bedeckt München

Eine Nacht bei der Telefonseelsorge:Man muss den Schmerz aushalten können

Nichts sagen, zuhören und auf keinen Fall auflegen! Seit 110 Jahren retten sie Menschen das Leben, trösten Kinder und helfen Verzweifelten: Eine Reportage von der Telefonseelsorge-Front.

Alex Rühle

Schichtwechsel, 21.30 Uhr, der Kollege ist gerade gegangen. Ursula Holzer räumt erst mal auf. "Ich brauche Licht. Und einen leeren Tisch." Neben dem Schreibtisch eine Schlafcouch, hier wird sie sich nach ihrer Ablösung, um drei, für ein paar Stunden hinlegen.

180 Schichten im Monat sind bei der evangelischen Telefonseelsorge München zu besetzen. Heute macht Ursula Holzer Nachtschicht, im Zimmer nebenan sitzt noch die "After-Eight"-Kollegin: Zwischen acht Uhr abends und Mitternacht sind sie doppelt besetzt. "Weil die Leute nachts mehr gequält werden von ihren Leiden. Sie entkommen denen dann nicht so einfach wie am Tag."

Bis zu ihrer Pensionierung vor drei Jahren hat Ursula Holzer als Informatikerin gearbeitet, 40 Jahre bei IBM, "ein Beruf, wo ja alles machbar ist. Aber das Leben ist nun mal anders".

Ihr allererstes Gespräch ist ihr noch gut in Erinnerung: Ein Mann behauptete, mit seiner Schwester zu schlafen. "Ich dachte: Du liebe Zeit, was kommt denn da alles?!" Das war 1994. Viele Mitarbeiter der Telefonseelsorge hören nach der Mindestzeit von drei Jahren wieder auf, weil sie es sich nicht so schlimm vorgestellt haben.

Frau Holzer hat in den vergangenen zwölf Jahren 1600 Stunden am Telefon gesessen. Ehrenamtlich, wie alle Telefonseelsorger. Warum ist sie geblieben?

Holzer, die vor Jahren schon aus der Kirche ausgetreten ist, - "das war mir immer zu eng" - zitiert Luther: ",Wer dem Seelsorger seine Not anvertraut, ist der Seelsorger des Seelsorgers.' Das gibt Kraft. Von den echten Gesprächen, in denen einer in Not ist und nicht mehr so tut als ob, gehe ich gestärkt nach Hause. Da draußen sind solche Gespräche kaum möglich, die meisten wollen ja gar nicht, dass man auf den Punkt kommt." Da draußen - das klingt, als sei man an Deck eines Schiffes, auf dem Meer unterwegs.

Holzer arbeitet lieber nachts: "Die Anrufer sind nachts dünnhäutiger, da sind schneller die Lebensfragen da." An diesem Abend dauert es drei Sätze bis zur ersten Lebensfrage: "Telefonseelsorge, guten Abend. - Ja; gern, können wir mal sehen. - Und wie kommt's, dass Sie allein sind?" In den ersten Jahren hallten ihr nach ihrer Arbeit tagelang Gespräche im Ohr. "Ich fragte mich, bin ich den Anrufenden gerecht geworden? Hätte ich da lieber nichts gesagt?"

Fünf Stunden Einsamkeit

Nichts sagen. Zuhören: Es sind nur fünf Stunden, von halb zehn bis drei, und die sind relativ ruhig. Und doch kommt alles vor, Einsamkeit, Verbitterung, das Gefühl, die eigenen Kinder für immer verloren zu haben.

Ein Junge fürchtet, dass seine Eltern ihn bei seinen Streifzügen durch die Internetpornowelten ertappen. Und nachdem sie sich vierzig Minuten lang über eine riesige Lebensbaustelle hat führen lassen, sagt Ursula Holzer: "Wenn Sie sagen, ich mache keine Hilferufe mehr, als was würden Sie diesen Anruf einstufen? - Heißt das, Sie haben schon einen Versuch hinter sich?"

