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Ein Aufsatz:Abendland im Taschenbuch

Die Philosophin Sonja Asal nimmt "rowohlts deutsche enzyklopädie" unter die Lupe.

Von Lothar Müller

Es gab nach 1945 in Deutschland zur Mythologie der "Stunde Null" eine räumliche Entsprechung, die "geistige Leere". Neu oder wiedergegründete Buchverlage und Zeitungen machten sich daran, sie zu füllen. Das Zeitungspapier fand Eingang in die Buchproduktion. Die "Rotationsromane", die Heinrich Maria Ledig-Rowohlt auf den Markt brachte, kamen zunächst sehr großformatig daher. Dann schrumpften sie und wurden Taschenbücher. Die hießen in den USA "Pocket-Books", als amerikanischer Import wurden sie in Deutschland wahrgenommen. Ihre Formel war: hohe Auflage, niedriger Preis. Um 1950 waren sie voll da, und auf den ersten, besorgten Blick schien die Sache klar. Massenware statt Abendland, schnell verderbliches Lesefutter statt Ewigkeitswerte.

Die Reihe sollte "jedem geistig Interessierten alle Gebiete der Wissenschaft" erschließen

Aber der erste Blick täuschte. Ihm lag eine falsche Vorstellung zu Grunde, die noch im Zeitalter der Digitalisierung viele Anhänger hat. Sie besagt, dass mediale Kanäle, die in der Lage sind, ein großes Publikum zu erreichen, zur Anpassung an den "Massengeschmack" gezwungen sind und nichts mehr fürchten müssen, als ihre Adressaten zu überfordern. Wäre diese Theorie zutreffend, hätte es die Taschenbuchreihe "rowohlts deutsche enzyklopädie", die ab 1955 erschien, unter dem Kürzel "rde" zum Markenzeichen und erst 1986 endgültig eingestellt wurde, nicht geben können. Jeder Einzelband, der in den frühen Jahren 1,90 Mark kostete, trug das Konzept der Reihe auf dem Rücken: sie wollte "jedem geistig Interessierten alle Gebiete der Wissenschaft durch ihre angesehensten Vertreter erschließen". Herausgeber war Ernesto Grassi (1902-1991), der aus Italien stammende Inhaber einer Professur für die "Philosophie des Humanismus" an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

In einem gehaltreichen Sammelband über Grassi hat Sonja Asal kürzlich dargelegt, auf welchen Wegen er zu seiner Herausgeberschaft und zur Zusammenarbeit mit dem Rowohlt Verlag fand (Zwischen Humanismus und zweiter Aufklärung. Ernesto Grassis publizistisches Unternehmertum, in: Sonja Asal, Annette Meyer (Hrsg.): Ernesto Grassi in München. Wilhelm Fink Verlag, München 2020. 228 S., 59 Euro. ) In den vergangenen Jahren ist "rowohlts deutsche enzyklopädie" mehrfach als Pionierprojekt innerhalb der "Taschenbuchrevolution" der Nachkriegszeit dargestellt worden, und als Vorläufer der "edition suhrkamp", die 1963 mit Brechts "Leben des Galilei" gestartet wurde und als Forum der "kritischen Theorie" Einfluss auf die Studentenbewegung gewann. Sonja Asal hebt die Wurzeln der "rde" in den Jahren vor 1945 hervor, statt sie als Vorläuferin der "edition suhrkamp" zu betrachten. Seit 1940 gab Grassi gemeinsam mit Karl Reinhardt und Walter F. Otto das Jahrbuch "Geistige Überlieferung" im Berliner Verlag Helmut Küpper heraus, der zuvor als Verlag Georg Biondi eng dem Werk Stefan Georges verbunden war. Schon damals ging es Grassi um die Erneuerung der "Grundlagen des abendländischen Denkens", und er stand dabei manchmal in geringerer Distanz zur offiziellen Kulturpolitik sowohl im faschistischen Italien wie im nationalsozialistischen Deutschland, als er im Rückblick zugeben mochte.

Das Abendland hatte in Grassi einen umtriebigen, unermüdlichen und nicht selten, was die Autorenrechte betraf, unbedenklichen Impresario, wie Asal im Blick auf seine nach 1945 in der Schweiz ins Leben gerufene Buchreihe "Sammlung Überlieferung und Auftrag" zeigt. "Am Ende eines entsetzlichen Krieges entsinnen wir uns gemeinsam der abendländischen Überlieferung und ihres Auftrages", schrieb er zu ihrer Begründung. Nachdem er in Kontakt mit dem Rowohlt Verlag, dem Spezialisten für die Taschenbuchvermarktung gekommen war, wollte Grassis wollte das neue Massenmedium in den Dienst seiner Verjüngung und Verlebendigung des "Abendlandes" stellen. Erfolgreich aber wurde "rowohlts deutsche Enzyklopädie", die Longseller wie Helmut Schelskys "Soziologie der Sexualität", David Riesmans "Die einsame Masse" oder Hugo Friedrichs "Die Struktur der modernen Lyrik" hervorbrachte, indem sie diesem Ursprungsimpuls gerade nicht konsequent folgte. Die fortlaufende Erschließung aller Wissensgebiete, mit prominenten Autoren aktueller Disziplinen wie Soziologie und Atomphysik, brachte ein heterogenes, oft als "eklektisch" geschmähtes Gemisch hervor. Grassi mahnte bei den Autoren exemplarische Darstellung und Lesbarkeit an, wies aber das Konzept der "Popularisierung" der Wissenschaften ab, mit dem der Rowohlt-Lektor Kurt W. Marek unter dem Pseudonym C.W. Ceram den Sachbuch-Bestseller "Götter, Gräber und Gelehrte" gelandet hatte.

Der Auftaktband in rowohlts deutscher enzyklopädie, "Die Revolution der modernen Kunst" des Münchner Kunsthistorikers Hans Sedlmayr, war eine antimoderne Polemik. Daran nahm nicht nur Karl Korn in der FAZ Anstoß, sondern auch der junge Hans Magnus Enzensberger in seinem 1959 ausgestrahlten Radio-Essay "Bildung als Konsumgut", der einen Totalverriss der rde enthielt und später in der "edition suhrkamp" gedruckt wurde. Zu den Quellen, die Sonja Asal im Deutschen Literaturarchiv in Marbach gesichtet hat, gehört der kühle verlagsinterne Vermerk, mit dem 1970, in den Erfolgsjahren der "edition", der Suhrkamp-Lektor Karl Markus Michel Grassis Manuskript "Der Tod Gottes. Kunst als Antikunst" ablehnte. Hier werde "wieder einmal das Abendland gerettet".

© SZ vom 20.07.2020
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