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Elbphilharmonie:Geniale Dilletanten

Einstürzende Neubauten, Simon Rattle, Sasha Waltz: Der Intendant der Elbphilharmonie Christoph Lieben-Seutter stellt das Programm für die Eröffnungssaison vor. Es soll das beste "auf dem Globus" werden.

Von Till Briegleb

Vor zwei Wochen hätte man es für einen Aprilscherz gehalten. Die Einstürzenden Neubauten spielen zur Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie. Nicht nur wegen des Namens, den man sofort auf die Krawallgeschichte dieses Skandalprojekts und die heftigen Streitereien um die statische Sicherheit des Konzertsaals bezieht, wirkt dieser Programmpunkt wie ein Kalauer. Auch die Bandgeschichte der Neubauten als sogenannte Hauptvertreter der "Genialen Dilletanten" (!) passt nicht so wirklich zu diesem teuersten Hochkulturprojekt Deutschlands. Über Jahrzehnte der Albtraum jedes Klassikfreunds legten die auf Waschmaschinen und Einkaufswagen hämmernden Bandmitglieder bei einem ihrer frühen Konzerte in der Hamburger Markthalle auch schon mal mit dem Presslufthammer Hand ans Gebäude.

Vielleicht verschwieg deshalb der Intendant Christoph Lieben-Seutter bei der Vorstellung der Eröffnungssaison der Elbphilharmonie im Parkhaus des bestürzend teuren Neubaus die Einladung an die Band. Vielleicht hatte er aber auch einfach zu viel vorzutragen, um an alles zu denken. Denn das Spielzeitbuch für die vielfach verschobene Eröffnung dieses Hauptstadtflughafens der Musik, die nun ganz wirklich und absolut sicher am 11. Januar 2017 stattfinden soll, umfasst 200 DIN-A4-Seiten mit Hunderten Programmtiteln.

Als Lieben-Seutter nach seinem langen wienerischen Singsang der Highlights zu dem Resümee kam, er habe hier für die erste Saison ein Programm, das man "in dieser Vielfalt, Dichte und Qualität nirgends auf dem Globus finden werde", waren alle restlos beeindruckt. Von den circa hundert Journalisten, die zur Präsentation erschienen waren, kam nicht eine einzige Nachfrage und das lag offenbar nicht nur an der Baustellenkälte.

Um den superteuren Dilettantismus dieses großen Hamburger Plans für ein neues Wahrzeichen endgültig vergessen zu machen, lädt sich die Stadt in den ersten Monaten der Premierensaison zunächst diverse Spitzenorchester aus aller Welt mit berühmten Dirigenten wie Riccardo Muti, Semyon Bychkov, Simon Rattle, Ingo Metzmacher, Daniel Barenboim oder Gustavo Dudamel ein. Philharmoniker aus Chicago, Wien, New York oder München spielen entweder gleich bei den "Hauswärm-Konzerten" oder in einem der acht Festivals, die sich in rascher Folge anschließen.

Dudamel und sein Orquesta Sinfonica Simón Bolívar etwa geben bei "Viva Beethoven" Ludwigs neun Sinfonien in einem Rutsch. Mutis Chicago Symphony Orchestra zeigt, wie Hindemith, Elgar und Mussorgsky in dem neuen Klangraum wirken, während Metzmacher mit den Wiener Philharmonikern und Schönbergs Opernfragment "Moses und Aaron" den Saal erprobt. Und beim Festival "New York Stories" erlebt eine Auftragskomposition der Elbphilharmonie an Esa-Pekka Salonen durch die New York Philharmonic und Yo-Yo Ma ihre Uraufführung.

Der stakkatoartige Festivalspielplan umfasst aber auch Themen wie "Salam Syria", wo als große Willkommensgeste unter anderem die Syrian Bigband und ein DJ Hello Psychaleppo Bewegungsmusik in den opulenten Saal des neuen Gebäudes von Herzog & de Meuron tragen. "Transatlantik" nimmt sich des musikalischen Erbes an, das die Sklavereigeschichte Amerika vermacht hat. Und zum Festival "Maximal minimal" wird dem Godfather of Wenig, Steve Reich, die Ehre großer Aufführungen zu teil. Aber bei allen Festivalthemen schlägt die jahrelang zur Geduld verdammte Intendanz den Bogen ins Schräge, ins Populäre oder Performative.

John Zorns Marathon-Orchester zelebriert über Stunden die New Yorker Dissonanz-Energie. Fado, Techno oder African Beats werden ins Verhältnis zu Orchestermusik gesetzt. Und Theatermacher wie Sasha Waltz oder La Fura dels Baus sind engagiert, mit ortsspezifischen Inszenierungen die programmatische Offenheit dieses Hauses mit Aussichtsterrasse und einer Hülle aus Hotel und (schwer verkäuflichen) Luxusapartments zu beweisen. Skurriler Höhepunkt dieser Verbindung verschiedener Disziplinen wird wohl John Malkovichs Dialog eines Diktators mit der Hausorgel unter dem Titel "Call me God".

Natürlich kann dieses Monsterprogramm nur stattfinden, wenn die Neubauten diesmal nicht ihre Klangvorstellungen am Gebäude ausprobieren. Aber auch die Herren sind ja mittlerweile älter, angesehen und Hochkultur. Wird also alles am Ende tatsächlich gut?

© SZ vom 12.04.2016

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