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Experimentalfilm:Von Dada bis Dogma

Der Film "Manifesto" ist eine Solo-Show für Cate Blanchett. In 13 verschiedenen Rollen trägt sie Manifeste der Kunstgeschichte vor.

Von Rainer Gansera

"Guten Abend, meine Damen und Herren. Die ganze Gegenwartskunst ist falsch und verlogen!" Das verkündet die püppchenhaft aufgebrezelte Nachrichtensprecherin (Cate Blanchett). Sie ist live verbunden mit einer Reporterin (ebenfalls Blanchett), die im Ton einer Unfallberichterstattung ihre Besorgnis darüber ausdrückt, dass der Mensch, der "einst ein gewisses Maß an Originalität und Authentizität" besessen habe, nun "tot und am Ende" sei. Der Text zitiert Parolen aus einem Konzeptkunst-Manifest von Sol LeWitt, und Cate Blanchett präsentiert ihn perfekt in News-Manier: Jeder Satz eine Schlagzeile.

"Manifesto" ist eine große Cate-Blanchett-Show. Die Oscar-prämierte australische Schauspielerin schlüpft in 13 Rollen, um Sprachrohr politisch-künstlerischer Manifeste der Moderne zu sein. Als Obdachlose durchstreift sie Fabrikruinen und zitiert aus dem Kommunistischen Manifest. Als CEO verkündet sie bei einer High-Society-Party bahnbrechende Geschäftskonzepte mit den Worten eines Kandinsky-Manifests: "Eine große Ära bricht an!" In jeder Rolle trifft sie, satirisch zugespitzt, den Typus haargenau. Sie liebt Verwandlung und Maskerade, siehe ihre Katharine Hepburn in "Aviator" oder ihren Bob Dylan in "I'm Not There".

Filmstills „Manifesto“ mit Cate Blanchett,h

In 13 verschiedenen Rollen trägt Cate Blanchett Manifeste vor.

(Foto: DCM Filmverleih)

Ausgehend von seiner gleichnamigen Film-Installation hat Julian Rosefeldt, Professor für "digitale und zeitbasierte Medien" an der Münchner Akademie der Bildenden Künste, "Manifesto" als Abfolge prächtiger Cate-Blanchett-Solonummern zusammengestellt. Die Schauplätze bieten ein visuell faszinierendes Panorama, die Szenen sind aufwendig gestylt wie luxuriöse Video-clips, und die Texte collagieren Zitate aus über 60 Manifesten von Dada bis Dogma, von Futurismus bis Fluxus. Dreizehn Variationen einer Idee: das Pathos von Avantgarde-Parolen mit Alltagssituationen und deren Sprechweisen kollidieren zu lassen.

Eine Idee, die hübsch funkeln kann wie beim Tischgebet der "konservativen Mutter", das mit dem Bekenntnis: "Ich bin für eine politisch-erotische-mystische Kunst" anhebt, manchmal aber ins Banale driftet und kabarettistischer Gag bleibt. Dass Rosefeldt auf eine narrative Verbindung der Nummern verzichtet, muss nicht als Manko empfunden werden, aber sein Kollisionskonzept lässt den Eigensinn der Manifeste nicht erkennbar werden. Die historischen Augenblicke, auf den die flammenden Manifest-Reden einst reagierten, bleiben ebenso ausgeblendet wie ihre spezifischen Gesten. Manche Manifeste wollten hochheilige Kriegserklärungen an Althergebrachtes sein (Futurismus), andere coole Distanzierungen (Pop-Art), und wieder andere waren einfach geschickt gemachte Eigenwerbung (Dogma 95). Solche Differenzen verwischen zu einer Aphorismensammlung des Rebellischen.

In einem Manifest, das Rosefeldt nicht zitiert - "Der Tod der Avantgarde" (1972) -, spottet der mexikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Octavio Paz über die Flut der Avantgarden und ihrer Manifeste: "Nicht nur, dass die Avantgarden, kaum sind sie entstanden, verschwinden, sie breiten sich auch aus wie schwammige Wucherungen. Die Vielfältigkeit mündet in Einförmigkeit. Zerfall der Avantgarde in Hunderte einander gleicher Bewegungen." Diesen Eindruck bestätigt Rosefeldts Kompilation bisweilen. Aber das ändert nichts an dem Vergnügen, das Cate Blanchetts Verwandlungskunst bereitet, wenn sie die Ambitionen der Manifeste spielerisch übersetzt, besonders schön in der Schulszene, wo sie als Lehrerin den Kindern Merksätze (zitiert aus Jim Jarmuschs "Goldenen Regeln des Filmemachens") eintrichtert: "Nichts ist originär! Okay? Also klaut von allem, was euch inspiriert oder eure Imagination befeuert!"

Manifesto, Deutschland 2017 - Buch und Regie: Julian Rosefeldt. Kamera: Christoph Krauss. Mit: Cate Blanchett, Erika Bauer, Ruby Bustamante, Carl Dietrich. DCM, 98 Minuten.

© SZ vom 23.11.2017

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