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Doris Dörrie:Sehnsucht nach dem Verbürgten

Doris Dörrie

Genregrenzen interessieren Doris Dörrie nicht. „Bei uns Filmemachern verwandelt sich ja ohnehin das Geschriebene über das Drehbuch in Film.“

(Foto: Bamberger Literaturfestival)

"Alles echt. Alles Fiktion" - Doris Dörrie über das von ihr kuratierte Forum: Autoren. Ihr Paradox: Je mehr Lügen kursieren, umso mehr suchen die Menschen das Wahre und Echte.

Interview von  Antje Weber

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?, fragte der Philosoph Paul Watzlawick in einem berühmten Buch der Siebzigerjahre. Aus der Frage ist heute eine Feststellung geworden: "Alles Echt. Alles Fiktion" lautet der Titel des von Doris Dörrie kuratiertem Forum:Autoren - und das Thema ist der 62-jährigen Filmemacherin und Schriftstellerin, die an der HFF München den Lehrstuhl Creative Writing leitet, wirklich wichtig.

SZ: "Alles echt. Alles Fiktion": Kann man sagen, dass Sie ein Lebensthema zum Motto gemacht haben?

Doris Dörrie: Ja, das Thema der Lüge und der Imagination beschäftigt mich wirklich schon sehr lange. Eigentlich seit dem Tag, an dem ich angefangen habe, selber Sätze schreiben zu können. Sätze wie "Ein grünes Reh steht auf einer roten Wiese" - und das ist dann wirklich in dem Moment da. Mich fasziniert, dass wir dieses Bild sofort in unseren Köpfen haben. Und dass man darüber fantasieren und erfinden und lügen kann.

Das prägt zum Beispiel auch Ihren Roman "Diebe und Vampire". Er handelt davon, wie sich Schriftsteller die Geschichten anderer Menschen aneignen - ein durchaus gewaltsamer Vorgang?

Das kann es sehr stark sein, ja. Man kann auch immer wieder beobachten, was passiert, wenn Menschen so benutzt werden, dass sie es nur haarscharf überleben. Abgesehen davon beschäftigt mich das auch durch das Lesen schon lebenslang. Das Lesen eröffnet einem ja die wunderbare Möglichkeit, der eigenen Welt ein Stück weit zu entfliehen und sich anderen Menschen anzuverwandeln. Dieser Vorgang der Transformation interessiert mich, im Schreiben wie im Lesen - dass man also wirklich zu Anna Karenina wird.

Und warum jetzt dieses Festival-Motto?

Aktuell hat mich das Thema natürlich gepackt, weil wir uns an einem seltsamen Scheideweg befinden. In der Literatur sehnen wir uns immer mehr nach dem autobiografisch Verbürgten, dem Wahren, Echten - und misstrauen der Fiktion immer mehr. Gleichzeitig fiktionalisieren wir uns selbst so sehr, wie wir es noch nie zuvor gemacht haben. Durch die Social Media hantieren wir heute alle mit einer erfundenen Biografie - auch mit Fakten, aber doch viel mehr mit der Fiktion.

Das hat auch eine politische Dimension.

Ja, ein weiterer Punkt: Wir sind auch immer mehr umgeben von Fiktion. In der Werbung ist das natürlich schon lange der Fall, aber auch sonst in der Wirtschaft - bis hin zur Politik, die immer mehr ein Narrativ sucht, die immer bessere Story. Klar, an Trump konnte man jetzt sehr schmerzlich beobachten, was passiert, wenn das Faktische komplett abgelöst wird von der Fiktion. Und was bedeutet das für uns, die wir Fiktion herstellen, die Schriftsteller? Ich glaube, wir waren noch nie so sehr gefordert, darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn andere sie uns entreißen. Was ist noch übrig für die Fiktion, wenn das gesamte Leben fiktionalisiert wird?

Haben Sie eine Antwort?

Nein, nur die Beobachtung, dass wir uns wohl deshalb plötzlich so sehr nach Realität sehnen, nach dem Faktischen. Das ist sicherlich auch der Grund dafür, dass es gerade eine solche Welle von Memoirs gibt, von autobiografischem und semi-autobiografischem Erzählen. Daher auch ein solcher Erfolg wie der von Karl Ove Knausgard, der in sechs Bänden seinen Alltag beschreibt - weil wir da das Gefühl haben, wir finden wieder einen Boden unter den Füßen, der ansonsten ins Schwanken geraten ist. Gerade dieser schwankende Boden der Fiktion war ja immer das Verlockende. Das hat sich geändert. Und dadurch, dass wir so eine Erschöpfung in der Fiktion erleben, wird uns sehr viel genommen. Wir alle haben wohl das Gefühl, dass es irrsinnig mühsam ist, jeden Tag aufs Neue zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden zu sollen. Und diese Ermüdung ist sehr gefährlich, weil unser Gehirn dieses ständige Unterscheiden nicht so gut kann. Irgendwann gibt das Gehirn auf, wir erlahmen - und nehmen die Lüge als Wahrheit hin. In Diktaturen ist das eine Taktik der Politik. Es sind faschistische Taktiken, den Bürger durch das ständige Wiederholen der Lüge zu ermüden.

