Europa und Islam im Mittelalter Liebender und Geliebter

Das Leben des Dichters aus Mallorca war abenteuerlich, manche Predigt endete im Gefängnis. Spanien feiert Ramon Llull, den Meister der katalanischen Sprache, der vor 700 Jahren starb.

Von Reinhard J. Brembeck

Sehnsuchtsort. Das ist Mallorca nicht nur für deutsche Touristen, sondern auch für die Einheimischen. So auch für Ramon Llull, den berühmtesten Schriftsteller der Insel. Die Legende, die ja immer der Wirklichkeit überlegen ist, berichtet, dass der 84-Jährige bei seinem dritten Aufenthalt in Tunis die Muslime mit seinen christlichen Predigten derart aufgebracht habe, dass sie ihn zuerst gesteinigt und den Halbtoten dann ins Gefängnis geworfen haben. Auf der Rückfahrt nach Mallorca sei Ramón Llull dann beim Anblick seiner geliebten Heimatinsel gestorben.

Das war 1316, also vor 700 Jahren. Dieses Jubiläum wird derzeit von der Katalanisch sprechenden Welt, die neben Katalonien auch Valencia und die Balearen umfasst, ausgiebig gefeiert. Die Universität von Barcelona hat unter http://quisestlullus.narpan.net/de/index_de.html ein ergiebiges Llull-Dossier auf Deutsch ins Netz gestellt. Schließlich ist Llull der erste bedeutende und noch immer gelesene Autor der katalanischen Literatur.

Allerdings sind die meisten seiner über 260 Titel nur auf Latein überliefert, einer Sprache, die Llull im Gegensatz zum Katalanischen und Arabischen nicht besonders gut beherrschte. Die katalanisch überlieferten Romane "Blanquerna" und "Felix", das "Buch vom Heiden und den drei Weisen" und das autobiografische Großgedicht "Desconhort" (Trostlosigkeit) zeigen, dass er vor allem auch ein Volksschriftsteller war, der seine gelehrten Thesen sehr anschaulich für Laien formulieren konnte. Das gelang Llull auch deshalb so brillant, weil er in seiner Jugend als ganz dem Vergnügen ergebener Höfling eine Reihe von Liebesgedichten in der Trobador-Tradition verfasste und eben nicht nur nüchtern logisch dachte, sondern gern auch mystisch schwärmte.

Der Prachtband liest sich wie ein Comic und spart Steinigung und Gefängnis nicht aus

So in dem aus 366 kurzen Gedichten bestehenden "Buch vom Liebenden und Geliebten", dem Schlussteil des "Blanquerna". Dieses hinreißende Lyrik-Anthologie, die für jeden Tag des Jahres ein Gedicht bietet, kann sich mühelos behaupten neben den großen Klassikern der mystischen Literatur, dem fast zeitgleich entstanden "Übersetzer der Sehnsüchte" von Ibn Arabî, den Ghaselen des Hafis oder dem "Cántico espiritual" von San Juan de la Cruz.

Andrerseits ist das Multitalent Llull, der sein Leben lang rastlos als selbst ernannter Missionar durch den Mittelmeerraum abenteuerte, aufgrund seiner immer wieder in neuen Versionen vorgelegten "Ars", die sein philosophisch-theologisches Meisterwerk ist, einer der einflussreichsten Logiker des ausgehenden Mittelalters. Seine Spuren finden sich bei den Jansenisten genauso wie bei Descartes, William Butler Yeats, Paul Auster oder Roberto Bolaño.

Der so exzentrische wie umstrittene Llull war schon zu Lebzeiten eine europäische Berühmtheit. Kurz vor seinem Tod hatte dieser abenteuersüchtige Intellektuelle sogar einem Mönch in Paris seine Autobiografie diktiert, es ist eine der ersten der Neuzeit. Kurz nach seinem Tod hat dann der Llull-Schüler Thomas Le Myésier die Lehre seines Meisters für die französische Königin Johanna II. zusammengefasst und mit Bildern ausschmücken lassen, als sei das Buch ein Comic. Diesem in Karlsruhe verwahrten Prachtband, dem "Breviculum" (http://digital.blb-karlsruhe.de/id/98159), ist die hier gezeigte Szene entnommen, die von Llulls Tunis-Abenteuer erzählt: Ankunft in der Stadt, Predigt, Erregung, Steinigung, Gefängnis.

