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Ein Outlaw in Sizilien:Blüten für die Armen

Maria Attanasio: Der kunstfertige Fälscher. Edition Converso, Bad Herrenalb 2020. 220 Seiten, 18 Euro.

In "Der kunstfertige Fälscher" erzählt Maria Attanasio die wahre Geschichte des sizilianischen Rebellen Paolo Ciulla, der mit seiner Kopierwerkstatt ein heimliches Sozialprogramm betrieb und zum Volkshelden wurde.

Von Maike Albath

Mamma mia, was für ein Untertitel: "Ausführliche Notizen über den kuriosen Fall des Paolo Ciulla aus Caltagirone". Biegt da ein Bänkelsänger um die Ecke, die Mandoline schon im Anschlag? Ein Cantastorie, wie sie noch bis in die Sechzigerjahre in den Dörfern Siziliens auf der Piazza anzutreffen waren? Es klingt nach einer merkwürdigen Mischung aus zerstreutem Reporter und Mittelalter. Man muss der Gerechtigkeit halber sagen, dass die Autorin Maria Attanasio hier so etwas wie eine Genrebestimmung formuliert und im Original die Begriffe "notizie e ragguagli" verwendet, also von "Nachrichten und ausführlichen Auskünften" spricht, was auf Deutsch noch sperriger geklungen hätte. Eines stellt die sizilianische Schriftstellerin jedenfalls klar: Ihr ungewöhnlicher Essay "Der kunstfertige Fälscher" ist weder eine packende Räuberpistole, noch eine in sich geschlossenen Geschichte, sondern ein hybrides Gebilde.

Zu Beginn scheint sich ihr Held Paolo Ciulla nicht sonderlich von anderen Sizilianern mittleren Alters zu unterscheiden. Er geht Tag für Tag ins Café, sitzt dort einige Stunden herum und kehrt anschließend in sein Haus an den Lavafeldern von Catania zurück. Trotzdem gilt er unter den Nachbarn als Hexenmeister, vielleicht deshalb, weil seinem Schornstein stinkende Rauchschwaden entweichen. Das jedenfalls bringt einen übereifrigen Beamten der Königlichen Garde im Oktober 1922 auf seine Spur. Was mischt "das rätselhafte Subjekt", wie es später in den Gerichtsakten heißt, in seiner Küche zusammen?

Der Gardist tratscht seine Beobachtungen dem Polizeichef weiter, und schon geht der augenscheinlich so unauffällige Mann den Ordnungskräften ins Netz. In seinem Haus stoßen die Polizisten auf Vergrößerungsgläser, eine Druckerpresse, spezielle Farben, dünnes Papier und ordentlich gestapelte 500-Lire-Scheine. Eine Geldfälscherwerkstatt. Als der zuständige Staatsanwalt eintrifft, sieht er sich aber einem Künstler gegenüber, der mit großer Verve zu einer Generalbeichte ansetzt.

Wer Sizilien aus einer neuen Perspektive kennenlernen will, kommt hier auf seine Kosten

Es ist diese Lebensgeschichte, um die Maria Attanasio ihr Buch herum strickt. Paolo Ciulla gab es wirklich. Er wurde 1867 geboren, begann gegen den Widerstand seines Vaters eine turbulente Laufbahn als Maler und Kopist, landete in Paris, drohte später in Lateinamerika unter die Räder zu kommen und brachte es durch seine Geldfälscherwerkstatt, die er einzig und allein zur Unterstützung der Armen betrieb, zu lokaler Berühmtheit. Die Autorin, Jahrgang 1943, ebenfalls aus Caltagirone gebürtig, ehemalige Gymnasiallehrerin, aktives Mitglied der KPI, Lyrikerin und Verfasserin einer Reihe erzählerischer Werke, war durch Redensarten seit ihrer Kindheit mit dem Namen des Wohltäters vertraut - man beschwor ihn, wenn es um wirtschaftliche Nöte ging. Was es mit Paolo Ciulla tatsächlich auf sich hatte, wusste sie nicht.

