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Dokumentarfilm :Im Dorf der Atombürger

Finnen im Bann der Kernkraft - die Doku "Return of the Atom" ist eine Langzeitstudie aus dem verschlafenen Örtchen Eurajoki, das gerade seinen dritten Atommeiler baut und auch den vierten schon genehmigt hat.

"Wird das Wasser wärmer, lässt sich das ganze Jahr fischen", meint der Bürgermeister. Die Gemeinde nickt. Im Ort Eurajoki beginnt im Jahr 2005 der Bau des europaweit ersten Atommeilers nach Tschernobyl. Denn der Finne als solcher, so ein Verantwortlicher später, lässt sich noch von der Vernunft und nicht von Emotionen leiten. In Eurajoki, malerisch neben einem Naturschutzgebiet an der Südwestküste Finnlands gelegen, stehen bereits zwei Atommeiler, nun folgt Olkiluoto 3.

Die Regisseure Mika Taanila und Jussi Eerola begleiten in ihrem Dokumentarfilm "Return of the Atom" dieses gewaltige Bauprojekt über gut zehn Jahre. An der europäischen Peripherie soll Olkiluoto 3 die Renaissance der Atomkraft einleiten. Strahlende Manager des deutsch-französischen Konsortiums schwärmen vom sichersten und effizientesten Kraftwerk aller Zeiten. Es werde, heißt es, den schlechten Ruf der Atomenergie gründlich aufpolieren. Ihre Äußerungen erinnern an die Atomeuphorie der Fünfzigerjahre, was der Film durch das geschickte Einfügen von alten Informationsfilmen zur Kernenergie auch noch stark betont - eine frappierende Parallele. Damals wie heute aber stellen sich bald Probleme ein: Erst ein Skandal um Billigarbeiter aus Polen, dann verzögern Sicherheitsmängel und Planungsfehler die Konstruktion immer weiter, bis nach sechs Jahren Bauzeit ohne Ende in Sicht die große Welle über Fukushima schwappt.

Von alldem unbeeindruckt zeigt sich die Gemeinde, deren Alltag im Schatten dieser kolossalen Baustelle das eigentliche Thema der Dokumentation ist. "Return of the Atom" mutet dadurch kaum wie ein typischer Anti-Atomfilm an, vielmehr registriert die Kamera wie ein Geigerzähler die Verstrahlungen im Denken der rund 2000 Einwohner. Die meisten sind Angestellte des Kraftwerks, generöse Zuwendungen und Umschmeichelungen tun das Übrige, stolz präsentiert etwa der Bürgermeister die vom Atom-Konsortium gesponserte Eishalle. Danach geht es zu einer weiteren Gemeinderatssitzung: Tagesordnungspunkt 14: Vierter Atommeiler. Einsprüche? Nein? Genehmigt. Es sind ganz nüchterne, scheinbar triviale Szenen, aber von einer derartigen Arglosigkeit, dass man als Zuschauer völlig perplex ist.

Atomgegner tun sich schwer in Eurajoki. So etwa ein beurlaubter Elektriker des Kraftwerks, der mit seinen Tiraden gegen die Betreiber, Exkursen über Strahlung, Blutkrebs und steigende Wassertemperaturen allen nur als ein paranoider Quertreiber gilt - selbst dann, als er auf eine sehr beunruhigende Tatsache stößt.

"Return of the Atom" zeichnet mit einer Collage aus rund zehn Jahren Bildmaterial das hochinteressante Bild einer finnischen Gemeinde, die völlig im Bann der Atomindustrie steht. Im Kontrast dazu beschwören eindrückliche Zeitrafferaufnahmen der Baustelle das düstere Bild eines industriellen Kathedralbaus. Der Mensch wirkt davor nur noch ganz klein, wie Katholiken vor ihrem Dom. Dazu satte Pfaffen, fromme Technikgläubige und ein einsamer Ketzer.

Return of the Atom, D/Finnland 2015 - Buch und Regie: Mika Taanila, Jussi Eerola. Kamera: Jussi Eerola. Musik: Pansonic. Verleih: RealFiction, 110 Min.

© SZ vom 10.08.2017

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