Entstanden ist die Idee der Telefonseelsorge 1896. Der Baptistenpfarrer Harry Warren in New York wollte Menschen übers Telefon davon abbringen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Da es kaum Apparate gab, rief niemand an. 1953 nahm der Londoner Pfarrer Chad Varah die Idee wieder auf, nachdem sich eine Frau in seiner anglikanischen Gemeinde umgebracht hatte.

Drei Jahre später gründete der Berliner Arzt und Pfarrer Klaus Thomas den ersten telefonischen Beratungsdienst in Deutschland. Er nannte ihn "ärztliche Lebensmüdenbetreuung". Berlin war damals die Stadt mit der höchsten Selbstmordrate in Deutschland.

Das Thema taucht auch in dieser Nacht mehrfach auf. Da ist die Frau, die sagt, seit Hartz IV gehe sie langsam aber sicher unter. Da ist der Mann, der glaubt, am Tod eines anderen schuld zu sein, weil ihm der vors Fahrzeug gesprungen ist. Seither verkriecht er sich im hintersten Winkel seiner Einsamkeit.

Martin Luther riet allen Selbstmordgefährdeten, diesen "Teufel" beherzt zum Teufel zu schicken: "Wohlan Teufel, leck mich! Ich kann Dir jetzt nicht dienen, ich muss reiten, fahren, trinken, dies oder das tun. Denn ich muss jetzt fröhlich sein. Komm morgen wieder!" Manche müssen nur durch die Nacht getragen werden, dann können sie weiterleben.

Ein Abschiedsanruf

Aber es gab auch den einen Abschiedsanruf, vor zehn Jahren. Ein Mann erzählte Ursula Holzer, dass er Tabletten genommen habe und sterben wolle, sie solle nur da sein und bitte nicht auflegen.

Hätte der Mann Freunde angerufen, hätten diese wohl auch gegen seinen Willen den Notarzt gerufen. "Wir haben keine Fangschaltung, ich kann nichts unternehmen, wenn er das nicht will." Er wollte nicht.

Der Psychotherapeut Sheldon B. Kopp hat mal geschrieben: "Liebe ist mehr, als nur offen zu sein für die Qual der anderen; sie ist die Bereitschaft, mit dem Wissen zu leben, dass wir nichts tun können, um den anderen von seinem Schmerz zu befreien." Holzer sagt ganz ähnlich, das Wesentliche sei nicht der Trost. "Das Wichtigste ist, den Schmerz aushalten zu können."

Kein einziges Mal an diesem Abend sagt sie, es sei doch nicht so schlimm, oder das werde schon wieder, die Surrogatantworten, in denen man in Alltagsgesprächen so gern für sich selbst Erleichterung sucht.

Holzer war mal Schöffin, in einem Prozess gegen einen Heiratsschwindler. "Ein echter Gauner. Vor Gericht dachte ich, ich muss ihn verurteilen - habe ich auch gemacht. Aber im Gespräch am Telefon würde ich mit ihm mitgehen."

Was sie durch die Telefonseelsorge gelernt habe, sei ihr klar geworden, als ihr Sohn auf der Intensivstation lag: "Dass ich es aushalte, neben seinem Bett sitzenzubleiben, habe ich in all den Jahren gelernt."

Der Mann, der am Telefon starb, hat zunächst noch viel erzählt. Sie zögert. "Es klingt merkwürdig, aber irgendwie war es stimmig. Vielleicht weil alles so leise war, so unspektakulär. Der Mann wirkte fast getröstet. Ich hatte währenddessen nie das Gefühl, wie komme ich hier raus." Der Mann dämmerte langsam weg. Irgendwann war dann Stille. "Ich habe noch lange den Hörer in der Hand gehalten und mich nicht getraut aufzulegen. Lebt er noch? War da ein Atem?"

