Es trifft sich, daß ich dieser Tage wieder Simone Weil las, ihren grundstürzenden Essay: "Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien" - ein Stück radikalster Politologie. Das war keine Fortschreibung des Kommunistischen Manifests, auch kein Plädoyer für eine Einparteienherrschaft von Links oder Rechts. Dazu war die Denkerin mit ihrer Position zwischen Anarchismus, Pazifismus und Syndikalismus - heute würde man sagen, Kommunalismus und, vielleicht, europäische Kooperation, zu weit über alle Grenzen der in verfeindete Lager aufgespaltenen Welt hinausgeschossen. Es war nur eine ruhige Überlegung in einer verfahrenen Lage, geboren aus der Verzweiflung einer Emigratin über die Unwählbarbeit falscher Alternativen in einer selbstzerstörerischen, wieder einmal im Krieg stehenden Zivilisation. Das Parteienwesen erschien Weil als eine Seuche, die ganze Gesellschaften erfaßt und nur noch die Einteilung in Pro und Contra zuläßt.
Durs Grünbein zur Bundestagswahl:Parteilos
Lesezeit: 6 min
Das Parteiensystem erschien ihr wie eine Seuche, die nur noch Pro und Contra zulässt: die Philosophin Simone Weil.
(Foto: Courtesy Everett Collection via www.imago-images.de/imago images/Everett Collection)Was bewirkt so eine Wahl, alle vier Jahre wieder inszeniert, in dieser Welt? Eine Erinnerung an Simone Weil, und ein Plädoyer für die Philosophie.
Von Durs Grünbein
SZ-Plus-Abonnenten lesen auch:
Liebe und Partnerschaft
»Zeit ist ein mächtiger Faktor für Beziehungen«
Aussteiger
Einmal Erleuchtung und zurück
Smartphone
Wie man es schafft, das Handy öfter wegzulegen
Zähne und Zeitgeist
Generation Beißschiene
GPT-4
Die Maschine schwingt sich zum Schöpfer auf