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Elena Ferrante:Zersplitterte Frau

Claudio Gatti

Zeuge der Anklage? Der Wirtschaftsjournalist Claudio Gatti präsentiert während seiner Pressekonferenz ein Exemplar von Ferrantes "La Frantumaglia".

(Foto: Domenico Stinellis/AP)

Die Briefe, Essays und Interviews der Italienerin sind keine Lügen, sondern ein selbstbewusstes, legitimes Spiel mit der Autorschaft. Das zeigt der spannende Werkstattbericht "Frantumaglia".

Elena Ferrante ist ein Name, der aus dreizehn Buchstaben besteht. Mehr nicht. Mit dieser lapidaren Feststellung wies die italienische Autorin, die seit 1992 unter diesem Namen publiziert und mit ihrer Neapel-Tetralogie zwischen Island, der Türkei und den USA große Erfolge feiert, einen zudringlichen Redakteur in die Schranken. Immer wieder belagerte man sie mit Fragen, wer sie denn nun tatsächlich sei. Wahrheit könne man ohnehin nur in der literarischen Fiktion erreichen, lautete eine Erwiderung, und genau diese Wahrheit treibe sie um. "Frantumaglia. A Writer's Journey" heißt der neue Band von Elena Ferrante, der jetzt bei ihrem amerikanischen Verlag Europa Editions unter dem italienischen Originaltitel herausgekommen ist. Es handelt sich um die erweiterte Fassung eines Buches, das in Italien bereits 2003 erschien und dort kürzlich in umfangreicherer Form neu veröffentlicht wurde: eine Sammlung von Briefen, Essays und Interviews, entstanden zwischen 1991 und 2016. Ein Werkstattbericht, zugleich eine Poetik, angereichert durch verworfene Passagen aus Frühfassungen ihrer Romane, Ausführungen zu zentralen Motiven und einigen Bemerkungen zu ihrem familiären Hintergrund.

Gerade im Zusammenspiel mit Ferrantes Neapel-Serie "Meine geniale Freundin", deren erster Band mit enormer Resonanz im September auf Deutsch erschien, und der spektakulär inszenierten Enthüllung des Pseudonyms durch den investigativen Wirtschaftsjournalisten Claudio Gatti Anfang Oktober, entpuppt es sich als eines der aufregendsten Bücher der Saison. Nirgendwo sonst kann man den Bedingungen der Fiktion und der Frage, wem geistige Besitztümer eigentlich gehören und welche Funktion der Autorname hat, besser auf die Schliche kommen.

Hier kann der Leser miterleben, wie eine fiktive Autorfigur entworfen wird

Gatti, der in New York lebt, gebärdete sich wie ein Sheriff, wandte kriminologische Methoden an und tat so, als sei er einer unlauteren Sache auf der Spur. Elena Ferrante ist nur ausgedacht, was für ein Skandal! In seiner vor Empörung vibrierenden Entlarvung berief er sich auf "La Frantumaglia". Die Autorin habe falsche Angaben zu ihrer Herkunft und dem Beruf ihrer Mutter gemacht, also gelogen und jedes Recht auf Anonymität verwirkt, rechtfertigte er seine Aufdeckung und gab Details über die Vermögensverhältnisse der römischen Übersetzerin Anita Raja, der vermeintlich wahren Elena Ferrante, und ihres Ehemannes, des Schriftstellers Domenico Starnone, preis.

Dass jeder Autor, der "ich" sagt, bereits wieder eine neue Geschichte erzählt, die nichts mit seiner Person aus Fleisch und Blut zu tun haben muss, dass Elena Ferrante als Projektionsfläche diente und die Kategorie der Lüge den Charakter des Erzählens an sich kennzeichnet, hatte er übersehen. Erfindungen sind nun mal das Kerngeschäft der Literatur.

Viel interessanter, als zähnefletschend die vermeintliche Urheberin ans Licht zu zerren und in ihrem Privatleben herumzustochern, ist die Konstruktion an sich. Nehmen wir die Inszenierung der Autorschaft in "Frantumaglia" einmal ernst. "Wer eine schöpferische Arbeit ausübt, ist von jemand anderem beherrscht, in gewisser Weise wird man jemand anders", heißt es in einem Brief Ferrantes an den Journalisten Goffredo Fofi von 1995. Aus Anlass der Verfilmung ihres Debüts "Lästige Liebe" (1992) durch den Regisseur Mario Martone hatte sich Fofi mit einem Fragenkatalog an Elena Ferrante gewandt. Die Anfrage Fofis ist in der Fußnote abgedruckt, in der sich aber auch der Hinweis findet, die Antwort der Schriftstellerin sei gar nicht abgeschickt worden. Ein Anmerkungsapparat, Quellenangaben, die Korrespondenz mit den Verlegern Sandro Ferri und Sandra Ozzola, die Vermischung von tatsächlich veröffentlichten Zeitungsinterviews mit möglicherweise erst später entstandenen Briefen - all das ist Teil des Spiels. Die Autorfigur Elena Ferrante gewinnt deutliche Umrisse: Einen Brief zu schreiben und dann nicht abzuschicken unterstreicht ihr skrupulöses Naturell.