Irgendwo in München lag ein toter Mann in seinem Zimmer, am anderen Ende wartete Ursula Holzer, ob er noch da ist. "In dem Gespräch habe ich zum ersten Mal erlebt, dass der Tod etwas Dazugehörendes, etwas Ruhiges sein kann."

Was für eine seltsame Idee, im Sterben jemanden anzurufen, den man nicht kennt. Andererseits: Die Telefonseelsorge ist in unserer Gesellschaft, die auf Misstrauen aufgebaut ist, ein institutioneller Raum des Vertrauens.

Gerade das Versprechen der Anonymität bei gleichzeitiger extremer Nähe im Gespräch macht sie so reizvoll für viele. Für die Seelsorger hingegen ist es eine Art Sinnquelle ohne Glaubenszwang. Auf jede frei werdende Stelle hat die TS mindestens zwei Bewerber.

Ursula Holzer hält beim Telefonieren den Kopf etwas schief, als lausche sie in einen dunklen Raum hinein. Die feingestrichelten Falten um ihre Augen glätten sich, wenn sie staunt. Ihr ganzes Gesicht wird dann zu einem hellen Kreis. Sie staunt oft bei ihrer Arbeit:

Ein Mann aus der Gothic-Szene ruft an. Holzer lässt sich erst einmal erklären, was das nun wieder Interessantes sei, Gothic. Es folgt eine abenteuerliche Geschichte von Satanisten und Selbstjustiz.

Erst mal Strümpfe waschen

Holzer hat zwei Stimmlagen, einmal hoch, schwebend, tastend. Und dann fast eine Oktave tiefer, zupackend, einen pragmatischen Optimismus ausstrahlend: "Gut! So machen Sie's! Da gehen Sie morgen zum Amt!" Einmal rief eine Frau an, "die hatte ein enormes Chaos in sich.

Am Tag darauf musste sie verreisen und sagte, sie hätte nichts zum Anziehen. Ich habe mit ihr am Telefon Kleider zusammengesucht: Erst mal waschen Sie die Strümpfe. Dann hat sie mit mir ihren Rock gebügelt. Da lag der Rock, da hingen die Strümpfe - wir waren beide sehr zufrieden am Ende."

Befragt nach diesem stillen, inneren Leuchten, das von ihr ausgeht, lacht sie und sagt, das sei ihr ja ganz neu, dass sie leuchte, erzählt dann aber, dass sie gerade wandern war, auf dem Pilgerweg nach Santiago. Wobei sie wie gesagt ausgetreten ist aus der Kirche.

Das schönste an all den Wanderungen sei das Alleinsein. "Was ganz Kostbares." Meditativ? "Ja. Ich hatte ein Gefühl wie beim richtigen Sitzen." "Heißt das, Sie sitzen?" "Ja." Leucht, leucht, leucht.

Es klingelt. Ein Kichern. Aufgelegt. Harmlos. Scheußlich können jene Anrufe sein, bei denen jemand minutenlang schweigt. Man hört den Atem, weiß aber nicht, ob sich da einer einen Spaß macht, oder ob er nicht den Mut zum Sprechen findet, weil ihn etwas erdrückt.

Das Schlimmste aber sind für Ursula Holzer die Anrufe missbrauchter Kinder. "Diese Kinder leben in dem Konflikt, dass sie die Person, die sie missbraucht, gleichzeitig lieben. Wir sind oft die einzigen Mitwisser. Sie vertrauen sich uns an, aber wir sind handlungsunfähig. Nach solchen Gesprächen kann ich oft nur den Stecker rausziehen, das Fenster aufreißen und eine halbe Stunde Pause machen."

Was hat sich geändert seit 1994? Man spürt auch hier, dass es zugiger wird in der Gesellschaft. Armut und Arbeitslosigkeit werden häufiger thematisiert als früher.

