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Interview mit Ennio Morricone:"Menschen tanzen nun mal gerne"

Ennio Morricone im Jahr 2014 vor einem Konzert in Berlin.

(Foto: AP)

Der Mann, der die legendäre Musik zu "Spiel mir das Lied vom Tod" geschrieben hat, sprach im Filmmuseum über mangelnde Tanzbegeisterung und darüber, dass er nie Cowboy werden wollte.

Interview: Susanne Hermanski

Ennio Morricone ist bester Laune. Es heißt, der Maestro, der zu mehr als 400 Filmen legendäre Soundtracks geschrieben hat und seit gestern Ehrensenator der Münchner Hochschule für Musik ist, verliere leicht die Geduld mit Fragern.

Der legendäre Filmkomponist weilt momentan in München.

(Foto: Foto: dpa)

Doch im Stadtmuseum antwortet er den Journalisten, Gastgebern und Fans, die gekommen sind, um die Vorstellung der "Legende des Ozeanpianisten" zu sehen, ausführlich - wenn er auch auf die Fragen zuweilen nicht wirklich eingeht.

Manches Lächeln huscht über sein ernstes Gesicht, und seine dicken Brillengläser blitzen. Mit dem Dolmetscher - Morricone spricht ausschließlich Italienisch - demonstriert er gar, wie Tim Roth in der Rolle des Pianisten gedoubelt werden musste und schiebt dazu dem großen Mann seine kurzen Arme unter.

SZ: Herr Morricone, Sie werden heute als Ikone der Popkultur gefeiert und als wichtiger Komponist der klassischen Moderne - wovon hat Ennio geträumt, als er noch ein Junge war?

Ennio Morricone: Ich wollte immer ein klassischer Komponist sein. Nie habe ich daran gedacht, Filmmusiker zu werden.

Und sie wollten nie Lokomotivführer werden, wie andere Jungs?

(lacht) Nein.

Oder Cowboy?

Nie. Überhaupt muss ich da etwas richtig stellen. Der Anteil der Musik, die ich für Western geschrieben habe, liegt bei 8,5 Prozent meines gesamten Werkes. Nicht mal deren Anteil an meinen Filmmusiken ist hoch. Und ich habe viel Absolute Musik geschrieben: Der Musikprofessor Sergio Miceli hat 100 Stücke gezählt. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin stolz, die Filme mit Sergio Leone gemacht zu haben.

Hat es Sie je gereizt, als Regisseur einen Film zu drehen, womöglich einen Liebesfilm oder eher ein Musikerporträt?

Regie führen will ich wirklich nicht. Aber ich habe Regisseuren oft meine Vorschläge für Filme gemacht.

Haben Sie da ein Beispiel?

Nein, keiner hat eine der Ideen umgesetzt. (lacht)

Wenn Sie eine schöne Frau die Treppe herabkommen sehen oder einen Mann, der einem Zug hinterherhetzt - spult sich in solchen Alltagssituationen in ihrem Inneren eine Filmmusik ab?

Nein, im Film fixiert man sich ja auch nicht auf eine Szene. Ich versuche stets, eine Filmfigur in ihrer gesamten Komplexität zu interpretieren.

Wenn Sie eine Musik komponieren müssten, die Rom beschreibt - wie würde die wohl klingen?

Oh, das musste ich noch nie - aber wenn einer mit diesem Auftrag käme, mir würde sicher etwas einfallen.

Auch zu München?

Hier war ich immer nur zum Arbeiten. Für den BR habe ich mal etwas aufgenommen - vor 36 Jahren.

Was bedeutet es, Ehrensenator der Münchner Musikhochschule zu sein?

Für mich ist das eine große Ehre. Auch andere wichtige Leute (wie Leonard Bernstein, Anm. d. Red.) haben den Titel für ihre Arbeit erhalten.

Was raten Sie jungen Musikern, die Filmkomponisten werden wollen?

Sie sollen ganz ernsthaft klassische Komposition studieren. Nur wer die historischen Techniken verinnerlicht hat, kann sie beiseite legen und etwas Eigenes schaffen. Und es gibt einen gefährlichen Irrtum, den die Elektronik in die Musik gebracht hat: Jeder, der drei Tasten auf dem Keyboard festhalten kann, glaubt, er kann Musik machen.

Viele Club-Musiker verwenden ihre Kompositionen als Steinbruch für ihre eigene Musik. Ist Ihnen das angenehm?

Mal so, mal so. Manche machen interessante Dinge damit.

Was ist das für ein Gefühl, Menschen zu Ihrer Musik tanzen zu sehen?

Naja, Menschen tanzen nunmal gerne. Sie mögen den Rhythmus.

Und tanzen sie dann mit?

Ich? Niemals.

© SZ

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