Extremtheater Widerwärtig schön

Blut, Kot und Porno: Vegard Vinge und Ida Müller richten in ihrem Berliner "Nationaltheater Reinickendorf" ein Massaker der Zeichen und Obszönitäten an.

Von Peter Laudenbach

Nachts um vier in einem abgedunkelten Raum zu sitzen und dabei zuzusehen, wie diverse Geschlechtsteile mehr oder weniger lustvoll malträtiert oder blutige Körper gegen Wände geworfen werden, ist nicht unbedingt jedermanns Sache. Es sind Bilder von erlesener Ekelhaftigkeit und rätselhafter Schönheit, die den Betrachter in Vegard Vinges "Nationaltheater Reinickendorf" fluten. Aber gleichzeitig sind die Horrorszenarien dank der stilisierten Gummimasken der Darsteller, der gemalten oder liebevoll aus Pappe gebastelten Dekorationen und überhaupt: dank des ganzen Nostalgie-Geisterbahn-Flairs so vollkommen künstlich, dass sie immer auch eine Reflexionsebene über die ausgestellte Theaterhaftigkeit des Geschehens mitliefern.

Man sitzt da und wundert sich, schaut aber während der zwölf Stunden, die diese Aufführung dauert, trotzdem so gebannt hin, dass man vergisst, nach Hause zu gehen oder einzuschlafen. Und während man zum Beispiel dabei zusehen darf, wie Gott (ein Greis mit weißem Rauschebart) verprügelt wird, oder wie eine sehr vollbusige Frau einem mürrischen alten Mann, der aussieht wie Heiner Müller, aber in Wirklichkeit nur Ibsens Baumeister Solness ist, eine Fellatio des Grauens verpasst, denkt man immer wieder: was für ein Theater - irgendwie widerlich, aber schon auch toll.

Ida Müller und Vegard Vinge, die Hardcore-Regisseure, die dieses Massaker der Zeichen und Obszönitäten angerichtet haben, bauen die Metaebene praktischerweise ohne Aufpreis in ihre Show ein. So kann man in den Heftigkeiten baden und trotzdem dem Theaterwissenschaftler, der in schwachen Momenten in jedem von uns lauert, den Analysejob überlassen. Das Splatter-Theater der zermatschten Leiber und misshandelten Geschlechtsorgane, aus denen schon mal kleine Tiere hüpfen, zieht sich mit vielen Wiederholungsschleifen sehr genussvoll in die Länge. So hat der Betrachter ausreichend Muse, jenseits des Schockmoments das spritzende Blut als eine Art Bio-Action-Painting auch unter ästhetischen Gesichtspunkten zu goutieren.

Wenn der rote Körpersaft abstrakte Muster auf die strahlend weißen Wände zeichnet, kann das eine irritierende Schönheit haben.

Die Fragen nach dem echten Erleben, dem berühmten authentischen Moment und seinen Grenzen, oder die Frage, was man in der betrachtenden Teilnahme seinen armen Spiegelneuronen gerade antut, bekommen jede Menge Raum. Sie werden zwangsläufig zum eigentlichen, im Kopf ablaufenden Theater, während die Theatermaschinerie immer neue Bilder produziert, die spätestens, wenn man gegen fünf Uhr morgens doch mal kurz wegdämmert, im Halbschlaf bearbeitet werden wollen.

Überhaupt ist das Vergehen der Aufführungszeit und die Frage, wie sich die Wahrnehmung verändert, wenn Vorgänge sehr lange zerdehnt oder endlos wiederholt werden, eines der Themen im "Nationaltheater Reinickendorf" des theaterextremistischen Regie-Installations-Performance-Duos Ida Müller und Vegard Vinge. Spätestens seit ihrem wildwüchsigen, 2012 prompt zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Inszenierungs-Spektakel "John Gabriel Borkman" im Prater der Berliner Volksbühne eilt den beiden ein gewisser Ruf voraus. Die Zeitung Die Welt hat ihn so definiert: "Die irrsten Theatermacher der Welt". Kann man so sagen. Bei "John Gabriel Borkman" wusste Vinge das Publikum unter anderem mit dem Kunststück zu erfreuen, sich selbst in den Mund zu urinieren. Oder er bewarf es mit Exkrementen.