Die Einstellung zu Intimität und Öffentlichkeit hat sich verändert; eine Kollegin von Holzer erzählt von einem Mann, der die Nummer von einer voll besetzten Straßenbahn aus wählte, um über seine Eheprobleme zu sprechen. Und seit es Handys gibt, rufen mehr Kinder an. Was auch damit zusammenhängt, dass es kostenfrei ist.

Wenn die Prepaidkarte leer ist, können sie hier immer noch anrufen. Die Telekom zahlt - weltweit einmalig - alle Gespräche, auch die der Handybetreiber. Vor allem aber nimmt die Zahl der Anrufe kontinuierlich zu.

Die Belastungsgrenzen der Telefonseelsorge sind längst erreicht. Eigentlich müsste sie expandieren; allein in diesem Büro in der Landwehrstraße stieg die Zahl der Anrufe in den vergangenen zehn Jahren von 24000 auf 35000 im Jahr an. Sie müssen aber schon froh sein, wenn der momentane Stand gehalten werden kann: Die kirchlichen Zuschüsse gehen kontinuierlich zurück.

Dabei dauert allein die Ausbildung ein Jahr. Dazu kommen die Räume und regelmäßige Supervisionstermine für die Seelsorger.

Den Augenblick heilen

Es ist eine merkwürdige Form der Fürsorge. Früher warb die Telefonseelsorge mit dem Slogan: "Den Augenblick heilen." Heilung bedeutet ja eine langfristige Besserung. Hier aber gibt es nach dem Gespräch keine Fortsetzung, keine Rückmeldung, kein Treffen.

Es gibt nur das eine Gespräch, in dem man dem Seelsorger oft Dinge erzählt, die man den Menschen, mit denen man Tag und Nacht zusammenlebt, jahrelang verschweigt. Und dann legt man auf, und sitzt wieder alleine in einer Küche in Untermenzing oder einem Wohnzimmer in Pasing.

Später, gegen eins, wird Ursula Holzer nach einem Gespräch das Fenster öffnen, in den dunklen Hof runterschauen und sagen: "Den kannte ich, diesen Missbrauchsvorwurf hab ich schon mal gehört."

Es gibt regelmäßige Anrufer. Auch an diesem Abend. Einen Stammgast fragt sie direkt: "Was ist eigentlich aus dem Geld für Ihre Enkel geworden?" Und nach einem von Holzers Seite aus recht einsilbigen Gespräch senkt sie langsam ihren Kopf auf die Tischplatte, als sei er hundert Kilo schwer. "Die Einsamen", sagt sie unter der Tischplatte hervor, "die hören oft nicht auf zu reden. Aber deshalb sind sie ja auch einsam."

Sie muss selbst lachen. Und? Ist das nicht ein Missbrauch der Telefonseelsorge? Solche Leute, die allabendlich anrufen, nur um ihre Monologe zu halten? "Auf einer Tagung mit zwei Psychiatern haben einige Mitarbeiter entnervt von einer Frau erzählt, die jede Nacht mehrmals anruft. Die Psychologen sagten: ,Wenn die Sie nicht hätte, wäre sie schon tot'."

Nach der Nachtschicht steht Ursula Holzer um halb acht auf, holt sich vorne an der Ecke eine Butterbreze, fährt heim, macht sich ein Frühstück und liest die Zeitung.

Am kommenden Tag stehen in der Zeitung erbauliche Dinge über die Telenfonseelsorge, weil sie doch gerade 50 wurde. Politiker, Kirchenleute, Funktionäre, alle sagten sie, wie wichtig die Telefonseelsorge in Zeiten der sozialen Kälte und der Kontaktüberflutung bei gleichzeitiger Sinnleere doch sei.

Bischof Lehmann vergaß nicht zu erwähnen, dass die beiden großen Kirchen rund 25 Millionen Euro im Jahr für die Telefonseelsorge ausgeben. Dass die Zuschüsse seit Jahren weniger werden, dass wohl auch im kommenden Jahr wieder gestrichen wird, hat leider keiner der Festredner erwähnt.

© SZ vom 21.12.2006
Zur SZ-Startseite