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Ein Aufsatz:Mord vor Publikum

Chris Schattka zeigt in einem minutiösen Protokoll "Halle (Saale), 9. Oktober 2019", warum der Einzeltäter nicht allein war. In einem Aufsatz der Zeitschrift "Mittelweg 36" analysiert er den Anschlag von Halle als kommunikatives Handeln.

Von Lothar Müller

Nach den Anschlägen von Halle im Oktober 2019 und Hanau im Februar 2020 war rasch von "Einzeltätern" die Rede, und ebenso rasch regte sich das Unbehagen an diesem Begriff. Befördert er nicht die Neigung, von den sozialen Kontexten abzusehen, in denen ein Täter auch dann handelt, wenn er allein handelt? Das Strafrecht blickt allein auf die Planung und Ausführung der Tat: "Der Einzeltäter verwirklicht eigenhändig alle objektiven Tatbestandsmerkmale eines Straftatbestandes in seiner Person." Für die Beurteilung, ob dies zutrifft, ist unerheblich, in welchen sozialen Zusammenhängen der Täter steht, aus welchen Quellen sich sein Weltbild speist. Außerhalb des Gerichtssaals unterliegt der Begriff Einzeltäter den Gesetzen des allgemeinen Sprachgebrauchs, er bündelt und perspektiviert die Wahrnehmung zumal dann, wenn er sich mit starken Bildern verbindet. Das "Zeitalter des Terrorismus der einsamen Wölfe" riefen 2017 in den USA die Autoren Mark Hamm und Ramón Spaaij aus.

Die vom Hamburger Institut für Sozialforschung herausgegebenen Zeitschrift Mittelweg 36 hat ihr aktuelles Heft der Figur des Einzeltäters gewidmet (Von einsamen Wölfen und ihren Rudeln. Zum sozialen Phänomen des Einzeltäters. Mittelweg 36. 29. Jg., Heft 4-5, Oktober 2020. 170 S., 22 Euro). Die Aufsätze verschränken soziologische Theoriebildung und historische Fallstudien, von den Anarchisten des 19. Jahrhunderts bis zu den "Amokläufen" an Schulen und den allein handelnden Akteuren des islamistischen Terrors.

Die Generalthese, dass Einzeltäter allein handeln, sich aber als Teil eines sozialen Zusammenhangs begreifen, entfaltet der Soziologe Chris Schattka in seinem Protokoll "Halle (Saale), 9. Oktober 2019". Die Umrisse der Biografie des Täters Stephan B. setzt er voraus: das Profil eines Erwerbslosen, der bei der Mutter lebt, kaum das Zimmer verlässt, sich in seine Computerwelt zurückzieht. Die Gewalttat, so stellen wir uns gern vor, beginnt dort, wo die Kommunikation abbricht. Schattka aber analysiert den Anschlag von Halle als kommunikatives Handeln.

Die Tat wird durch Signale der Zugehörigkeit angekündigt

Stephan B. handelt und tötet allein, aber nicht unbegleitet. Schattka fasst das Publikum ins Auge, an das Stephan B. über sein Smartphone seine Tat adressiert, die "Imageboards", in denen die User in vollkommener Anonymität mit kurzen Bemerkungen unterlegte Bilder austauschen. Zu den "Genres der Provokation" in diesem Umfeld gehört das Zitieren von nationalsozialistischem Gedankengut, das Absetzen antisemitischer oder rassistischer Memes, die Leugnung oder Befürwortung des Holocausts. Die Hohlform, innerhalb derer Stephan B. agiert, erweist sich als vorgeprägt: die Ankündigung des Anschlags vor der Ausführung und seine Dokumentierung während der Tat. Eine Schlüsselfigur ist Brenton T., der Attentäter von Christchurch, der zwei Moscheen angriff und in den von Stephan B. besuchten Foren als "Heiliger" verehrt wird.

Am 9. Oktober um 11:57:46 Uhr veröffentlicht Stephan B. auf dem Imageboard "Meguca" seine mit Dateienpaketen verlinkte Tatankündigung. Über sein Weltbild erfährt man kaum etwas, im Zentrum steht die Beschreibung seiner selbstgebauten Waffen. Knapp ist am Ende davon die Rede, dass alle Regierungen der Welt von "den Juden" kontrolliert werden. Stephan B. ist nicht eloquent, anders als Brenton T. oder gar Anders Breivik in ihren Manifesten. Eine seiner Dateien trägt den Titel "Techno-Barbarism". Das bezieht sich auf das Brettspiel "Warhammer 40.000", in dem Kriegerfiguren mit selbstgebauten Waffen agieren. Stephan B. verknüpft seine Tatankündigung mit einem Porträtfoto von sich selbst, unter dem Dateinamen "The face of a neet". Der Begriff entstammt der britischen Bildungsbürokratie ("not in employment, education or training"), in der Sprachkultur der Imageboards wurde er umgewertet und zur trotzigen Selbstbeschreibung von Nutzern mit gescheiterten Bildungskarrieren. Auf der Feldmütze, die Stephan B. auf dem Porträt trägt, steht "Moon Man". Der geht auf eine McDonalds-Werbefigur zurück und wird in den Imageboards mit rassistischen Phrasen oder Bildern kombiniert.

Schattka zeigt, dass Stephan B. seine Tat nicht durch die Explikation seines Weltbildes ankündigt, sondern durch Signale der Zugehörigkeit, Erkennungszeichen, die ausweisen, dass er den Code seines Publikums beherrscht. Während der Tat ist er auf dieses anonyme Publikum fixiert, spricht auf Englisch mit ihm, kommentiert nach dem vergeblichen Versuch, die Tür der Synagoge aufzuschießen, sein "Versagen" und das seiner Waffen ("Sorry, guys"). Längst hat er sich durch eine Kaskade des Ungeschicks vor seiner peer group desavouiert. Warum bricht er seine Aktion nicht ab, sondern setzt sie mit hektischen Bewegungen im Stadtraum und der Ermordung zweier Menschen fort? Das Tatprotokoll mündet in die These, dass das Nicht-Abbrechen-Können und die Neuzündung der Gewaltdynamik, der zwei Menschen zum Opfer fielen, vom Publikumsbezug befördert wurde. Wäre es so, dann wäre Stephan B. in der Tat ein zutiefst in seinen sozialen Kontext eingebetteter Einzeltäter, auch wenn dieser Kontext lediglich virtuell vorhanden war.

© SZ vom 14.10.2020
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