La frantumaglia ist ein Neologismus, ein Wort, das, so wird in dem schönsten und längsten Essay des Bandes erklärt, aus der Hinterlassenschaft ihrer Mutter stamme. Ein dialektales, neapolitanisches Wort, mit dem die Mutter ihre Erschöpfung und Zerschlissenheit ausdrückte, wenn ihr der Kopf zu platzen drohte. Das Verb frantumare bedeutet "zertrümmern", "zersplittern", frantumi sind Bruchstücke, Splitter oder Scherben, la frantumaglia wäre also so etwas wie eine "Zerscherbung". Es ist der Kern ihrer Poetik. "Die frantumaglia ist eine unstete Landschaft, eine Luft- oder Wassermasse, lauter Trümmer, die sich dem Ich auf brutale Weise als sein tatsächliches und einziges Inneres zeigen." In allen sieben Romanen geht es um Abgründe, die sich für die Protagonistinnen auftun, Trennungen und Abspaltung, komplexe Spiegelungen zwischen Müttern und Töchtern, Schwestern, Freundinnen.

Auch vom Lügen ist in "Frantumaglia" die Rede. Zehn Jahre nach dem Debüt Elena Ferrantes kam 2002 der Roman "Tage des Verlassenwerdens" heraus; wieder gab es Anfragen für Interviews. In einem Brief an den Verleger Sandro Ferri heißt es: "Das Spiel mit den Zeitungen führt dazu, dass man lügt", schließlich wolle man klüger erscheinen, als man sei und seiner Rolle gerecht werden. Aber nichts sei wichtiger als die Wahrheit des Romans, und deshalb gehe es für Ferrante darum, "mit kurzen Antworten dieselbe Wirkung wie mit der Literatur zu erzeugen, also Lügen zu entwerfen, die immer und auf ernsthafte Weise die Wahrheit ausdrücken".

Genau das passiert dem Leser: Er wird eingesponnen in ein Nachdenken über die Eigenarten des Erfindens. In Italien sah sich niemand bemüßigt, das seit den Neunzigerjahren kursierende Gerücht über das Ehepaar Raja/Starnone hinter Ferrante philologisch zu überprüfen. Man wandte zwar das von Franco Moretti entwickelte, computergesteuerte Verfahren des distant reading an, bei dem sich aus literarischen Werken ein Korpus aus Datensätzen erstellen lässt (siehe Text auf dieser Seite) und Starnone als Urheber identifiziert wurde, verzichtete aber auf die viel spannendere Untersuchung von Motiven und Themen.

Der Autor muss identifizierbar sein, damit er angeklagt werden kann, sagte Michel Foucault

Dabei böte das vielgestaltige erzählerische Werk Starnones ein Terrain für hermeneutische Schnitzeljagden: Von den Schulgeschichten in "Ex cattedra" (1988) über die bedrängenden Schilderungen eines gewalttätigen Vaters, Oberhaupt einer postfaschistischen Familie im Neapel der Nachkriegszeit in "Via Gemito" (2000), von der Vorliebe für Metaebenen in "Labilità" (2005) und "Prima esecuzione" (2007), in denen plötzlich die Figur des Autors auftritt, bis zur schuldbeladenen Erfahrung, durch eine Trennung Kinder im Stich zu lassen, in "Lacci"(2014).

Claudio Gattis Spektakel rund um Elena Ferrante und "Frantumaglia" hält der überhitzten Mediengesellschaft den Spiegel vor. Es zählen die Story und der Scoop, je intimer, desto besser. Elena Ferrante aber ist ein Konstrukt. "Eine unangemessene Schreibweise kann die ehrlichste biografische Wahrheit verfälschen. Die literarische Wahrheit gründet nicht auf einem autobiografischen, journalistischen oder gesetzlichen Pakt", sagt Ferrante im Gespräch mit ihren Verlegern. Dazu passt, dass am Ende des Bandes der Name Roland Barthes fällt. Ihr gefalle dessen Interpretation von Balzacs "Sarrasine". Barthes hatte 1969 in seinem Aufsatz "Der Tod des Autors" über die Aneignungsbeziehung zwischen Autor und Text nachgedacht.

Michel Foucault nahm die Frage wenig später in seinem Vortrag "Was ist ein Autor?" aus anderer Warte unter die Lupe. "Der Begriff Autor bildet den Angelpunkt der Individualisation in der Ideengeschichte", stellte er fest. Zuallererst ermögliche er eine strafrechtliche Zuschreibung, erst an zweiter Stelle gehe es um das Recht am Eigentum. Barthes greift den Gedanken 1970 in "S/Z" noch einmal auf: Es gelte, die Gottheit des Autors neu zu besetzen und sie zu fiktionalisieren. Sie solle sich in eine romanhafte Figur wandeln und in ihrem eigenen Text verlieren, zu einem être de papier, einem Papier-Wesen werden. Ein Jahr später allerdings stellte er fest, dass man den Autor doch brauche. Als eine Instanz, auf die sich das Begehren des Lesers richte. Genau das ist mit Elena Ferrante passiert.

Elena Ferrante: La Frantumaglia. Edizioni e/o, Roma 2016, 374 Seiten, 19 Euro. E-Book 11,99 Euro. Elena Ferrante: Frantumaglia. A Writer's Journey. Translated by Ann Goldstein. Europa Editions, New York 2016. 400 Seiten, 16 Dollar. E-Book 9,99 Euro.

© SZ vom 07.11.2016
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