Entwürfe für Ground Zero Trauer in Vollendung

In New York stehen acht mehr oder weniger tränenselige Entwürfe für die Gedenkstätte auf Ground Zero zur Auswahl - kaum einer kann überzeugen. Eine Bildergalerie, hart an der Kitschgrenze.

Von JÖRG HÄNTZSCHEL

Es mag der "größte Architekturwettbewerb der Geschichte" sein, doch im Lärm der anhaltenden Debatten um die architektonische Gestaltungshoheit bei der Neubebauung von Ground Zero ist er fast untergegangen. Nicht weniger als 5201 Teams und Einzelpersonen aus 63 Ländern haben ihre Entwürfe für die Gedenkstätte der Opfer des 11. September eingereicht. Während Daniel Libeskind noch an der endgültigen Version seines Masterplans für das Gelände feilt, hat eine 13-köpfige Jury unter strengster Geheimhaltung acht davon ausgewählt.

Der Entwurf "Suspending Memory" von Joseph Karadin und Hsin-Yi Wu. Ein locus amoenus der schwer erträglichen Art.

(Foto: Foto: AP)

Deren Präsentation hat der Debatte um den Wiederaufbau des Geländes in Downtown Manhattan neuen Konfliktstoff gegeben: Kaum waren die weißen Papierbahnen von den Modellen gerissen, die Videoanimationen gestartet, offenbarten sich in den hochkomplexen Entwürfen dieselben Myriaden von Fallen, die man in Deutschland seit der Endlosdebatte um das Holocaust-Denkmal zu fürchten gelernt hat. Die ersten, die in der ihnen eigenen militanten Indigniertheit alle Entwürfe abgelehnt haben, waren, wie zu erwarten, die Feuerwehrleute, Polizisten und die Angehörigen der Opfer. Schon ein flüchtiger Blick auf die Entwürfe lässt aber keinen Zweifel, dass ihren Einwänden etliche andere folgen werden. Die Gedenkstätte, obwohl der einzige Ort an Ground Zero, der frei ist von Developerinteressen und Kosten-Nutzen-Kalkulationen, wird das am heftigsten umkämpfte Element der Neubebauung werden.

Dabei kam die Lower Manhattan Development Corporation in ihrer Ausschreibung schon einer der zentralen Forderungen der Opferfamilien nach: Die beiden "Fußabdrücke" der zerstörten Twin Towers, die Zone, die man jetzt in einer behelfsmäßigen Übereinkunft zum Ort erklärt hat, an dem die meisten Opfer ums Leben gekommen sind, sollten erkennbar bleiben. Sie werden, gemeinsam mit der weiten, von Libeskinds Halbrund aus Hochhäusern umstellten Fläche dazwischen, den Platz für die Gedenkstätte darstellen. Doch diese breitet sich nicht nur weit und zerklüftet in die Horizontale, sondern auch in die Vertikale aus: Bis zu vier verschiedene "Stockwerke" sehen einige Entwürfe vor, die tief unter das Straßenniveau führen. Kurz: Die Gedenkstätte, gleich welcher Entwurf realisiert wird, folgt weder dem Typus des Mausoleums noch dem des Kollektivgrabs wie Mies van der Rohes Denkmal für die Novemberrevolutionäre oder Maya Lins Vietnam-Memorial. Auch ein Gräberfeld wie das Holocaust-Denkmal in Berlin oder das Denkmal für die Opfer des Bombenanschlags in Oklahoma ist nicht anvisiert. Es wird eine Gedenk-Stadt sein: mit Treppen, Rampen, Mauern, Wasserläufen, weit offenen und klaustrophobisch engen Räumen und idyllischen Gärten.

Einer Stadt wird es nicht nur seiner räumlichen Anlage wegen ähneln, sondern auch wegen des komplexen Programms, das man ihm aufgebürdet hat. Es beginnt bei den Opfern selbst: So soll nicht nur derer gedacht werden, die hier starben, sondern auch der Toten vom Pentagon und von Pennsylvania - und der Opfer des Bombenanschlags auf das World Trade Center von 1993. Und unter allen diesen wird in den meisten Entwürfen auf vehementen Druck von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten noch einmal unterschieden zwischen gewöhnlichen Opfern und solchen, die starben, als sie anderen zu helfen versuchten. Diese Differenzierungswut setzt sich fort bei den Funktionen: Verlangt waren ein Park, ein museumsähnlicher Ort, der die Geschichte des 11. Septembers erklärt, ein separater Raum für die Angehörigen, eine freie Fläche für öffentliche Zeremonien und schließlich ein Raum, in dem die vielen Tausend heute noch nicht identifizierbaren sterblichen Überreste der Opfer vorübergehend bestattet werden können.

Die Architekten haben die Komplexität noch auf die Spitze getrieben. Sie haben beiden Turmfundamenten unterschiedliche Funktionen zugewiesen, haben das Gedenken zerlegt in seine düsteren Komponenten - mit unterirdischen Katakomben - und seine optimistischeren Momente: Dafür gibt es Apfelhaine, strenge Gärten und weite Wasserflächen. Pierre Davids Entwurf "Garden of Lights" weist den Besuchern gar einen speziellen "Gabenpfad" zu, an dem sie Rosen niederlegen sollen.

