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Eine Entdeckung aus dem Amerika der Siebzigerjahre:Mit Samuel Schwartz in der Sauna

Feministisch, jüdisch, schwarz: "Oreo", der umwerfend freche Schelmenroman der früh verstorbenen amerikanischen Autorin Fran Ross aus dem Jahr 1974 spielt lustvoll mit der Vermischung von Identitäten. Jetzt gibt es eine deutsche Übersetzung.

Als Fran Ross 1960 mit einem Universitätsabschluss in der Tasche von Philadelphia nach New York umzog, hatte sie den Plan, sich als Journalistin zu etablieren. Die junge Frau war immer eine Überfliegerin gewesen: Highschool-Abschluss schon mit fünfzehn, Stipendiatin der Temple University, Basketballerin. Doch der Plan gelang nur halb. Sie war zwar schon bald in der Intellektuellen- und Künstlerszene unterwegs, tauchte bei Veranstaltungen mit James Baldwin auf und schrieb Artikel für Magazine wie Essence und das Frauensatireblatt Titters, aber ohne ihren Job als Korrektorin von Druckfahnen für den Verlag Simon and Schuster wäre sie nicht über die Runden gekommen. Das änderte sich auch nicht, als sie 1974 endlich ihren ersten Roman "Oreo" veröffentlichte. Die überdrehte, verbal mit allen Ketten rasselnde Abenteuergeschichte, bei der ein Mädchen nach seinem Erzeuger sucht, ging mehr oder weniger unter. Der Grund? Fran Ross war mit allem viel zu früh dran.

1935 als Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines jüdischen Vaters geboren, saß sie identitär zwischen allen Stühlen. Dass sie diese Existenz auch noch lustvoll auskostete, mit jiddischen Wörtern um sich warf, sich auf griechische Mythen ebenso bezog wie auf den weißen Kanon und aus ihren Vorlieben einen feministischen Schelmenroman zimmerte, war selbst für New Yorker Verhältnisse zu viel. "Oreo" fand einfach keinen Widerhall. Dabei hätte man das Debüt als Antwort auf Baldwin lesen können, der 1967 in seinem Essay "Negroes are anti-semitic because ..." im New York Times Magazine eine offene Auseinandersetzung zwischen Schwarzen und Juden forderte und schrieb: "Die tatsächliche Frage ist aber, ob Amerikaner bereits eine Identität besitzen oder ob sie ausreichend flexibel sind, eine zu schaffen." Allein durch ihre Existenz bewies Fran Ross, was möglich war, aber eine derartig multiple Herkunft besaßen damals nur wenige. Enttäuscht von ihrem Misserfolg ging sie für eine Weile als Gagschreiberin für die Richard-Pryor-Show nach L.A., wo es ihr aber nicht gefiel. Die Show wurde dann ohnehin eingestellt.

Die 15-jährige Protagonistin Christine alias Oreo entpuppt sich als eine Art Superwoman in Sandalen,

Fran Ross kehrte nach New York zurück und starb 1985 mit nur fünfzig Jahren an Krebs. Erst um die Jahrtausendwende wurde ihr Roman von der Dichterin und Literaturwissenschaftlerin Harryette Mullen als eines der wenigen Beispiele für schwarze weibliche Satire wiederentdeckt. Außerdem wuchs jetzt eine Generation heran, die eine ähnliche Haltung vertrat, wie Ross es getan hatte.

Fran Ross, from the frontispiece to her novel <i>Oreo</i>

Mit großem Erzähltalent ausgestattete Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines jüdischen Vaters: Fran Ross.

(Foto: courtesy of the Fran Ross Estate)

Aber auch sonst bietet die Autorin alles auf, was sie an Kenntnissen aus jiddischer und schwarzer Kultur mitbrachte. "Oreo" ist ein köstliches, sprachexplosives Anti-politische-Korrektheitsprogramm, und ein Genuss für alle, die schon immer postmoderne Romane mochten. Denn identifikatorisch ist hier gar nichts, eher wirkt es so, als habe die Autorin Raymond Queneaus "Zazie in der Metro" mit "Alice im Wunderland" verzwirbelt und das Ganze dann durch einen Mythen-Fleischwolf gedreht.

Die 15-jährige Protagonistin Christine alias Oreo entpuppt sich nämlich als eine Art Superwoman in Sandalen, die einen Harlemer Zuhälter im rosa Anzug und Stiefeletten ebenso zur Strecke bringt wie einen grunzenden Satyr, der sie aus Rache bespringen will, was sie aber mit ihren Bärinnenkräften und einer metallenen Schnappvorrichtung an der entscheidenden Stelle verhindern kann.

