Endlich Zeit für Erwachende Buchstaben

Überraschend erfolgreich: Elias Vorpahls "Der Wortschatz"

Von Bernhard Blöchl

Dieses Buch ist ein kleines Wunder, eine magische Geschichte in mehrerlei Hinsicht. Sie handelt von einem Wort auf der Suche nach sich selbst. Davon, was passiert, wenn Stimmbänder es aussprechen; wenn es fortgerissen wird im Sprachfluss; wenn es in Sprachen landet, der Austragungsstätte der Wortspiele; wenn es seine Buchstaben umstellt und sich verwandelt. Der Roman, eigentlich eine Novelle, heißt "Der Wortschatz", und ja, es handelt sich um ein ungewöhnliches Buch. "Ein Buch für Erwachsene, als sie noch Kinder waren", wie es in der Einführung heißt. Eine Parabel, ein Stück über das Lesen und Schreiben, ein Fantasy-Märchen. All das und ein bisschen auch das: ein literarisches Experiment.

Das beginnt schon mit dem gewöhnungsbedürftigen Protagonisten (eine Protagonistin, wie sich später herausstellt): "Das Wort erwachte. Sein kleiner Buchstabe fühlte sich ganz taub an. Es zog die Decke zur Seite und streckte sich ein paar Mal, bis die Müdigkeit aus seinen beiden Silben wich." Es gibt geschwungen abgedruckte Sätze und grafische Verzierungen, und auf einer Seite spielen die Buchstaben verrückt, im wahrsten Sinne, denn sie tauschen Positionen, bis der Leser ihre Bedeutung allmählich erahnen kann: "Dnan gleang es. Ncoh imemr wraen die Wrote um sie hreum vrefromt, dcoh anhte sie jtezt irhe Bdeeutnug."

Wer nun denkt, "Der Wortschatz" passe so gar nicht in übliche Verlagsprogramme, der liegt nicht ganz falsch. Auch deshalb ist das Buch ein kleines Wunder, denn sein Autor, der Münchner Elias Vorpahl, hat es ohne Verlag veröffentlicht. Und diese Geschichte hinter dem Buch ist beinahe ebenso unglaublich wie der Inhalt. Im Eigenverlag ist kürzlich die vierte Auflage erschienen, zum Taschenbuch gibt es ein Hardcover. Seit Monaten rangiert es auf hohen Verkaufsrängen bei den Online-Riesen, laut eigenen Angaben wurden seit Anfang 2018 mehr als 10 000 Taschenbücher (und 4000 E-Books) verkauft. Das sind beeindruckende Zahlen für einen Newcomer ohne Verlag (auch für einen Newcomer mit Verlag im Übrigen). Vorpahl, Jahrgang 1985, hat Mathematik studiert und ist Mitglied der Autorengruppe Prosathek.

Sein von Julia Marie Stolba hübsch illustriertes und von Lena Stadler ebenso hübsch gestaltetes Debüt entzieht sich jedem Zeitgeist, schlägt mit Vorliebe Wörterpurzelbäume und ist im schönsten Sinne naiv und im besten Sinne kindlich. Selbst wenn der Zauber, den das Buch auf jeder Seite zu verbreiten sucht, einem hier und da etwas zu forsch entgegenweht - dieser Jungautor dürfte nicht mehr lange ohne Verlag bleiben.