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Ein Idol feiert Geburtstag:Wipfel der Kunst

Anna Halprin

In den 1960ern organisierte Anna Halprin Friedenstänze. Sie prägte einen Gemeinschaftsgeist, der jede narzisstische Neigung exorzierte.

(Foto: wikimedia commons/ CC BY-SA 3.0)

Vordenkerin des postmodernen Tanzes, Vorbild im friedlichen Kampf für Bürgerrechte: Die Choreografin Anna Halprin wird hundert Jahre alt.

Von Dorion Weickmann

Eine wie sie bräuchte es jetzt. Eine, die friedfertig protestiert und trotzdem jede Menge Aufsehen erregt. Eine, die Wildfremde vergemeinschaftet und jedermanns Eigenheiten respektiert. Eine, die Menschen zum zärtlichen Umgang mit Hinfälligkeit ermutigt, zu Berührung und Umarmung. Die Tänzerin Anna Halprin, Vordenkerin der postmodernen Choreografie, ist schon Community Coach gewesen, ehe es das Wort überhaupt gab. An diesem Montag wird sie hundert Jahre alt. Noch auf den Fotos der letzten Jahre wirkt sie um Vieles jünger. Dabei hatte sie schon vor vielen Jahren dem Tod ins Auge geschaut, als sie an Krebs erkrankt war.

Anna Halprin, 1920 im US-Bundesstaat Illinois mit dem Mädchennamen Schuman geboren, wusste früh um ihre tänzerische Bestimmung. Statt Spitzenschuh wählte sie das Barfußfach, erwarb einen Studienabschluss, gab ein New-York-Intermezzo und ließ sich 1945 in Kalifornien nieder, wo sie bis heute zu Hause ist. 1955 rief sie den legendären San Francisco Dancer's Workshop ins Leben, Keimzelle der postmodernen Tanzerneuerung. Eine Bühne zwischen Baumwipfeln wurde zur Heimat ihrer Kunst und zum Experimentierfeld für zahlreiche Kooperationen mit Gleichgesinnten wie Merce Cunningham.

Im Protestklima der Sechzigerjahre entwickelte sich Halprin zur Bürgerrechts- und Anti-Vietnamkriegs-Aktivistin, sie trommelte Menschen zu Friedenstänzen zusammen. Wer zu ihr pilgerte, ließ sich auf Körpererfahrungen aller Art und einen Gemeinschaftsgeist ein, der jede narzisstische Neigung exorzierte. Einer Krebserkrankung trotzte die Künstlerin nicht nur ihre Heilung ab, sondern eine therapeutische Mission: Fortan leistete sie Hilfe zur Selbsthilfe, ob die Probanden unter Aids-Symptomen oder Depressionen litten. 1978 gründete Halprin mit einer ihrer beiden Töchter das bis heute aktive Tamalpa Institute: Bildungsstätte für "expressive arts training" und "social transformation". Anna Halprin dachte und brachte persönlichen und kollektiven Wandel zusammen. Der Tanz verdankt ihr viel, die Gesellschaft noch mehr.

© SZ vom 13.07.2020

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