Diese Miniatur findet sich jetzt neben sechs weiteren des "Breviculum" in dem von Meistermusiker Jordi Savall konzipierten Buch-Projekt "Ramon Llull. 1232-1316. Zeit der Eroberungen, des Dialogs und der Trostlosigkeit", das den Denker und seine Zeit in sechs Sprachen (auch auf Deutsch), Bilder und auf zwei CDs wiederbelebt. Der katalanische Gambist und Ensembleleiter Savall ist einer der Protagonisten der historischen Aufführungspraxis, seit Jahrzehnten erforscht er ganz konsequent die Musik zwischen Mittelalter und Mozart in unzähligen Aufnahmen.

Seit der Gründung der eigenen CD-Firma AliaVox widmet sich Savall immer wieder in aufwendig gemachten CD-Büchern auch scheinbar völlig musikfernen Gestalten und Themen. So hat er sich den Humanisten Erasmus von Rotterdam und den Jesuitenmissionar Francisco Javier vorgenommen, die für ihre Mordlust berühmte Borgia-Dynastie, aber auch den Balkan, Jerusalem und die Hohe Pforte in Istanbul, die Befreiungskriegerin Jeanne d'Arc und in "Mare Nostrum" sogar dem Mittelmeer. Immer gelingen ihm faszinierende Zeitreisen, montiert aus Texten, Bildern und vor allem Musik, die von westlichen, jüdischen und muslimischen Musikern gespielt werden und die den Hörer und Leser aus seiner eigenen Zeit absaugen.

Savalls Llull-Band kommt schnell zur Sache. Erst kurz vor der Geburt des Helden wurde Mallorca von den Muslimen zurückerobert. Also gibt es zur Einstimmung eine gesungene arabische Muwaschschah, das typische Strophengedicht des islamisierten Spanien. Darauf folgen Llulls Trobador-Kollegen Raimon de Miraval und Raimbaut de Vaqueiras. Llull war verheiratet, aber seine Blanca war entsetzt, als er mit 30 Jahren dem Hof und dem privilegierten Leben den Rücken kehrte.

Bei Savall lesen Silvia Bel und Jordi Boixaderas mit ihrem diphthongreich und weich fließenden Katalanisch aus "Das Leben von Meister Ramon", aus dem "Desconhort", dem "Breviculum" und dem "Buch vom Liebenden und vom Geliebten": "Der Vogel sang im Garten des Geliebten. Da kam der Freund und sprach zum Vogel: Wenn wir uns nicht durch die Sprache verstehen, so wollen wir uns durch die Liebe verstehen, denn dein Gesang stellt mir das Bild des Geliebten vor Augen".

Ein Höhepunkt ist die von Harvey Hames aus seinen Schriften rekonstruierte Rede, die dieser dialogsüchtige Denker, der die Mission mit Feuer und Schwert ablehnte, 1299 in der Synagoge von Barcelona gehalten hat, immer mit dem Ziel und der Gewissheit, dass Juden wie Muslime sich allein schon aus Vernunftgründen zum Christentum bekehren würden: "Ich bitte Sie, Ihren Verstand und den Willen bereitzuhalten, um zu verstehen und zu achten, dass das Wesen des einen Gottes notwendig dreifaltig sein muss."

Doch so plastisch auch das 13. und 14. Jahrhundert hier aus der Vergangenheit heraufbeschworen werden, immer hat die Musik das letzte Wort. Und die ist gar nicht so eindeutig auf der christlichen Seite wie Llull, sie behauptet und beweist eine Gleichrangigkeit zwischen Kunst- und Volksmusik, zwischen arabischen, jüdischen und mitteleuropäischen Klängen. Das angeblich friedliche, in Wirklichkeit oft sehr spannungsgeladene Zusammenleben von Muslims, Juden und Christen im arabisch dominierten Spanien (711-1492) ist eine oft als Klischee bemühte Konstante der linken spanischen Kultur. Auch Savall huldigt ihr seit Jahrzehnten. Im Laufe der Zeit und durch die Zusammenarbeit mit Musikern aus diesen so grundverschiedenen Kulturen hat er mittlerweile jedoch zum Ideal eines nicht nur friedlichen, sondern zudem ästhetisch stimmigen Miteinanders der drei Kulturen gefunden, das es allerdings in der Wirklichkeit nie geben wird. So argumentieren Savall und seine Musiker mit jedem Ton gegen den vom Primat des Christentums felsenfest überzeugten Ramon Llull und plädieren für eine Welt, in der die Differenzen nicht nur ausgehalten, sondern als beglückend notwendige Bereicherung empfunden werden. Mehr Idealismus geht nicht.