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Dystopischer Roman:Der Randstrich der Seele

"Solariana" heißt die Anlage zur Stromerzeugung, die im Roman dazu dient, die menschliche Schuld gegenüber der Sonne abzutragen.

(Foto: Brightsourceenergy)

Angelika Meier verbannt in ihrem neue Buch "Osmo" die Heldin auf eine Solaranlage in der Wüste Kaliforniens und lässt dabei die Literatur in blendender Ungewissheit erstrahlen.

Von Tobias Lehmkuhl

Am Anfang steht ein Urteil: Nicht Gefängnis, nicht Freiheit lautet es, sondern Verbannung. Nicht Hölle also und auch nicht Himmel. Die Angeklagte wird vielmehr ins Fegefeuer geschickt, in die Hitze der Wüste. Hier, auf einer Solaranlage in der Nähe der kalifornischen Kleinstadt Blythe, soll Mary Lynn Osmo dafür büßen, dass sie behauptet hat, ein Verbrechen begangen zu haben, das gar nicht stattgefunden hat.

"Solariana" heißt diese Anlage, deren Aufbau einen an Science-Fiction denken lässt: Zahllose riesige Spiegel, die auf einen hundertfünfzig Meter hohen tiefschwarzen Turm gerichtet sind, um ihn mit Sonnenenergie zu speisen. Doch ein solches sogenanntes Sonnenwärmekraftwerk sollte tatsächlich einmal in der Nähe des wirklich existierenden Blythe errichtet werden. Das Projekt scheiterte allerdings, so wie auch das Kraftwerk in Anngelika Meiers Roman "Osmo" nicht ganz seinen Zweck erfüllt. Es sendet nämlich das im Turm gebündelte Licht, statt es in Strom zu verwandeln, zurück zur Sonne - um die Schuld abzutragen, die wir unserem Stern gegenüber angehäuft haben, wie der Leiter der Anlage, ein gewisser Doktor Schreber, einmal sagt.

Dieser Doktor Schreber hat manche Ähnlichkeit mit Daniel Paul Schreber, dem Namensgeber nicht von Solar-, sondern von Kleingartenanlagen. Nicht zuletzt war der historische Schreber als psychiatrischer Patient lange Zeit Insasse der Heilanstalt Schloss Sonnenstein. Die Sonne ist denn auch die eigentliche Hauptfigur in diesem schlau-verdrehten, superrasanten Roman, Angelika Meiers drittem. So wie in Herman Melvilles "Moby Dick" das Weiß des Wals als die eigentlich unheimliche Farbe inszeniert wird, als Farbe der Trauer und des Todes, so haben auch in "Osmo" Schwärze und Dunkelheit einen schlechten Stand. Ja, sie spielen gar keine Rolle, denn alles in diesem Roman ist von gleißender Helligkeit durchzogen.

Die Sonne ist die Hauptfigur in diesem schlau-verdrehten und schreiend komischen Buch

"Am Anfang steht die Blendung", erklärt einer der Solarfarm-Arbeiter Mary Lynn, als sie zum ersten Mal die Anlage betritt, "aber die Augen stellen sich schnell darauf ein, und dann ist es wie an jedem anderen Ort in Kalifornien - sonnig. Nur noch ein bisschen sonniger, weil wir die ganze Kraft der Sonne ausschöpfen, und ... die Sonne unsere Kraft ausschöpft."

Morty Mouse heißt dieser Arbeiter, eine ebenso skurrile Gestalt wie seine Kollegen Bobby Fortune oder Doc Ibold, allesamt Veteranen, die auf der offensichtlich nutzlosen Anlage ihren letzten Dienst tun. Veteranen welchen Krieges wissen wir allerdings nicht, wie überhaupt dieses Kalifornien ein Kalifornien der Zukunft oder eher noch das einer anderen Welt zu sein scheint. Womöglich hat es eine große Katastrophe gegeben, womöglich liegt der Rest des Staates wüst und leer, wenigstens deuten die Fernsehbilder in der Kantine von Solariana darauf hin. Blythe, wird einmal behauptet, sei der einzige Ort an dem noch alles in Ordnung sei. Von dort, aus der Gerichtskantine, wird auch das Essen für Mary Lynn und ihre Kollegen geliefert. Zubereitet wird es von Paul, der sich, von seiner letzten Frau verprügelt und verlassen, bald in Mary Lynn verliebt - was zu Problemen mit ihrem Status als Verbannte führt, ja was seltsamerweise die ganze Solaranlage in Gefahr bringt.

