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Dresdener Ausstellung über das Gefängnis:Freiheit, die ich meine

Mit einer großen Ausstellung führt das Dresdener Hygiene-Museum in eine uns eigentlich nahe Parallelwelt, von der wir wenig wissen wollen: das Gefängnis.

Von Bernd Graff

Im Sommer 2001 meinte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder in einem Interview, "dass erwachsene Männer, die sich an kleinen Mädchen vergehen, nicht therapierbar sind. Deswegen kann es da nur eine Lösung geben: wegschließen - und zwar für immer." In Hessen war ein achtjähriges Mädchen tot aufgefunden worden, die öffentliche Anteilnahme war groß.

Was hatte Schröder da gefordert? Überspitzt formuliert hat er das Böse aus der Welt schaffen wollen, indem er es endgültig von allem verbannt, was die Gesellschaft Öffentlichkeit nennt. Schröders Diktum der Nicht-mehr-Therapierbarkeit ist absolut formuliert, und seine Forderung des Wegschließens ist die nach totaler Ächtung eines Straftäters und seinem finalen Ausstoß aus der Gesellschaft. In gewisser Weise ist das ein Bruch mit dem in Demokratien geltenden juristischen Vertrag zwischen dem Staat und dem Delinquenten.

Denn in westlichen Strafsystemen stehen sich zwei Antagonisten untrennbar gegenüber: Zum einen die Gesellschaft, die mittels ihrer Justiz Recht spricht, Strafen verhängt und in ihren Vollzugssystemen durchsetzt, um die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten sowie Rachehandlungen und Lynchjustiz zu verhindern. Zum anderen der Straftäter, der zwar für seine Taten büßen muss, aber nur, um dann geläutert daraus hervorzugehen und in die Gesellschaft zurückzukehren. Doch wie dieses pädagogische Wunder vollbracht werden soll, was also nach dem Einsperren mit dem Täter geschieht und was das "Wegschließen" tatsächlich bedeutet, dafür interessieren sich Gesellschaften nur selten.

Eine sehens- und empfehlenswerte Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum (DHM) mit dem Titel "Im Gefängnis" konzentriert sich genau darauf: auf den Täter und seine Verbringung in Haftanstalten, die moderne Gesellschaften ungefähr seit der Französischen Revolution errichtet haben. Das Gefängnis als Strafort ist eine Erfindung der Neuzeit. Zwar gab es natürlich auch zuvor Kerker und Verliese, und auch in diesen schmorten die Gefangenen oft sehr lange Zeit bei Wasser und Brot. Doch war dieses Eingesperrtsein nie die über sie verhängte Strafe, sie erwarteten dort lediglich den Tag ihres Prozesses. Dann erst wurde mit dem Urteil die Strafe ausgesprochen: körperliche Züchtigungen, Folter und Marter, der Pranger, Geldbußen, Tod.

Spät setzt sich die Auffassung durch, dass Täter nicht zu quälen, sondern zu erziehen seien

Eine Art Wegweiser gleich zu Beginn der Schau, die das DHM gemeinsam mit dem Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum Genf und dem Musée des Confluences Lyon entwickelte, macht deutlich, wofür man Strafen verhängte und verhängt: Eine 25-Jährige wird im 15. Jahrhundert wegen Hexerei verbrannt, eine 34-Jährige im 17. Jahrhundert wegen Ehebruchs erhängt. Sexuelle Handlungen mit einem Mann bringen in Westdeutschland noch 1965 einen 30-Jährigen für sieben Wochen ins Gefängnis. Wegen Aufruhr zum Aufstand, den er in sozialen Netzwerken postete, wurde 2011 ein 20-Jähriger in England für vier Jahre hinter Gitter gebracht. 2013 wird ein 42-jähriger Arzt in Irland wegen Abtreibung zu 14 Jahren verurteilt. Sind solche Strafen angemessen, sind sie gerecht? Waren sie es jemals? Wie werden Schuld und Sühne abgewogen? Gibt es dafür ein Maß, einen juristischen Code, eine Formel für Verbrechen, kann man sie berechnen?

Demokratische Gesellschaften, so die Ausstellungskuratorin Isabel Dzierson, müssen sich diese Fragen immer wieder stellen. Sie strafen über ihr Rechtssystem. Doch die Fragen bleiben oft unbeantwortet. Es scheint, als hätten wir auch diese weggeschlossen - oft für immer.

