Dok-Fest Leipzig Die Kunst der Zwischentöne

Der Preisträgerfilm im deutschen Wettbewerb: „Lord of the Toys“.

(Foto: Dok Leipzig)

Beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig sorgte ein Film über junge Männer, die mit Nazi-Parolen kokettieren, für Diskussionen.

Von Philipp Bovermann

Als erstes größeres Filmfestival hatte sich das Dok Leipzig, das am Wochenende zu Ende gegangen ist, eine Frauenquote auferlegt. Bei der Auswahl der Beiträge für den deutschen Wettbewerb sollten mindestens 40 Prozent der Filme von Regisseurinnen stammen. Aber die Quote war gar nicht notwendig. Die Auswahlkommission sichtete zunächst "blind", also ohne zu wissen, ob ein Film von einer Frau oder einem Mann kam. Und siehe da, ganz von selbst ergab sich eine Auswahl von mehr als 50 Prozent weiblicher Beiträge.

Beherrschendes Thema der 61. Ausgabe des Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm war aber etwas anderes. Und zwar die Dokumentation "Lord of the Toys", der die Clique um den 21-jährigen Videoblogger "Adlersson" porträtiert, bürgerlich Max Herzberg. Wir sehen ihn und seine Kumpels, die teilweise eigene Youtube-Kanäle besitzen, auf einem öffentlichen Platz ihrer Heimatstadt Dresden eine Melone schlachten. Aus der wird dann gesoffen, zu halbstarkem Rumgeblöke. "Trink, du Jude", krakeelt einer. Mit dem, was von der Melone noch übrig ist, bewerfen sie anschließend japanische Touristen. Zu Hause angekommen, sprüht Herzberg einem Kumpel, der komatös durchs Zimmer wankt, minutenlang Deodorant ins Gesicht, mit dem Kommentar: "Ich vergase dich, du Schwein." Und immer ist, neben der Filmkamera, die Handykamera dabei.

Herzberg hat auf seinem Hauptkanal über eine Viertelmillion Abonnenten.

Jeder neue Clip bekommt vermutlich mehr Zuschauer als das Dok Leipzig mit allen Vorführungen der über 300 Filme zusammen. Für "Lord of the Toys" waren der Filmemacher Pablo Ben-Yakov und sein Co-Autor und Kameramann André Krummel hinter den Kulissen dabei. Sie wollten verstehen, wie diese Jungs ticken, die offensichtlich nicht aus politischer Überzeugung, sondern nur, um möglichst derb zu provozieren (und dadurch Klicks zu erhalten), rassistische, antisemitische und homophobe Sprüche im Akkord klopfen. Obwohl einer von ihnen selbst schwarz ist und zwei der Jungs sich in einer Szene des Films ausgiebig küssen.

Die Regisseure wollen in ihren Werken mehr "Film" und weniger "Dokument"

Als könne man das problemlos "nicht so meinen", spielen sie mit rechter Ideologie wie mit einem Messer, das sie auf dem Pausenhof herumzeigen. Nur dass dieser Pausenhof namens Youtube riesig ist. Wer hier den Kampf um die Aufmerksamkeit gewinnen will, dessen Messer muss schon sehr gefährlich aussehen. Adlerssons Youtube-Account wird hin und wieder gesperrt, weil er zum Beispiel ein Hakenkreuz aus Garnelen gelegt hat. Am Ende von "Lord of the Toys" wird die Gewalt real. Zu Besuch auf dem Oktoberfest geraten die Jungs mit einer Gruppe "Fidschis" aneinander. Herzberg brüllt, offenbar mal wieder nur, um zu provozieren: "We are Nazis and we are proud, fuck yourself!" Dann fliegen die Fäuste, die Kamera wankt, geht aus.

Teile des Publikums waren entsetzt, es gab Buhrufe. Das Leipziger Aktionsbündnis "Leipzig nimmt Platz" hatte schon im Vorfeld zu Protesten bei der Vorführung des Films aufgerufen. Die blieben aus - auch als der Moderator die beiden Filmemacher und ihren Protagonisten auf die Bühne rief. Eine junge Frau aus dem Publikum meldete sich und fragte, wie man denn bitteschön solchen Typen "eine Plattform bieten" könne.

