Endspiel Pures Spiel, höchste Kunst

Und der Text als Partitur: Dieter Dorn inszeniert Samuel Becketts "Endspiel" als Schauspielerfest für zwei Existenzclowns.

Von Christine Dössel

Man hielt es erst nur für ein Gerücht, aber im Rang des Salzburger Landestheaters saß tatsächlich Angela Merkel mit ihrem Mann Joachim Sauer, um der ersten Schauspielpremiere der Festspiele beizuwohnen: "Endspiel" von Samuel Beckett in der Regie von Dieter Dorn. Vielleicht hatten sie sich ja durch den Bühneneingang hereingeschlichen, von erhöhten Sicherheitsvorkehrungen war jedenfalls nichts zu bemerken. Es stellt sich nun aber die bange Frage, warum die Kanzlerin, die doch sonst nur Opernpremieren besucht, sich ausgerechnet bei diesem Stück ins Theater begibt: ein Rätselwerk, das nach einer Katastrophe spielt und in dem nichts, aber auch gar nichts vorangeht. Becketts Endspieler sind verzweifelte Unsinnskrämer in einer existenziellen Leere. Die Außenwelt scheint tot zu sein. Muss man sich Sorgen machen?

Nein, nicht an diesem Abend, der das Stück weniger als düster-bedrohliches Katastrophenszenario denn als pures Spiel begreift, als Theaterspiel, was aus dem Text durchaus so herausgelesen werden kann. Wie man ja vieles aus diesem Klassiker des Absurden herauslesen kann. Beckett selbst antwortete auf die nervige Frage nach dem Sinn einmal: ",Endspiel' wird bloßes Spiel sein. Nichts weniger. Von Rätseln und Lösungen also kein Gedanke."

Na dann: Vorhang auf für Dieter Dorns Schauspielerfest, in dem keine Neu- oder gar Fehlinterpretation zu befürchten, sondern Beckett in astreiner Textwiedergabe zu haben ist, gemeistert von zwei Top-Schauspielern des Wiener Burgtheaters: Michael Maertens (Clov) und Nicholas Ofczarek (Hamm). Es ist Dorns erste Schauspielinszenierung, seit er sich im Sommer 2011 als Münchner Intendant verabschiedete. Drei Jahrzehnte lang hatte er, erst an den Kammerspielen, später am Residenztheater, das Münchner Theaterleben geprägt. Im "Endspiel" führt er noch einmal die wesentlichen Charakteristika des Dorn-Theaters vor (inklusive Hans-Joachim Ruckhäberle als Dramaturgen).

Es gibt sie noch, die guten Dinge: Werktreue, Präzisionsregie und hohe Sprechkunst

Dass dieser Abend aus dem Bauch des Theaters selbst kommt und gewissermaßen aus historischem Schlund, macht schon der Anfang deutlich: Aus der Tiefe der weit aufgerissenen, ihre Züge und Streben offenlegenden Bühne zuckelt knarzend ein Holzkasten nach vorne, der aussieht wie ein übergroßer Pappkarton. Ein Guckkasterl im Guckkasten für das Spiel im Spiel. Jürgen Rose hat ihn mit den bekannten Bühnen-Insignien des "Endspiels" ausgestattet: An der Rückwand zwei hoch angebrachte Fensterchen und ein umgedrehtes Gemälde; vorne links die zwei Mülltonnen, in denen Nag und Nell dahinvegetieren; und in der Mitte, anfangs mit einem weißen Laken überdeckt: Hamm in seinem "mit Röllchen versehenen Sessel", der hier ein alter Theater-Thron ist - ein abgewetzter, samtbezogener Königsstuhl aus vergoldetem Holz. Der große George Tabori saß beim Regieführen gerne auf so einem Stuhl. Eine der besten, berühmtesten "Endspiel"-Inszenierungen - mit Gert Voss und Ignaz Kirchner - ist von ihm. Das war 1989 am Wiener Burgtheater, wo von Herbst an auch Dorns Inszenierung aufgeführt wird.