Zwischen Solariana und Blythe lebt einzig Jimmy Two Crow, "oberster Konsulent der indigenen Bevölkerungsgruppen Kaliforniens", und über sein Grundstück verläuft, wie er Mary Lynn einmal stolz zeigt, der "Randstrich der Seele". Diesen Randstrich nun kann man - wie die Figur des Urteils ohne Verbrechen, wie die Überblendung von weltlichem und jenseitigem Gericht - bei Franz Kafka finden: "Der Beobachter der Seele kann in die Seele nicht eindringen, wohl aber gibt es einen Randstrich, an dem er sich mit ihr berührt", schreibt er 1917 in ein Oktavheft, und gleich auf der nächsten Seite: "Die Kunst ist ein von der Wahrheit Geblendet-Sein: Das Licht auf dem zurückweichenden Fratzengesicht ist wahr, sonst nichts."

Die Suche nach dem dunklen Kern der Seele, dem schwarzen Herz der Finsternis schien schon Kafka vor bald hundert Jahren nutzlos zu sein. Nach ihrer College-Farce "England" (2010) und ihrem Psychiatrieroman "Heimlich, heimlich mich vergiss" (2012) zeichnet Angelika Meier das grelle Fratzengesicht der Wahrheit nun à la americaine, denn nicht Kafka oder Schreber sind es, die einem bei der Lektüre dieses schwindelerregenden und, ja!, schreiend komischen Romans als erstes in den Sinn kommen, sondern Thomas Pynchon.

Meier bedient sich, wie Pynchon in seinem Kalifornien-Roman "Natürliche Mängel", virtuos verschiedenster Krimielemente. An eine Auflösung des ohnehin nicht vorhandenen Falles ist freilich nicht zu denken: "Und dass sie nicht im Mindesten weiß, was daran bedeutsam sein könnte, bestätigte logischerweise gerade die Bedeutsamkeit der Sache." Der Leser tappt also nicht im Dunkeln, er torkelt vielmehr durch die strahlende Helligkeit dieses Romans, manchmal erschrocken, immer fasziniert von den Lichtspielen der Spiegel Solarianas, die Mary Lynn allnächtlich putzen muss.

Immer mehr Spiegel stellen allerdings ihren Dienst ein, und auch von den Veteranen verschwindet einer nach dem anderen. Selbst Doktor Schreber entkörperlicht sich irgendwann und wird zu einer Art Strahlenwesen. Nur Mary Lynn findet aus der Spiegelwirrnis heraus, und zwar mithilfe bürstenköpfiger Putz-Roboter, die sich Miss Osmos' liegen gebliebenes Golfkart mit einem Seil um die eckigen Bäuche binden und die schuldig-unschuldige Heldin wie "surrende Mond-Rentiere" vor ihrem Bungalow abliefern. Mögen auch die meisten ihrer Mitmenschen tot sein, im Himmel oder in der Hölle, so hat sie am Ende die Gewissheit, dass die Zwischenwelt des Fegefeuers ihr eigentlicher Ort ist: "Versteh doch, Kind, leben zu wollen, das ist die gefährlichste aller Lichtspiegelungen: Nicht leben will ich, nur nicht mehr sterben."

Angelika Meier: Osmo. Roman. Diaphanes Verlag, Berlin 2016. 272 S., 22,95 Euro. E-Book 17,99 Euro.

© SZ vom 24.11.2016
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