Essay:Auf Augenhöhe

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Besonders in Zeiten von Terror, Populismus und Flüchtlingsströmen stellt sich die Frage: Was kann, was soll, was darf Auswärtige Kulturpolitik? Eine Standortbestimmung, bevor der Wahlkampf losgeht.

Von Sonja Zekri

Kabul im Herbst. Neben dem Fußballfeld, das die Taliban als Richtplatz nutzten, ragt der Torso eines Gebäudes empor, eine Treppe ohne Treppenhaus, Wände mit klaffenden Löchern - das Konservatorium. Hier treffen sich der deutsche Zither-Spieler Georg Glasl und einige afghanische Musiker, es ist eines der ersten Konzerte nach dem Krieg. Der Deutsche zupft eine einsame Melodie, ein Tabla-Spieler fällt ein. Draußen ziehen Kamele vorbei. Für einen Moment ist alles Neuanfang, alles Verheißung. Vielleicht kann Kunst doch heilen.

Die Taliban sind scheinbar erledigt, ein neues Goethe-Institut wurde gegründet, es hat zur Eröffnung deutsche Künstler nach Afghanistan eingeladen. Der 11. September 2001 liegt zwei Jahre zurück und damit die schockartige Erkenntnis, wie wenig der Westen von der islamischen Welt weiß, wie dünn die kulturellen Fäden in Länder wie Afghanistan und Irak sind. Zwischen Ost und West, Nord und Süd ist etwas gründlich schiefgelaufen, man hat sich zu wenig zugehört, man will es nun besser machen. Ein Ergebnis ist das Goethe-Institut und das Konzert in einer Ruine.

Das alles ist 14 Jahre her. Das afghanische Goethe-Institut gibt es immer noch, aber auch wieder sehr viele Taliban, und die Deutschkurse am Goethe-Institut sind auch eine gute Schule für all jene, die sich nach Deutschland aufmachen. Kultur und Bildung haben das Land nicht gerettet. Sie sind zum Fluchthelfer geworden.

So war das nie gemeint, aber wer in diesem Frühjahr - vor der Bundestagswahl und damit vielleicht vor dem Ende einer der fruchtbarsten Perioden Auswärtiger Kulturpolitik - innehält, um das Erreichte, wie man so sagt, zu evaluieren, der kommt um eine Erkenntnis von banaler Wucht nicht herum: Die Welt ist nicht mehr, was sie war. Zwei Amtszeiten von Frank-Walter Steinmeier sind ins Land gegangen. Davor lag die von vielen Akteuren der Kulturpolitik als eher karg und schwierig rekapitulierte Zeit Guido Westerwelles im Außenamt, danach kam die sich nun dem Ende neigende Kurzära Sigmar Gabriels.

In dieser Zeit hat der Terror Europa erreicht und ist in Europa gewachsen. Flüchtlinge kamen, manche gingen, viele blieben. Amerika ist zwar noch ein Verbündeter, aber auch auf neue Art bedrohlich, die Idee eines europäischen Staatenbundes durch Populisten bedroht, die sich auch der Mittel der Kultur bedienen. Und das ist nur die Weltpolitik. Minderheiten im Inland, postkoloniale Gesellschaften im Ausland fordern entschiedener als früher Begegnungen auf Augenhöhe. Die Welt treibt sich längst in Deutschland herum, und von den versiertesten Kulturpolitikern wird dies nicht beklagt, sondern sogar vorangetrieben. Innen und außen sind nicht nur obsolete Begriffe, sie sollen es auch sein.

Die auswärtige Kulturpolitik hat darauf reagiert und nicht nur an Mitteln hinzugewonnen, sondern auch an Bedeutung. Sigmar Gabriel fuhr - trotz erwartbar begrenzter Amtszeit - zur Zwillings-Documenta nach Athen und zur Biennale in Venedig. Bis Dienstag ist er in Berlin Gastgeber einer Konferenz über die Friedensverantwortung der Religionen, zu der er 100 geistliche Vertreter eingeladen hat, Christen, Juden und Muslime, Saudis, Israelis, Iraner. Im Repertoire der zivilisatorischen Instrumente für eine friedlichere Welt können Religionen nicht ungenutzt bleiben.

