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Ethnologie:Vorsätzlich verrückt

Der Autor Charles King erzählt, wie Wissenschaftler um den Ethnologen Franz Boas "Race", "Class" und "Gender" als Erfindungen entlarvten. Sie mussten radikal subjektiv werden.

Von Ulrich van Loyen

Papa Franz hatte ein zerknautsches Gesicht, trug einen Vollbart, stammte aus Deutschland und wusste Antworten auf fast alles. Den Spitznamen hatten dem Anthropologen Franz Boas aus Mitteleuropa stammende Juden verliehen, afroamerikanische Dichterinnen, bildungs- und liebeshungrige Mädchen aus dem Mittleren Westen, allesamt Menschen, die mit Institutionen, Ehepartnern und dem Rest der Welt ihre Schwierigkeiten hatten. In einer Zeit, als sich Amerika nach Bürgerkrieg und Inlandserschließung radikal wandelte und sich anschickte, die Weltherrschaft zu übernehmen, waren sie begabte Außenseiter. Und sie mussten sich als Außenseiter behaupten, nicht, indem sie in den Mainstream strebten, sondern indem sie Vielfalt rechtfertigten.

Das jüngste Buch des an der Georgetown University in Washington D. C. lehrenden Historikers Charles King birgt ein großes Versprechen. Es will darlegen, wie eine Gruppe von Akademikern eine Wissenschaft schuf, aus der das modernen Amerika - zumindest die Vereinigten Staaten vor Donald Trump - hervorging: Amerika als ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen, die jeweils dem Einzelnen helfen sollen, sein Streben nach Glück zu verwirklichen. Um dieses Vertrauen zu rechtfertigen, brauchte es eine intellektuelle Vermittlung. Geleistet wurde sie, wie der englische Untertitel schreibt, von "Renegade Anthropologists". Er suggeriert, es handele sich um Abweichler von der Disziplin. Aber das ist nur zum Teil richtig, denn Ethnologen und Anthropologen waren meistens Renegaten.

Das Buch beginnt mit der Geschichte des aus Minden stammenden Franz Boas (1858 - 1942), der vor allem für die Erforschung der Indigenen Nordamerikas berühmt ist. Boas wird als Vater des Kulturrelativismus angesehen, also der Überzeugung, man könne Kulturen nur von innen her verstehen. Man könne Menschen weder eine Kultur auf den Leib schneidern, noch eine Kultur als etwas Natürliches verstehen. Boas war zwar ein rastloser Empiriker, der, wie damals üblich, für die Wissenschaft vom Menschen Schädel vermaß. Er trat aber auch mit empirischen Argumenten dafür ein, dass es keine rassischen Eigenschaften, ja überhaupt keine Rassen gebe, weil die Variationen innerhalb einer wie auch immer definierten "Rasse" größer seien als die zwischen angeblichen Rassen. Deswegen gilt er in der amerikanischen Wissenschaftsgeschichte beinahe als ein Heiliger. Er habe das Versprechen der Gründerväter in einer Zeit erneuert, als man längst dazu übergegangen war, die Herrschaft des weißen Mannes in der amerikanischen Gesellschaft als etwas Naturgegebenes zu betrachten.

Margaret Mead with Trophy Heads

Margaret Mead präsentiert in New York Kopftrophäen, die sie von ihrer Forschungsreise nach Neuguinea mitgebracht hat.

(Foto: Bettmann Archive)

Den größten Teil des Buches widmet Charles King einigen der Schüler, die Franz Boas um sich geschart hatte. Wer die Fachgeschichte kennt, wird hier nicht allzu viel Neues finden. King versucht, persönliche Beziehungen zu plausibilisieren und Zeitgeschichte durch popularisierte Wissenschaftsgeschichte zu erhellen. Der Linguist Edward Sapir (1884 - 1939) - Mitverfasser der Sapir-Whorf-Hypothese, wonach grammatische Strukturen unsere Wahrnehmung bestimmen - tritt dabei als großer kulturalistischer Denker, aber engstirniger Ehemann auf. Margaret Mead (1901 - 1978), die man für ihre Forschungen zu kulturellen Varianten der sexuellen Entwicklung im prüden Teil Amerikas schmähte, in progressiven Kreisen aber bewunderte, fällt mit Liebeshunger auf.

