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Ezra Furman:Dieses durchgebrannte Herz

Verzweiflung ist natürlich immer eine Option: Ezra Furman.

(Foto: Jessica Lehrman)

Das Indie-Pop-Spektakel Ezra Furman sollte eine strahlende Karriere vor sich haben - solange er nur unglücklich bleibt. Ein Treffen beim Konzert in Hamburg.

Was hat der Mensch schon zu bieten, der im rot ausgeleuchteten Backstageraum des Hamburger Molotow Clubs an die Wand starrt? Er hat nicht den Körper, den ein Mann sich von einem Partner wünschen könnte, sogar weniger als das, behauptet er, aber darum geht es nicht. Es geht darum, was für ein Gefühl er dir geben würde, wenn er, der kleine Ezra, deine Freundin wäre. Er würde dich jeden Abend um den Verstand bringen.

Das besingt der 32-jährige Ezra Furman in "I Wanna Be Your Girlfriend", der ersten Single seines aktuellen Albums "12 Nudes". Ezra Furman hat noch nie einen Grammy gewonnen oder so etwas. Trotzdem haben 40 Millionen Menschen seine Stimme mindestens einmal gehört: Für "Sex Education", eine außergewöhnlich kluge Serie über allerlei Irrungen und Wirrungen von Teenagern, hat er einen großen Teil des Soundtracks aufgenommen. In den vergangenen Wochen war er mit seiner Band im Studio für die zweite Staffel, denn dass er wieder dabei sein musste, stand schnell fest: Was ist das Teenagerdasein anderes als ein einziges, nach dem Einsturz des Universums lechzendes Gejaule. Und wer, wenn nicht Ezra Furman sollte das bitte vertonen.

Furman sitzt in weißer Spitzenbluse, einer zweireihigen Perlenkette und viel Wimperntusche auf der versifften orangenen Couch im Obergeschoss des Molotow und erzählt, dass er keine politische Musik mache. In seiner Freizeit und bei seinen Auftritten trage er bloß am liebsten elegante Frauenkleider. Welche Pronomen man für ihn benutzt, er oder sie, ist ihm egal. Hauptsache, man geht höflich miteinander um. Man fragt, was ein religiöser Jude im Jahr 2019, der sich nicht als heterosexuell und nicht gender-konform definiert, denn mache, wenn nicht politische Musik? Er sage ja auch, dass er beim Singen von "Calm Down", einem Song über gewaltsame Unterwerfungsstrategien, vor allem an Brett Kavanaugh denke, den amerikanischen Bundesrichter, dem sexuelle Belästigung von Frauen vorgeworfen wird? Er wisse halt immer nicht, antwortet Furman, was das heißen soll, "politisch". "Die Musik ist nicht politisch, nein, eher", und mit dem Nachdenken lässt er sich so lange Zeit, dass man kurz befürchtet, er könne die Frage vergessen haben, "sozial besorgt".

Zwei Stunden später bewegt sich der sozial Besorgte über die Bühne und sieht dabei aus, wie ein zum Leben erwecktes Roy-Liechtenstein-Porträt, so kontrastreich ist sein Gesicht mit den roten Lippen, den hellblauen Augen und den schwarzen, kinnlangen Locken. Furman tanzt dabei nicht, sondern räkelt sich, er singt nicht, er ringt um den Text, quält sich. Das ist an sich nichts neues, so war es schon vor elf Jahren, als er noch mit seiner Band "The Harpoons", den kleinen Hit "Take Off Your Sunglasses" sang. Das neue Album ist nun allerdings eher ein Punkalbum geworden, mit einem sich bis zur Mandelentzündung verausgabenden Ezra Furman. Bis auf eine Ausnahme (das erwähnte "I Wanna Be Your Girlfriend"), versuchen Furman und Band sehr überzeugend für 27 Minuten einander niederzumähen.

Der Ärger über "das Scheitern Amerikas" und diese "Welt voller Notfälle, um die sich keiner schert", wie Furman es nennt, musste irgendwo raus.

Deswegen schreit Furman auf "Twelve Nudes" im Song "Trauma" auch von Männern, die auf Fenster mit Hämmern eindreschen, oder davon, dass es Menschen gibt, die Sex, wie Furman ihn gerne hätte, verbieten wollen ("What Can You Do But Rock'n'Roll"), davon, dass er auf Benjamin Franklin pfeift ("In America"); er schreit von seinem Herz, das durchgebrannt ist wie eine Glühbirne ("Blown"); und zwischendurch schreit er noch, weil er gerade so in Fahrt ist, dass ihm die Zähne so verdammt wehtun ("My Teeth Hurt").

Ezra Furmans Musik war immer herzzerreißend. Wer eine Party schnell zu Ende bringen will, der muss nur "Watch You Go By" spielen und schon wollen alle bloß nach Hause, so stark ist der Impuls, die Eltern anzurufen und ihnen zu sagen, dass man sie liebt.

"Body Was Made", dank "Sex Education" der größte Hit seit seiner Solokarriere, ist zum Glück immer noch zu unbekannt und - trotz seiner Eingängigkeit - doch zu kantig, um je in einer Apple-Werbung zu landen. Am Samstagabend im Molotow reduziert Furman die Körper-Hymne auf zwei Akkorde, einen monotonen Basslauf und eine Imitation seines großen Helden Lou Reed. Der Rest der zwei Stunden gehört dem unwiderstehlichen Geplärre gegen die weiße Überlegenheit vom aktuellen Album "Twelve Nudes". Und dem Schwitzen des Körpers, der, allem Hadern zum Trotz, immer der eigene ist.

Auf "Twelve Nudes" hat Furman es geschafft, anstrengender (was schwer möglich schien) und doch zugänglicher (was, vor allem nach dem religiösen Konzeptalbum "Transangelic Exodus", unmöglich schien) zu werden, mutloser und doch konstruktiver.

Weil er nicht mehr ausschließlich an sich selbst als Individuum scheitert, sondern auch noch, klar, am Klimawandel und an sozialen Zwängen aller Art, und an einer Milliardärselite, die sich alles erlauben kann, weil sie immer ungestraft davonkommen wird.

Im Gespräch im Molotow, bei dem man mitzählen kann, wie oft Ezra Furman den Blick, den man entweder friedlich nennen kann oder phlegmatisch, von der Wand ab und dem Gesprächspartner zuwendet (zweimal!) sagt er noch, dass Verzweiflung keine Strategie sei. Er sagt "strategy", nicht "option", denn dass Verzweiflung sehr wohl eine Option ist, das hört man aus jedem Furman-Song nach wie vor heraus, auch auf dem aktuellen Album.

Aber sie führt nicht besonders weit. Nur: ganz aufgeben kann er sie auch nicht, denn in ihr liegt natürlich auch die ganze Schönheit seiner Musik. Oder, wie er in diesem selbstmörderischen Abschiedsbrief von einem Song, "Watch You Go By" singt: Der Mann hat eine strahlende musikalische Karriere vor sich. Solange er nur unglücklich bleibt.