Orte und Projekte, die selbst dann noch Gespräch möglich machen, wenn die Diplomatie versagt

Denn mit jeder neuen Krise, mit jedem Regime, das politisch entgleitet, wachsen die Erwartungen an die Kulturpolitik. Andreas Görgen, Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, sagt: "Das entscheidende Thema in und zwischen Gesellschaften ist die Frage des Zugangs zu Kultur und Bildung. Deshalb setzen wir immer stärker auf das gemeinsame Erarbeiten von Kultur und Bildung." Auswärtige Kulturpolitik, so sagen es Steinmeier und Gabriel in Interviews, soll das kulturelle Erbe anderer Völker bewahren helfen, "vorpolitische Räume" schaffen, also Orte, Begegnungen, Projekte ermöglichen, die selbst dann noch das Gespräch erlauben, wenn die Methoden der Diplomatie versagen.

Die Einwände gegen den so weit gespannten Regulierungs- und Entwicklungsanspruch dieser Weltkulturpolitik liegen auf der Hand. Manchmal scheitert sie gründlich. Die Berliner Ausstellung der Teheraner Sammlung etwa, die einige von Farah Dibas Pollocks, Bacons und Picassos in der Gemäldegalerie zeigen sollte, geriet in die Wirren der Iraner Innenpolitik, wurde erst verschoben und dann abgesagt. Da wirkte der vorpolitische Raum plötzlich genauso eng wie der diplomatische.

Und nicht jedem wird der gesellschaftlich und politisch definierte Kulturbegriff liegen. Darf Kunst nicht um ihrer selbst willen produziert und geschätzt werden? Trennt Kunst nicht ebenso oft, wie sie verbindet? Ja und ja. Und doch stellt sich eine Kulturpolitik, die ihre Aufgabe nicht mehr im Export deutschen Liedguts oder in Welttourneen deutscher Kunstwerke sieht, den Anforderungen einer politisierten Gegenwart sehr viel unerschrockener.

Exemplarisch hat diesen Weg das Deutsche Archäologische Institut in Berlin beschritten. "Von uns würde heute keiner mehr ins Ausland gehen und den Kollegen dort erklären, wie man korrekt restauriert, gräbt oder mit einem antiken Platz umzugehen hat", sagt DAI-Präsidentin Friederike Fless. Sie sieht sich und ihre Mitarbeiter als "Spieler in einem weltweiten Veränderungsprozess. Der betrifft den Umgang mit kulturellem Erbe, aber auch die internationale Zusammenarbeit." Der partizipative Ansatz gibt deutschen Archäologen im Ausland eine größere Legitimation, macht aber auch mehr Arbeit. Ein Workshop in Berlin für irakische Kollegen ergab, dass die Iraker weniger Interesse am Erhalt des Vorgefundenen, an Balken und Ziegeln haben, und mehr am Gesamteindruck eines historischen Denkmals. Daraus aber ergeben sich Fragen für die deutsche Grabung im Irak, in der antiken Metropole Uruk: Was wollen die Iraker rekonstruieren, was verträgt sich mit deutschem Verständnis vom Bewahren antiker Stätten?

Die Zerstörungen Palmyras, Ninives, Aleppos, so heißt es oft, treffen das Erbe der Menschheit. In der Aussage steckt aber ein Besitzanspruch, auf den die Menschen der Region inzwischen sensibel reagieren. Der gemeinsame Nenner hingegen ist die Frage, "wie wir mit dem Wahnsinn an Zerstörung umgehen, damit, dass ganze Gruppen sich plötzlich nicht mehr an Konventionen halten, von denen wir dachten, dass sie nach dem 2. Weltkrieg für uns alle ausgehandelt wurden", so Fless. Ihr Institut reagiert darauf mit dem Archaelogical Heritage Network, einem Netz zum Schutz archäologischen Erbes, oder mit dem Projekt "Stunde Null", das Archäologen, Denkmalpfleger und Architekten aus Syrien auf das Ende des Krieges vorbereiten soll.