Daneben darf ihr Freund Gregory Bateson, der Erfinder der Schizogenese, als unkonventionelles Genie kurz glänzen. Die fleißige und Papa Franz treu ergebene Ruth Benedict (1887 - 1948), deren Buch "Patterns of Culture" den theoretischen Ertrag der Boas-Schule zusammenfasste, bevor sie sich anhand von Kriegsgefangenen zu einer Kulturlehre Japans inspirieren ließ, liefert hingegen nur eine Hintergrundfigur: für Mead eine Geliebte, für die tragische Lebenskünstlerin Zora Neale Hurston eine Mutterfigur.

Schließlich begegnet mit der Dakota Ella Cara Deloria eine weniger illustre Mitarbeiterin Boas', die das geläufige Bild der Sioux-Indianer und vor allem die Sonnentanz-Ethnographie grundlegend revidierte. Für das bis heute gerühmte Handbuch amerikanischer Indianersprachen verlieh sie indigenen Grammatiken eine historische Tiefe, dank derer verlorene Weltbilder rekonstruierbar wurden. Boas unterstützte sie aus eigenen Mitteln, damit sie in einem Auto schlafen konnte.

Ohne einen Vertrauensvorschuss an die Menschheit selbst geht es nicht

Aus den - bisweilen recht treuherzigen - biografischen Vignetten sticht die Lebensgeschichte Zora N. Hurstons (1891 - 1960) hervor. Ihr Roman "Their eyes were seeing God" wurde posthum als Klassiker der Harlem-Renaissance anerkannt. Hurston stammte aus Florida und lernte an der Columbia University Anthropologen kennen, die ihr rieten, den historischen afrikanischen Kern der afroamerikanische Kultur ihrer Zeit zu rekonstruieren. Hurston dagegen versuchte die Eigenständigkeit dieser Lebensform nicht nur gegen volkspädagogische Fürsorge, sondern auch gegen paternalistisches Bedauern um die abgesunkene "Negerkultur" zu verteidigen. Sie starb ohne akademischen Abschluss, mittellos und fast unbekannt, und erhielt erst durch Alice Walker und Toni Morrison die ihr gebührende Anerkennung.

Charles King: Schule der Rebellen. Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Nikolaus de Palézieux. Carl Hanser Verlag, 2020. 492 Seiten, 26 Euro.

Die Lebenswege dieser Personen sind allesamt über die gemeinsame Inspirationen durch den Meister verbunden, und dennoch musste sich jeder für sich selbst im eigenen Herz der Finsternis bewähren - oder darin verlieren. King resümiert ihre Forschungsreisen in die Great Plains, nach Melanesien oder Indonesien, und er vereint das Echo dieser Abenteuer zu einem großen amerikanischen Choral.

Es ist ein nicht geringes Verdienst seines Buches, daran zu erinnern, wie eine Wissenschaft vom kulturell Anderen die Relativität der eigenen Denk- und Wissenskategorien erkannte und trotzdem darauf beharrte, dass man in einer gemeinsamen, geteilten Welt leben könne. Um objektiv zu sein, musste diese Wissenschaft radikal subjektiv werden, Feldforschung durchführen und sich den eigenen Untiefen aussetzen. "Der Preis dieser Methode bestand in einer Art vorsätzlicher Verrücktheit", schrieb Mead einmal, desgleichen in einem Vertrauensvorschuss an die Menschheit selbst, einem Optimismus, ohne den Ethnologie entweder unmöglich ist oder doch zu nichts führt.

Rein wissenschaftsgeschichtlich hätte King die Selbstrelativierung des Westens auch anhand anderer ethnologischer Traditionen erzählen können. So steht der große Roman der jüdisch-elsässischen Durkheim-Schule noch aus, die auf der sozialen Erzeugung aller Klassifikationen insistierte, bis hin zur Unterscheidung von links und rechts.

Race, Class und Gender als Erfindungen und als keineswegs natürliche Gegebenheiten entlarvte nicht minder gründlich die britische Sozialanthropologie. Einzigartig aber ist die von King erzählte Geschichte, weil sie zum Entwicklungsroman einer Demokratie gehört, von dem man hofft, er sei noch nicht an sein Ende gelangt.

© SZ vom 17.04.2020

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