Es mögen die Ideale von Demokratie und political correctness gewesen sein, auf die das Bemühen zurückgeht, niemanden zu kurz kommen zu lassen, für jeden Grad von Distanz und Intimität einen Raum bereitzustellen und jeden Besucher unter einer ganzen Palette möglicher Schauplätze und Formen für sein Gedenken wählen zu lassen. Man könnte es als Absage an alles Monumentale und Autoritäre verstehen, als Feier der gesellschaftlichen Komplexität. Schließlich stammten die Toten aus 92 verschiedenen Ländern. Tatsächlich ist das Ergebnis eine Ausdifferenzierung der Rezeption, eine Segmentierung des Gedenkens, die die vereinigende Idee des öffentlichen Denkmals ad absurdum führt. Worin bestünde dessen Sinn, wenn nicht in einem Symbol, das mit einfachsten Mitteln ein komplexes Ereignis repräsentiert. Letztlich ist das Denkmal eine staatliche Dienstleistung, die von allen in derselben Weise wahrgenommen wird. Das Gedenken selbst hingegen ist ein individueller Vorgang. Genau das unterscheidet eine Biografie von einem Grabstein. Das Memorial aber verkehrt diese Funktion in doppelter Weise. Einerseits durchsetzt es das öffentliches Denkmal mit Nischen des Privaten, die nicht einmal auf dem Friedhof denkbar sind. Andererseits sprechen zumindest die meisten Entwürfe den Besuchern die Fähigkeit zum individuellen Gedenken ab. Sie vermischen die Symbolik mit Didaktik und saturieren sie bis zum blanken Kitsch.

Der Entwurf "Suspending Memory" von Joseph Karadin sieht einen Ziersee zwischen zwei Grünflächen vor, der "Pool of Tears" genannt ist. Auf Stelen für jedes einzelne der knapp 3000 Opfer ist nicht nur der Name, sondern auch eine Kurzbiografie zu lesen. An den Säulen der Feuerwehrleute hängen ihre Helme. "Dual Memory" von Brian Strawn und Karla Sierralta unterscheidet zwischen dem "Individual Memory Footprint" und dem "Shared Memory Footprint", letzter soll mit 92 Ahornbäumen in der Erde aus 92 Ländern bepflanzt werden. 92 "Messages of Hope" sollen in die Steinmauern gemeißelt werden. Toshio Sasaki sieht für seinen Entwurf "Inversion of Light" einen in Stein gefrästen Grundriss des 94. Stockwerks vor.

Das andere Symptom dieses tiefen Misstrauens in die Vorstellungskraft der Besucher ist der Hang zur sinnlichen Überinstrumentierung. Kaum ein Entwurf kommt ohne Wasserfälle, ohne komplizierte Lichteffekte aus. Sasaki will einen blauen Laserstrahl in den Himmel schicken. Norman Lee und Michael Lewis lassen in ihrem Entwurf "Votives in Suspension" für jedes Opfer eine Öllampe von der Decke hängen, deren über einen winzigen Schlauch gespeister Docht in einer eigenen Zeremonie entzündet werden soll.

Wo ein Ereignis sich so dauerhaft in die Gehirne gebrannt hat, dass jedes tief fliegende Flugzeug (und sie fliegen minütlich über Ground Zero), jeder laute Knall, ja jeder Anblick eines Hochhauses bei großen Teilen der New Yorker Bevölkerung unweigerlich Assoziationen an den 11. September auslöst, sind derlei überbestückte Werkzeugkästen dem Erinnern und Gedenken nur abträglich. Wo, wenn nicht an einem bis zum Bersten komplexen Ort wie Manhattan, hätte man die Wirkung von Leere und Einfachheit ausnützen können. Allein Michael Arad hat das mit seinem Entwurf "Reflecting Absence" getan, der zwei zehn Meter unter Straßenniveau liegende, von Wasserfällen an allen vier Seiten gespeiste Becken in den Turmfundamenten vorschlägt, zwischen denen ein schlichter Pinienhain angelegt wird. Weil Arad sich über verschiedene Details der Ausschreibung hinweggesetzt hat, stehen die Chancen für die Realisierung seines in sprödem Schwarzweiß präsentierten Entwurfs allerdings schlecht.

Was Amerika bekanntlich fehlt, ist ein tragfähiges und aufgeklärtes Modell von Kollektivität. Individualismus wird als nationales Ideal gefeiert, doch sobald das Kollektiv sich verunsichert oder angegriffen fühlt entwickelt es hysterische Züge. Dann verschwinden Ladendiebe für Jahre im Gefängnis, dann werden grundlos Kriege angezettelt. Übertriebene Bevormundung, der man sich willig unterwirft, ist das mildeste dieser Krisensymptome. Ein Beispiel dafür sind die Entwürfe für die Gedenkstätte.