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Ein Leben mit Literatur:Dichtung, aber nicht als Heilung

Albert von Schirnding.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Von intimen Momenten des Lesens erzählt Albert von Schirnding in seiner "Galerie der guten Geister". Angesichts der Fülle der Namen, die er nennt, fragt man sich doch: Wer fehlt da?

Von Hanns Zischler

Ein Lesebuch ist es nur im übertragenen Sinn, das der Schriftsteller, Altphilologe und Kritiker Albert von Schirnding vor uns aufschlägt, vielmehr sind es Bekenntnisse eines ergriffenen, leidenschaftlichen Liebhabers von Dichtung. Mit seinen fünfundachtzig jugendlichen Jahren lädt er uns ein, mit ihm durch diese Galerie zu wandern. In funkelnden Miniaturen erzählt er, wie und bei welchen Gelegenheiten er auf seine Geister gestoßen ist. Diese Lektüren sind Geisterbeschwörungen von genau erinnerten, quicklebendigen Begegnungen und Anregungen, die ihm einmal widerfahren sind und sich dann verstetigt haben.

Ganz am Ende dieses Vademecums spricht er in dem Epitaph auf seinen Lehrerkollegen, den Altphilologen Manfred Bissinger aus, was schon angedeutet war: "Es wiederholte sich, was zu meiner Ich-Ausstattung gehörte: Erst dem Einfluss von Freunden verdankte ich, was dann - meist für immer - zentraler Gegenstand meiner Neigung, Hingabe, Vermittlungslust wurde."

Neben der Antike sind es bestimmte Gestalten der deutschen Literatur und Dichtung, die ihn "umtreiben". Und wie er fast immer den langen Augenblick der ersten Entdeckung - in einem Café, einem Seminar, einer verlassenen Bibliothek, einer ganz bestimmten Edition - sich wieder ins Gedächtnis ruft, weiß er auch das punctum seiner Lektüre zu benennen, "Blitzschlag des Glücks" oder auch "Kein Entkommen" nennt er es. Diese Epiphanie des Lesens strahlt auf den Leser zurück, wenn wir erfahren, wie für ihn in Celans Gedicht "Tübingen, Jänner" Hölderlin und Büchner, "die einander nichts und mir fast alles zu sagen hatten...zum Paar wurden."

Neben den bekannten Namen tauchen lang vergessene auf, denen er ein zartes Andenken bewahrt, so erinnert er sich an A. Th. Sonnleitners Trilogie "Die Höhlenkinder im heimlichen Grund" und ihre pädagogische Wirkung auf das Kind: "die Flamme der Ehrfurcht vor der Natur erstickte nicht unter dem Zwang ihrer Beherrschung."

Was wäre das für ein allesverzehrender Leser, der seine Neugier nicht zu zügeln wüsste

Diskret eingewebt sind biografische Momente, seien es jene, die das Lesen selbst in einen intimen Zusammenhang rücken, insbesondere die liebevolle Schirmherrschaft der Mutter, seien es die Begegnungen mit den Dichtern selbst, korrespondierend oder leibhaftig, mit Ernst Jünger, dessen "Adlatus" er für einige Jahre war, und dessen Bruder Friedrich-Georg, mit Heidegger (als Hörer), Nicolas Bouvier, Bergengruen, Reinhold Schneider, Wolfgang Koeppen. Bei Thomas Mann, den zu lesen er nicht müde wird, kenne er sich aus "wie in einem zur zweiten Heimat gewordenen Rom". So sehr ist er mit ihm vertraut und an ihn gebunden, dass er sich vom souveränen Autor zum "Mitspieler, zum Eingeweihten gewählt" sieht. Und er verschweigt die Trauer nicht, die er für den früh aus dem Leben geschiedenen, verzweifelten Klaus Mann empfindet.

Ein ergreifendes, melancholisches Blatt ist Marianne (von Willemer) gewidmet, von Schirnding nennt sie nur bei ihrem Vornamen, welcher aus dem Glück des gemeinsamen Dichtens mit Goethe keine "Heilung" erwuchs: "um keinen Preis wollte Marianne jemals geheilt sein, wusste sie doch, wie "öde, wie tot die Welt" dem "halbgetrockneten Auge" erscheint."

Unten den vielen bekannten Namen - es sind über siebzig - finden etliche einige heute nur noch wenig gelesene wie Archilochos, Menander, Boethius und Pestalozzi, vermutlich muss man auch Ranke dazu zählen und den Philosophen Max Scheler. Von ihm zitiert er das große Wort der Mensch sei ein "Neinsagenkönner". Im Fall von Sappho zeichnet er ein kampfbetontes Blason, das zu Homer hinüberspielt.

Angesichts der Fülle der Namen fragt man sich neugierig, wer von den (überwiegend deutschen) Schriftstellern und Denkern nicht erwähnt wird, doch ist diese Erwartung eine Selbsttäuschung des Lesers, der, angesteckt von der schier unversiegbaren Leidenschaft Schirndings für seine Gestalten, seine eigenen Wünsche auf den Autor überträgt.

Die Galerie dieses emphatischen Lesers steht in einer augustinischen Tradition: so wie dieser Denker als Brückenbauer der Antike mit dem Christentum fungiert, folgt er den antiken Spuren und Überlieferungen, die er bei bestimmten Autoren der späten Neuzeit neu belebt sieht. Kein Heine, Borchardt, Karl Kraus und Kafka, keine Joseph Roth, kein Brecht und Benn, ebenso wenig Karl Marx und Walter Benjamin sind in dieser Galerie zu sehen. Aber was wäre das für ein allesverzehrender Leser, der seine schier unstillbare Neugier nicht mit einer Ästhetik der Enthaltsamkeit zu zügeln wüsste. Zu wünschen wäre aber, dass dieser Bewunderer Morgensterns uns eine, im Zusammenhang mit Rilke erwähnte, "Anthologie unfreiwilliger Komik" doch noch schenken wird.

Das schmale Buch ist reich an überraschenden Betrachtungen über scheinbar vertraute Autoren. Der geistige und geistliche, aber auch der familiäre Hintergrund seiner bayrischen Heimat schimmert in zarten Tönen durch die Lektüren. Wie ein Blasebalg vermag Schirndings Sprache im Leser das glosende Feuer der Neu- und Wiederentdeckung zu entfachen, wenn er sich nur die unverkürzbare Zeit dafür nimmt.

Albert von Schirnding: Galerie der guten Geister. Von Sappho bis Beckett. C.H. Beck, München 2020. 136 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 08.07.2020

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