Was kann das Literaturfest bei diesem derzeitigen Dauerthema noch hinzufügen?

Sehr viele Fragen. Zum Beispiel: Was passiert, wenn wir nur noch die Biografie als Geschichte entgegenhalten können? Dabei ist es zum Beispiel interessant, Frauen erzählen zu hören. Das Ausbreiten der eigenen Biografien hatte bei Frauen in der Vergangenheit immer schnell etwas Handgestricktes, das riecht sehr schnell nach Küche. Wenn es ein Mann macht, dann wird der Vorwurf des Banalen nicht so rasch gefällt. Und da geht es darum zu fragen: Moment mal, was haben Frauen eigentlich zu berichten? Wie unterschiedlich sind die Leben? Und was bedeutet der Vorwurf der weiblichen Banalität eigentlich? Der kommt ja sehr stark aus einem männlich gefassten Literaturbegriff, demzufolge man sich entweder mit dem "Schönen, Wahren" zu beschäftigen hat, oder das männlich Banale das Wahre beschreibt.

Wenn es um Biografien geht, ist man schnell auch bei Herkunftsorten.

Auch das ist eine Frage, die zur Zeit sehr dringlich ist: Was bedeutet Herkunft? Denn wir erleben im Moment nicht nur die Globalisierung, sondern auch eine sehr starke Tribalisierung. Und das bringt auch Schriftsteller dazu, sehr genau den Ort zu betrachten, von dem sie herstammen. Zum Beispiel Alina Herbing, Amy Liptrot - oder auch Elena Lappin, die sehr genau beschreibt, was es für sie bedeutet hat, an vielen Orten unterwegs zu sein und viele Sprachen zu sprechen.

Sie wollen, bei Ihnen als Filmemacherin nicht verwunderlich, verschiedene Medien einbeziehen. Denken wir noch viel zu stark in Schubladen?

Ich habe nie so sehr zwischen den verschiedenen Spielarten unterschieden. Bei uns Filmemachern verwandelt sich ja ohnehin das Geschriebene über das Drehbuch in Film. Und schon das Lesen ist ja ein Prozess, bei dem man im Kopf seinen eigenen Film dreht. Dass es neue Felder gibt, wie das serielle Erzählen als Hörerlebnis, als Podcast, finde ich interessant. Und die Graphic Novel liegt wieder nah beim Film, das Erzählen mit Bildern.

Auch die Grenzen zwischen E und U wollen Sie aufbrechen - und zum Beispiel gemeinsam mit Olli Dittrich auftreten.

Das ist eine Grenze, die ich für mich sowieso nie akzeptiert habe. Olli Dittrich ist ein sehr, sehr ernsthafter Menschenforscher. Mit welcher Akribie er Figuren studiert! Er begibt sich auf eine unglaubliche Recherchereise, bei der er - und das ist für mich literarisch - reale Menschen zu Figuren werden lässt. Darum geht es: um die Genauigkeit im Blick, um die Präzision.

Sie haben mal gesagt: "Inspiration ist das Gefühl, von sich selbst überrascht zu werden." Was hat Sie selbst in der Vorbereitung dieses Festivals überrascht?

Auf einer ganz einfachen Ebene: wie viel Arbeit das ist. Davon abgesehen hat mich überrascht und inspiriert, wie viele tolle neue Autoren es gibt. Ich wollte nur wenige ganz bekannte Namen, denn die Chance bei einem Festival ist doch immer, dass man plötzlich Dinge entdeckt, auf die man alleine nicht gestoßen wäre. Auch die Kooperation mit der Filmhochschule war mir wichtig: dass man Dokumentarfilme sehen kann, in einem Workshop lernt, sie zu lesen - und dass man wandert, vom Film zum Buch und zurück. Die größte Herausforderung ist für mich dabei, Filmhochschüler dazu zu bringen, ein Buch in die Hand zu nehmen - daran werde ich noch zerbrechen!

© SZ vom 02.11.2017

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