So wie Hamms Stuhl aus dem Fundus zu kommen scheint, hat der ganze Abend einen Beckett-Retro-Look. Hier kriegt man das "Endspiel" so, wie es seit nun fast 60 Jahren in der Übersetzung von Elmar Tophoven in Stein gemeißelt steht. Ja, hier gibt es sie noch, die guten Dinge (und das ist gar nicht despektierlich gemeint): Werktreue, Präzisionsregie, großartige Schauspiel- und - auch das! - Sprechkunst. Dorn nimmt den Text als Partitur. Und so, wie die Bühnenvirtuosen Nicholas Ofczarek und Michael Maertens ihn zum Klingen und Schwingen bringen, hört man tatsächlich wieder wie neu hin. Auch wenn alles beim Alten ist. Auch wenn das Dranbleiben streckenweise schwerfällt, wie fast immer beim "Endspiel".

Hamm und Clov - das sind Herr und Knecht, Gebieter und Diener, vielleicht auch Vater und Sohn. Oder ein altes Liebespaar. Auf alle Fälle sind sie abhängig voneinander, können nicht ohneeinander existieren. Der eine, Hamm, ist blind und gelähmt, er kann seinen Sessel nicht verlassen und kommentiert Clov, auf dessen Hilfe er angewiesen ist, rüde herum. Hamms Macht besteht auch darin, dass er in der Endzeit, in der das Stück spielt, über die Speisevorräte verfügt. Clov, der ein steifes Bein hat und nicht sitzen kann, führt alle Befehle halb ergeben, halb widerwillig aus, wobei er ständig davon spricht, Hamm zu verlassen. Was er aber niemals tut.

Zurück bleibt hier kein Schrecken, sondern metaphysische Heiterkeit

Hamm und Clov führen ihren Zweikampf als ritualisiertes Spiel zweier Existenzclowns auf, die nichts mehr zu verlieren haben außer den anderen - und damit sich selbst. Michael Maertens gibt den Clov als verzweiflungskomisches Faktotum mit einem so weichen Rückgrat, dass er vor lauter Beugen und Buckeln schon ganz schief geworden ist. Orthopäden dürften beim Zuschauen die Krise kriegen, wenn Maertens mit abgeknicktem Oberkörper als früh vergreister Schlurf über die Bühne tapert oder zappelnde Marionettentänze aufführt. Sein Clov ist ein weinerlicher Humpelmann, aber auch ein Slapstick-Hanswurst. Wenn er das Fernrohr und die Stehleiter aus der Küche holt, um durch die Fensterlöcher ins "Nichts" draußen zu gucken, macht Maertens daraus große Umstandskrämer-Nummern. Wobei die Küche hier unter einer Falltür im Boden liegt, sodass Clov ständig in die Luke hinunter- und dann ungelenk wieder heraufklettern muss. Maertens schleudert die Falltür immer extralaut zu, und er schleudert Blitze aus stechend blauen Augen. Das ist seine kleine Revolte. Wirklich böse aber ist er nicht. Dass er Hamm wirklich mal was antun könnte, steht bei diesem winselnden Bückling nicht zu befürchten.

Nicholas Ofczarek als Hamm dagegen: ein Monument. Wie ein Fels in sich ruhend - und felsenfest von sich überzeugt - sitzt er in seinem Rollstuhl-Thron und legt mangels Bewegungsmöglichkeit all seine Bühnentierkraft in Ausdruck und Stimme (was für ein Organ!). Aber er hat auch etwas Zartes, das er mit feinen Handbewegungen unterstreicht. Hamm ist schließlich auch ein Möchtegern-Dichter auf Selbsterkundungstrip. Seinen Eltern gegenüber, die beinamputiert in der Mülltonne stecken, führt er sich jedoch auf wie ein Tyrann. Es sind Joachim Bißmeier und Barbara Petritsch, die den beiden als Abfall entsorgten Alten etwas sehr Anrührendes geben. Mit geradezu kynischer Gelassenheit stecken sie ihre bleichen Gesichter aus der Tonne und kommentieren ihr Leben im Rückblick wie zwei Muppets.

Am Ende fährt Dorns Bühnenkasten wieder ruckelnd nach hinten in die dunkle Theatergeschichtshöhle, aus der er kam. Zurück bleibt weniger ein Schrecken als eine metaphysische Heiterkeit. Ihre heutigen Endspiele führt die Menschheit schon selber zur Genüge auf. Tosender Applaus.