Selbstentäußerung als höhere Kunst, Theater als prima Gelegenheit der rückhaltlosen Entgrenzung und die Verwendung körpereigener Drogen als Bio-Doping werden hier formvollendet zu schönen Höhepunkten gebracht. Selbst das vor vier Jahren gescheiterte, weil für das Publikum gar nicht zugängliche "12-Sparten Haus" im Volksbühnen-Prater hat zur Arbeit am Mythos beigetragen. Damals stand man stundenlang im düsteren Vorraum, ließ sich von Vegard Vinge anbrüllen und hoffte vergeblich, irgendwann in das komplett umgebaute Theater reingelassen zu werden. Jetzt pilgert die Fangemeinde wieder süchtig zu den Müller- und Vinge-Festspielen, die diesmal im eher tristen Berliner Stadtteil Reinickendorf auf einem Industriegelände stattfinden, das ansonsten als Logistikzentrum der Firma Aldi dient.

"Und dann baust du dir ein Denkmal aus deinen Schmerzen."

Schon aus Gründen der Traditionspflege bleibt die Foyer-Publikumsbeschimpfung samt Sekttaufe und den im Hintergrund drohend rumpelnden Zahnrädern der "Kot-Maschine" nicht aus. Aber schon nach einer Stunde darf man das Theater-Labyrinth betreten - der Zeremonienmeister Vinge scheint diesmal seinen Zuschauer-Opfern gegenüber gnädig gestimmt. Das Innere des Theaters ist das von Bert Neumann für den Prater entworfene Kino, rechts oben sieht man wie in einer Loge das Jugendzimmer, dessen Bewohner niemand anderer als Vegard Vinge himself ist. Hier also wurden die düsteren Träume ausgebrütet, denen wir nun beiwohnen dürfen. Umgeben ist das Kino von engen Gängen, in denen Zeichnungen das Gehirn des arglosen Betrachters weiter verwirren. Es handelt sich wahlweise um gediegene Pornografie, verfremdete Kinoplakate, eine "Panini-Kathedrale" aller Fußballer der WM 1982 oder um Liebeserklärungen an Jonathan Meese, Bert Neumann und die Volksbühne, etwa in Form eines liebevoll abgezeichneten Besetzungszettels von Frank Castorfs "Dämonen"-Inszenierung.

Dämonen ist ein gutes Stichwort für den weiteren Verlauf des Abends. Ida Müller und Vegard Vinge, die deutsche Bühnenbildnerin und der norwegische Regisseur, widmen sich unter anderem zwei Werken ihres Lieblingsautors Henrik Ibsen, "Baumeister Solness" und "Hedda Gabler", aber natürlich auch dem filmischen Schaffen Stanley Kubricks, Goebbels Sportpalastrede, die musikalisch "total radikal" zum Mitwippen unterlegt wird, Wagners "Parsifal", Verdis "Tosca", der Volksbühne, sehr ausführlich einzelnen Szenen aus "Hamlet" und der kunstproduzierenden Kraft seelischer Nöte: "Nur dann kannst du Großes schaffen, wenn du mit deiner Wunde arbeitest. Und dann baust du dir selbst ein Denkmal aus deinen Schmerzen." Rumms!

In der langen Nacht dieses Extremtheaters kann man zum Beispiel eine schöne Papp-Deko-Waldlandschaft betrachten oder Hamlet (gespielt von Vinge) dabei zusehen, wie er Mutter und Stiefvater mit Torte bombardiert. Von Hamlet ist es nicht weit zu einem depressiven Teenager (wieder Vinge mit pausbäckiger Alter-Ego-Maske), der auf Joy Division steht und in manischen Endlosschleifen das Wort "Selbstmord" wiederholt. Auch Freunde des derberen Fäkalhumors kommen wieder auf ihre Kosten: Vinge-Solness verzehrt frisch auf die Festtafel platzierten Kot und räsoniert dabei ausführlich über Theaterspielpläne.

Die Berliner Festspiele eröffnen mit der Show ihre Reihe "Immersion", und wer bisher dachte, Immersion sei auch nur wieder so eine langweilig hochtönende Kuratoren-Floskel, sieht sich in dieser Nacht der reitenden Leichen aufs Schönste enttäuscht. Als Veranstalter und Ermöglicher dieses prächtig abgedrehten, seltsam melancholischen, in jeder Hinsicht maßlos aus dem Ruder laufenden Gesamtkunstwerkirrsinns hat Festspiele-Intendant Thomas Oberender bewiesen, dass er sich etwas traut und keine Furcht kennt, solange die Theaterkunst nur radikal genug ist.