In ihrer eigenwilligen Fallgeschichte greift sie nun einige gesicherte Eckdaten auf, nutzt Prozessakten und Zeitungsartikel als Quellen, erfindet Dialoge und Nebenhandlungen, schlägt Querverbindungen zur Zeitgeschichte und lässt immer wieder die Gegenwart aufblitzen. Wer Sizilien aus einer überraschenden Perspektive kennenlernen will, kommt in "Der kunstfertige Fälscher" auf seine Kosten.

Denn die Insel, erklärt Attanasio einleuchtend, habe über Jahrhunderte eine "politische Vertikalität" gepflegt: Die Städte des Königreichs rivalisierten miteinander, richteten sich direkt an die jeweilige Zentralregierung in Madrid oder Neapel, statt sich zu verbünden und gemeinsam für die Interessen Siziliens zu kämpfen. Die Folge war eine politische, wirtschaftliche und soziale Erstarrung.

Erneuerungsschübe kamen erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem damals fortschrittlichen Catania, wo ein sozialistischer Bürgermeister die kommunalen Einrichtungen stärkte, und auch aus Caltagirone. Dort war vor allem der Priester Don Luigi Sturzo aktiv, später ein verdienter Antifaschist, begabter Pragmatiker, der im Einklang mit den ortsansässigen Honoratioren die feudalen Verhältnisse zumindest teilweise überwand und die Macht der Wucherer brach.

Paolo Ciulla aber war ein echter Rebell, kompromisslos und viel radikaler als Don Sturzo. Als Sohn eines gut situierten Sattlers und Schuhmachers gehörte er eigentlich zum Kleinbürgertum. Mit seinem adligen Jugendfreund Turi gründete er einen Arbeiterzirkel und engagierte sich in den fasci siciliani, den sozialistisch orientierten Bewegungen der Mittellosen. Wann immer sich Ciulla in eine Gruppe einfügte, erfuhr er grausame Ausgrenzung: Er verstieß gegen zu viele implizite Regeln der traditionalistischen sizilianischen Gesellschaft. Nicht nur seine Malerei und sein politisches Engagement erregten Anstoß, sondern auch seine Homosexualität.

Maria Attanasio gleitet von Station zu Station: Caltagirone, Catania, Rom, Neapel, Paris, São Paulo, Buenos Aires und wieder Catania. Manche Brückenschläge der Autorin sind verwirrend, aber dann gibt es wieder sehr eindrückliche Kapitel wie das über die Zeit in Lateinamerika, wo Ciulla mehrfach in der Psychiatrie landete, aber durch fortschrittliche Ärzte sein Talent als Maler entfalten konnte. Mit ihrer erzählerischen Form knüpft Attanasio an die Chroniken ihres berühmten Kollegen Leonardo Sciascia an, der in verstaubten Folianten vergessene Episoden der sizilianischen Geschichte aufspürte.

Diese Art von Chronik mit aufklärerischem Gestus ist ein Genre, das in Italien spätestens seit Alessandro Manzonis "Geschichte der Schandsäule" von 1843 über einen Justizirrtum während der Pestzeit eine große Tradition hat. Häufig richtet sich der Blick auf diejenigen, die sonst im Schatten stehen, deren Schicksale aber eine bestimmte historische Periode in ein anderes Licht setzen. Etwas Ähnliches gelingt Maria Attanasio, denn sie vermittelt, wie aus dem verkannten Maler Paolo Ciulla ausgerechnet dann ein Volksheld wurde, als er sich über alle Gesetze hinwegsetzte, mit künstlerischem Anspruch Geld fälschte und an Bedürftige verteilte. Ciullas sexuelle Vorlieben spielten auf einmal keine Rolle mehr, er war ein Fälscher, der im Namen der Wahrheit agierte.

© SZ vom 12.10.2020

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