Um zu dieser Frage Stellung zu beziehen, berief das Festival eine Diskussionsrunde ein. Da sagte ein junger Mann, er habe "noch nie so einen gespaltenen Kinosaal" erlebt. Neben ihm seien Jungs gesessen, die bei jedem Judenwitz gejohlt hätten. Wie man so einen Film "ohne Kommentar" zeigen könne, wollte ein anderer wissen, also ohne einen einordnenden Sprechertext. Eine andere Zuhörerin sagte, sie hätte den Film zwar im Sinne der Regisseure verstanden, "aber den Leuten, die da im Publikum saßen, denen war das egal". Die hätten sich womöglich bestätigt gefühlt. Das könne man doch nicht zulassen.

Bevor sie über die Leipziger Presse und den MDR weitergetragen wurde, hatte die Kontroverse um "Lord of the Toys" schon auf Twitter begonnen - ohne dass die Boykott-Befürworter den Film gesehen haben konnten. Der lief auf dem Festival nämlich als Weltpremiere. Insofern konnte man den Streit auch als einen unfreiwilligen Kommentar zu der in ihm implizit geübten Kritik an den Mechanismen sozialer Medien lesen. Hinter dem "Keine Plattform bieten"-Argument liegt schließlich die Grundidee, einen Film über Max Herzberg zu zeigen sei so ähnlich, wie eins seiner Videos zu posten oder zu teilen. Als gehe es nur um die Reichweitenverstärkung des Inhalts und nicht um die Auseinandersetzung damit. Als funktionierten Dokumentarfilme wie Youtube-Clips und Dokumentarfilmfestivals wie Youtube.

Auf einordnende Interviews mit den Protagonisten hätten sie bewusst verzichtet, sagten die Filmemacher nach der Premiere. Herzberg und seine Kumpels würden ja ohnehin ununterbrochen Statements im Netz posten. Möglicherweise ein entscheidender Hinweis. Die beiden Filmemacher sind schließlich nicht die Einzigen, die dafür plädieren, die Bilder in einem Dokumentarfilm für sich sprechen zu lassen, ohne einen Erzählkommentar oder Interviewsequenzen. Solche Mittel sind als plump und lehrfilmhaft verschrien. Filmhochschulstudenten wird heute beigebracht, sie seien Künstler und bitte um Gottes willen keine Journalisten. Auf der einen Seite gibt es also eine überschießende Filmproduktion im Netz, die selfieartige Bekenntnisse ihrer Produzenten dokumentiert - und auf der anderen, auf den Leinwänden, werden die Dokumentarfilme immer künstlerischer, wollen mehr "Film" als "Dokument" sein.

Man konnte das auf dem Dok Leipzig konkret beobachten. Schaute man sich die Beiträge im jungen "Next Masters"-Wettbewerb an, hatten auffällig viele von ihnen einen essayistischen Zugang. In "<3", gesprochen "Heart", ging es um die Liebe in Zeiten des Onlinedatings, in "Animus Animalis" konnte man sich von ausgestopften Tieren anstarren lassen. Für "Symphony of the Ursus Factory" inszenierte die polnische Filmhochschulstudentin Jaśmina Wójcik ein Traktoren-Ballett in der Fabrik, in der sie einst hergestellt wurden.

Auch "Lord of the Toys" war ein Abschlussprojekt an der Filmakademie Baden-Württemberg. Anstatt den Film mit "Achtung, Nazis"-Hinweisschildern vollzukleistern, verließen seine Macher sich auf genuin filmische Mittel wie Montage, Kameraführung, Musik. Man kann das, wie die Kritiker in Leipzig, distanzlos finden. Allerdings entsteht dadurch etwas, das in Youtube-Videos fehlt: Zwischentöne. Die Kids im Film sind ebenso widersprüchlich wie das, was sie so von sich geben. Man muss diese Widersprüche wahrnehmen, um sie darauf ansprechen zu können. Das sah auch die Jury für den Hauptpreis im Deutschen Wettbewerb so. Er ging am Samstagabend, absolut verdient, an "Lord of the Toys".