Mit der Moderne setzt sich die Auffassung durch, dass Straftäter nicht mehr zu quälen, sondern durch Haft zu erziehen seien. Man entzieht dem Verurteilten die Freiheit nur, damit er sie nach der Haft mustergültig und gesellschaftsverträglich lebe.

Die durch Michel Foucault berühmt gemachten panoptischen Überwachungsbauten des Jeremy Bentham entstehen, der Gefangene wird nicht mehr nur verwahrt, sondern mit Arbeit beschäftigt. Dieser moderne Strafvollzug zielt auf die Disziplinierung der Körper ab, auf die Regelung der Zeiten des Schlafens, Essens, Arbeitens, der Hygiene und Bewegung. Drill, Routine, das Einstudieren von Abläufen, die Steigerung von Effizienz sind die Eckpfeiler einer restriktiven, manipulativen Pädagogik.

Die Verfahren sind leider selten erfolgreich: "Bei einer Rückfallquote von rund 30 Prozent in Deutschland, die wieder im Gefängnis landen, kann man kaum von einem Erfolgsmodell sprechen", so Isabel Dzierson. Erneut verurteilt, so dokumentieren Statistiken in der Ausstellung, werden hierzulande wie in der Schweiz 45 Prozent der Straftäter. In Frankreich sind es 60 Prozent, in den USA sogar 68. Es gibt keine gemeinsamen Standards für Strafmaße: 206 Tage sitzen Haftgefangene im Schnitt in Deutschland ein, 300 Tage in Frankreich, 115 Tage in der Schweiz, 1606 Tage in den USA, das sind mehr als vier Jahre. Während in Deutschland und der Schweiz meist Geldstrafen verhängt werden, operiert Frankreich eher mit Fußfesseln.

Wo also befindet sich ein Strafgefangener? Der seiner zivilen Identität und Unabhängigkeit beraubte Mensch ist nun Teil einer Mikro-Gesellschaft des Gefängnisses mit ihren eigenen Ökosystemen und Hierarchien. Für nahezu jede Kategorie menschlich-sozialen Verhaltens, also für Kommunikation und Unterhaltung, Sprache, Sex und Religion, Sport, soziale Kontrolle, Wirtschaft, Drogenhandel wie -konsum wurden spezifische Knastversionen erfunden.

So zeigt die Ausstellung: großflächige Kugelschreiber-Zeichnungen als Kunstersatz, ein Schachspiel aus Seifenstücken, selbstgebaute Sanduhren, Wasserpfeifen aus Plastikflaschen, einen aus Dosenblech gefertigten Ikonenrahmen, zu Faustwaffen verklebte Schlüsselringe, einen Wurfanker aus Gabeln, ein christliches Kreuz als Dolch. Aus Stuttgart-Stammheim stammt ein angeblich funktionstüchtiger Pizzaofen, der vom RAF-Terroristen Jan-Carl Raspe aus einer Keksdose gebaut wurde. Zu sehen ist auch ein Silikonpenis, den Frauen in einem sächsischen Gefängnis modellierten.

Mit den Gefängnissen sind Parallelwelten entstanden, die von unserer durch mehr getrennt sind als durch dicke Mauern. Das Beispiel der privat geführten, an keine zivile Öffentlichkeit mehr angeschlossenen Gefängniskomplexe in den USA macht das schon in der Topografie sichtbar. Freiheitsentzug bedeutet Daseinsentzug: Die Zeit vergeht hier anders, zähflüssiger, der Raum ist für jeden definiert und verknappt. Die Gefangenen sind zurückgeworfen auf ihre Körper, Bodybuilding und Tattoos signalisieren eine Individualität, die nur für sich selber scheint. Für den Vollzug hat sie keine Bedeutung.

Im Gegenteil: Alles Persönliche stört den Gefängnisbetrieb nur. Vielleicht kann man Corona-Demonstranten, die ihre demokratischen Regierungen dafür angehen, dass sie ihre Pflicht bei der Pandemie-Bekämpfung tun, mal klarmachen, dass sie nicht wissen, wovon sie sprechen, wenn sie vom Entzug ihrer Freiheit faseln.

Im Gefängnis. Vom Entzug der Freiheit. Deutsches Hygiene-Museum, Dresden. Bis 31. Mai 2021. Der Katalog kostet 19,90 Euro.

© SZ vom 16.10.2020

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