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"Einsame Zeugin":Die Schattenfrau

Zuerst ein Verdacht, dann ein Verdächtiger und danach erst der Mord: In "Einsame Zeugin" dreht William Boyle die Krimi-Verhältnisse um.

Amy Falconetti hat ihren 30. Geburtstag hinter sich. Ihr Leben, das ist ihr schrecklich bewusst, war mal deutlich wilder. Die Arbeit in einer Bar hat sie aufgegeben und damit Partynächte, skurrile Bekanntschaften und einen Alltag unter Menschen ihres Alters. Wenn sie jetzt Geld braucht, jobbt Amy. Ansonsten hilft sie ehrenamtlich in ihrer Kirchengemeinde, bringt alten Leuten die Kommunion, wenn die es nicht mehr in den Gottesdienst schaffen. Und seit Alessandra sie vor sechs Jahren verlassen hat, ist in Amys Bett auch nichts mehr los.

Für ihren Kopf ist das nicht gesund - dieser ausschließliche Umgang mit Menschen, die ihre Eltern und Großeltern sein könnten. Mit deren Biederkeit und Kleine-Leute-Ängsten. Dieser Alltag ohne jede Überraschung. Und das im überdrehten New York. Wer sich dort in ein Schneckenhaus verkriecht, versteht das Leben um sich herum rasch nicht mehr und läuft Gefahr, paranoid zu werden. Genauso ergeht es Amy. Sie wittert eine Mordtat, nur weil die Dinge ein paar Tage lang nicht mit derselben Gleichmütigkeit ablaufen wie sonst. Also heftet sie sich an die Fersen von Vincent, mit dem etwas definitiv nicht zu stimmen scheint und dessen Mutter sie seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen hat.

An dieser Stelle erlaubt William Boyle sich in seinem Krimi "Einsame Zeugin" einen makabren Witz: Amy liegt prompt richtig mit ihrem unguten Gefühl. Und doch vollkommen daneben. Denn nicht Vincent hat seine Mutter getötet, wie Amy in einem Anflug wohligen Schauderns glaubt. Vielmehr wird der verschlagene Kerl seinerseits erstochen, auf offener Straße und vor den Augen der heimlich ihm nachschleichenden Amy Falconetti.

Das erhoffte neue Leben kann nicht das abgelegte alte sein

Sofort hat die emotional zu früh gealterte Frau ein aufregendes Leben zurück. "Einsame Zeugin" ist ein Krimi ganz ohne polizeiliche Ermittlungen, jedenfalls tangieren sie die Hauptfigur nicht. Boyle beschreibt vielmehr, wie zwei Menschen sich belauern, um herauszufinden, ob sie einander gefährlich sind: der Mörder der Zeugin, die Zeugin dem Mörder. Und wie zwei Menschen eine Chance wittern, die sich wohl nur einmal im Leben ergibt. Wobei Boyle das Erzähltempo spannungsreich variiert.

Der Fokus liegt auf Amy, vieles spielt sich die längste Zeit in ihren Gedanken ab. Dass der Mörder sie wahrscheinlich erkannt hat, ist das eine. Das andere: Sie weiß ein paar Dinge, von denen niemand erfahren darf, sonst würde sie sich fälschlicherweise verdächtig machen. Insofern gerät Amy merklich aus dem Tritt, sie ist nun einmal nicht sehr nervenstark.

Gleichzeitig genießt sie die Situation, weil ihr Leben unbedingt noch einmal eine Wendung braucht. Der naheliegende Gedanke ist der an ihr altes Selbst, schnell ist sie erfüllt von einer Sehnsucht nach einer glücklicheren Vergangenheit - zumal, als Alessandra wieder auftaucht. Aber so einfach ist das nicht, auch wenn Amy die Klamotten von früher anzieht und sich eine blonde Perücke überstülpt. Das erhoffte neue Leben kann eben doch nicht das abgelegte alte sein.

Ohne einen Ortswechsel wird ein Neubeginn nicht möglich sein. Das hat schon Alessandra begriffen, als sie sich aus dem Staub gemacht hat. Und das begreift nun auch Amy. Sie braucht dafür Startkapital, und das bringt sie auf einen verwegenen, denkbar unausgegorenen Gedanken. Doch die Dinge müssen jetzt schnell passieren, ohne Plan. Der Zufall muss helfen. Also lässt William Boyle Amy jetzt endlich von der Leine.

William Boyle: Einsame Zeugin. Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf. Polar Verlag, Stuttgart 2019. 300 Seiten, 20 Euro.