich spröde und abweisend nur sporadisch zeigen, dann aber mit seltener Wucht und ungebrochenem Pathos, hat dazu geführt, dass diese Werke sogar im kurzen Gedächtnis der spektakelsüchtigen Galerienszene als unvergesslich gelten. Spätestens seit sie im Jahr 2000 in napoleonischer Uniform auf einem Pferd in die New Yorker Casey-Kaplan-Galerie einritt und dort theatralisch eine Kapitulation verlas. Dass sie danach vergleichbar theatralische Auftritte vermieden hat, ja nicht einmal eine ähnlich akklamatorische Ausstellung folgen ließ, deutet an, dass dieses Werk in berechnender Ruhe weiter auszugreifen gedenkt.

Wer Einladungskarten und Ankündigungen als Versprechen begreift, kann sich seither von Trisha Donnelly betrogen fühlen: Möglich, dass das Publikum nach der Verleihung des Central-Preises vor einigen Jahren in Köln in dem Bewusstsein nach Hause ging , etwas verpasst zu haben. Während man beim Festdinner saß, durchquerte, angeblich, ein schwarzes Pferd den darunter liegenden Ausstellungs-Saal; in den Steigbügeln sollen die Stiefel eines Cowboys verkehrt herum eingesteckt gehangen haben, ein Totenritual aus dem amerikanischen Westen, von dessen Wucht und Pathos jedoch nur wenige Zeugnis ablegten, und auch die äußerten sich widersprüchlich. Auf der Biennale in Yokohama im Jahr 2008 bestand Donnellys Auftritt dann tatsächlich nur noch in der enigmatischen Ankündigung, sie werde während der Laufzeit in Hakone arbeiten.

Doch ausgerechnet in Deutschland erhält diese Kunst jetzt zwei Adressen: In Kassel zeigt Donnelly während der Documenta einen abstrakten Film. Für Nürnberg hat sie sogar mit dem Stift auf Papier gearbeitet. Die eng gestrichelten, lose umrissenen Motive, die auf dem Blattweiß liegen, als seien sie Tretminen, sind zwar absolut unidentifizierbar - aber beileibe nicht abstrakt. Sie wirken eher so, als habe Donnelly auf dem Papier einen Ort markiert für etwas, dessen Dimensionen sich noch nicht ganz gezeigt haben. Dass sie auf eines der Motive noch ein Videobild projiziert, hält die Figur-Grund-Konstellation am Schweben: Die Leere ist eine Möglichkeitsform, und Trisha Donnelly arbeitet damit, als arbeite sie am Zeilenfall eines Gedichts, das ja auch mehr ist als Bleistift auf Papier.

Im Bild: Trisha Donnelly, Titel auf Nachfrage (Detail), 2002 © Trisha Donnelly / courtesy of Neues Museum Nürnberg.

Bild: Trisha Donnelly, Titel auf Nachfrage (Detail), 2002 © Katalog. 13. Juli 2012, 11:052012-07-13 11:05:02 © SZ vom 13.07.2012/ihe