Der Etat für die Kulturarbeit des Auswärtigen Amtes wurde auf 923 Millionen Euro erhöht

Was aber, wenn nicht nur in den klassischen Krisengebieten Prinzipien verraten werden, sondern direkt vor der deutschen Haustür? Nicht erst seit Ungarn über die Central European University hergefallen ist, haben Görgen und das Goethe-Institut populistisch gefährdete Nachbarstaaten im Blick. In der Satzung des Goethe-Instituts wird Europa inzwischen als Zielgebiet genannt. Mit dem Institut Français, Kollegen aus Schweden und den Niederlanden und einer türkischen Stiftung will das Goethe-Institut Kulturorte in der Türkei in Diyarbakır, Gaziantep, Izmir als sozusagen abhörfreie Foren der Begegnung aufbauen. Wo das deutsche Kulturinstitut und europäische Einrichtungen nicht rivalisieren, so der Plan, müsse man kooperieren und Angebote unter einem gemeinsamen Dach machen, als gesteuerte Europäisierung der Kulturpolitik.

Schwer zu sagen, ob die Bundesregierung das Thomas-Mann-Haus im kalifornischen Pacific Palisades auch ohne den Siegeszug Donald Trumps gekauft hätte. Inzwischen weiß man aber: Der Ausbau des Anwesens zum Ort transatlantischen Dialogs darf nur der Anfang sein. Dass die Infrastruktur auswärtiger Kulturpolitik in Amerika nach der Jahrtausendwende abgebaut wurde, weil das transatlantische Verhältnis als stabil oder weniger wichtig galt, ist heute ein riskanter Luxus.

Gemessen an den Jahren des Sparens unter Westerwelle leben die Stiftungen und Organisationen heute sehr gut. Die Deutsche Welle bekommt mehr Geld, das Deutsche Archäologische Institut ebenfalls. Der Bundestag hat für die Kulturarbeit des Auswärtigen Amtes im Vergleich zum Vorjahr noch einmal mehr Geld bewilligt: 923 Millionen Euro statt 862 Millionen. Ob die nächste Regierung dieses Niveau halten kann oder will, ist eine der spannenden Fragen in diesem Herbst.

Bei so viel Innen im Außen bleibt es ein Rätsel, warum ausgerechnet jener Ort, wo sich beides begegnen könnte, ja, müsste, bislang pompös im Vagen schwebt. Das Humboldt-Forum verharrt in einer bizarren Spannung zwischen äußerem Preußenkitsch - bald wohl sogar mit Kuppel und Kreuz - und innerer Unschärfe trotz Einbeziehung außereuropäischer Sammlungen. Gestartet als städtebaulich angeblich zwingender Lückenschluss im neuen Berlin, durch die Dahlemer Sammlungen notdürftig mit Relevanz versehen, bleibt es den brennenden Fragen des Einwanderungslandes Deutschland gegenüber erstaunlich indifferent.

Umso aktueller könnte Iran werden. Inzwischen wurde die Farah-Diba-Sammlung in Teheran gezeigt, ein Zugeständnis an die selbstbewusste kulturelle Zivilgesellschaft. Das Poster der iranischen Ausstellung nannte Berlin und Rom als nächste Stationen. Gerade hat Präsident Hassan Rohani die Wahl gewonnen. Die Iraner wollen Öffnung, Begegnung, Fortschritt. Womöglich müssen die Räume in der Berliner Gemäldegalerie schneller hergerichtet werden als gedacht.

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