Noch bevor Fran Ross ihre vorwitzige Hauptfigur als Wiedergängerin des antiken Helden Theseus in Aktion treten lässt, serviert sie uns im ersten Teil die Vorgeschichte ihrer Mischpoke. Der Titel bezieht sich auf den zweifarbigen Keks, der außen schwarz ist und innen weiß. Oreo ist ihrer Erfinderin Ross nicht unähnlich und wächst mit ihrem jüngeren Bruder bei ihrer Großmutter in Philadelphia auf. Der weiße jüdische Vater, der sinnigerweise Schwartz heißt, hatte sich aus dem Staub gemacht und lebt als Synchronsprecher irgendwo in New York, die Mutter tingelt als Alleinverdienerin durch die Lande und schickt ab und zu Briefe.

Fran Ross: Oreo. Roman. Aus dem Englischen und mit Anmerkungen versehen von Pieke Biermann. Mit einem Nachwort von Max Czollek. Dtv, München 2019. 288 Seiten, 22 Euro.

Während der schwarze Großvater in dem Moment, in dem er von der Verbindung seiner Tochter mit einem Schlemihl hörte, in seinem Schaukelstuhl erstarrte und seine Körperhaltung seither einem halben Hakenkreuz entspricht, hält die Großmutter sich und ihre Enkel mit köstlichen Gerichten aus allen Küchen der Welt bei Laune. Die jüdische Oma hatte schon im ersten Satz des Buches unter der Kapitelüberschrift "Die schlechte Nachricht zuerst" per Herzinfarkt einen Abgang gemacht. Nach Diagrammen zur Farbskala von Schwarzen, bizarren Formeln, Aufstellungen von Schokoriegeln, Schilderungen jugendlicher Bewährungsproben und Exzerpten aus der Familienkorrespondenz macht sich Oreo mit dem Segen ihrer Mutter allein nach New York auf.

In der Tasche hat sie nur eine merkwürdige Liste, die sie zu ihrem Vater führen soll. Rotzfrech und superschlau bewältigt das Mädchen sämtliche Widrigkeiten, stellt ihre Qualitäten im Nahkampf unter Beweis und stöbert Samuel Schwartz dann schließlich mit allerlei Tricks und Finten auf, bis die Familienzusammenführung eine unerwartete Wendung nimmt.

Es herrscht eine Art ungestümer Hyperrealismus. Die weibliche Inbesitznahme des mythologischen Stoffes, bei der New York zum Labyrinth des Minotaurus wird, ist ein eigener Spaß - wer will, kann das letzte Kapitel "Schlüssel für Schnellleser, Antikenferne etc." zuerst lesen.

Die jargongestählte Übersetzerin Pieke Biermann hat rausgeholt, was rauszuholen war

Fran Ross stößt sowohl schwarze als auch jüdische Leser absichtlich vor den Kopf, missachtet strategisch religiöse und ethnische Empfindlichkeiten, zerfleddert Klischees, unterläuft Gewissheiten. Sie vermischt zwei Milieus, die - wie man in Baldwins Essay nachlesen kann - durch Abneigung miteinander verbunden waren. Alles an diesem Roman ist ambigue, und gerade darin liegt sein Charme. Dass sich diese Lust am Hybriden auch auf die Sprache niederschlägt, versteht sich von selbst. Die jargongestählte Übersetzerin Pieke Biermann hat sich ins Zeug gelegt und herrausgeholt, was herauszuholen war - das Ergebnis ist ein durchgejazztes semiotisches Gebilde, das sich vom Jiddischen über die Gossensprache bis in die High-brow-Theorie und die Klassiker und wieder zurück kalauert. Vor der Begegnung mit ihrem Vater geht Oreo in die Sauna "Deep Rivers": "She breathed in flues of fire without flame, exhaled dragon blasts, stirring up sultry harmattans in her private sudatorium. The wax in her ears was turning to honey."

Pieke Biermann balanciert übersetzerische Treue und Eigenerfindungen geschickt aus und macht daraus: "Flammenlose Feuerschweife beim Ein-, Drachenböen beim Ausatmen, schwüle Harmattanwinde in ihrem körpereigenen Sudatorium. Das Ohrenschmalz kurz vor Bratfettqualität." Bei aller Bildung beherrscht Oreo mit ihrem "Cremekekslächeln" zum Glück jede Menge "Hammer-Moves", die sie selbst "Bumse" nennt: "Kop-Zang, Schu-Kik, Aug-Pihk, Kop-Krach", nicht zu vergessen, "Ei-Bruch" und "Arm-Zang". So etwas kann immer nützen.

© SZ vom 09.01.2020
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