Disney-Remake Adoptionsrecht für Fabeltiere

Disney bringt sein Schmunzelmonster aus den Siebzigern neu ins Kino, Elliot den Drachen. Das fabelhafte Computer-Geschöpf begegnet diesmal dem alten Robert Redford.

Von David Steinitz

Ein Geheimnis, das der Disney-Konzern bei Gelegenheit mal lüften könnte: Welches psychedelische Kraut wurde an die Mitarbeiter verteilt, die sich einst "Elliot, das Schmunzelmonster" ausgedacht haben?

Der stark bekifft wirkende Drache aus der gleichnamigen Musical-Klamotte von 1977, der als Inspiration für diese Neuauflage dient, ist eher ein Schattengewächs im Disney-Universum. Nach dem Tod von Walt Disney 1966 entstanden zahlreiche Fließbandprodukte, die alte Erfolgsrezepte halbherzig aufwärmten. "Elliot" war der Versuch, an den Real-Trickfilm-Mix von "Mary Poppins" anzuknüpfen: Echter Junge trifft auf gezeichnete Figuren, und alle singen lustige Lieder. Das Ergebnis war eine biedere Slapstickrevue, durch die der Trickdrache tapste wie ein verwirrter Späthippie, der aus Versehen das Ende der Sechzigerjahre verpasst hat.

Für den Remake-Wahn des Disney-Studios, das gerade seine größten Klassiker vom "Dschungelbuch" bis zu "Die Schöne und das Biest" neu recycelt, ist das Schmunzelmonster also nicht das nächstliegende Projekt. Trotzdem hat der Regisseur David Lowery aus seiner mauen Vorlage eine wilde Abenteuergeschichte gemacht, die besser ist als das Original. Was wohl vor allem der Tatsache zu verdanken ist, dass er bislang überhaupt nichts mit Mainstream-Unterhaltung zu tun hatte.

Es ist in Hollywood derzeit ein Trend, den immer gleichen Blockbusterbetrieb neu zu beleben, indem man Regisseure aus dem Independentkino rekrutiert. Die haben zwar kaum Erfahrung mit großen Sets und Budgets, liefern aber oft die aufregenderen Ideen als versierte Hollywoodhasen. So war es zum Beispiel bei "Jurassic World", dem vierten Teil der "Jurassic Park"-Reihe, wo der unbekannte Indie-Filmer Colin Trevorrow im Regiestuhl auf Steven Spielberg folgte. Sein Dino-Update ist mittlerweile der dritterfolgreichste Film aller Zeiten, sein nächstes Projekt wird "Star Wars: Episode IX".

Eine ähnliche Strategie verfolgt man jetzt bei Disney. "Elliot"-Regisseur David Lowery hat diverse Kurzfilme gedreht sowie das schöne Indie-Drama "Ain't Them Bodies Saints", das in Deutschland leider nur auf DVD erschienen ist. Eine Gangsterliebesgeschichte in der amerikanischen Provinz, wo der Wildwestspirit immer noch ziemlich lebendig und gnadenlos ist.

Auch sein "Elliot"-Update erzählt Lowery als anachronistische Frontiergeschichte im amerikanischen Hinterland, diesmal aber mit Fantasy-Elementen. Er beginnt den Film mit einem bösen Seitenhieb auf den alten Disney. Schuld an der Tragödie, in die sein kleiner Held Pete (Oakes Fegley) gerät, ist ein unschuldig dreinschauendes Reh, das verdammt stark nach Bambi aussieht. Es springt plötzlich auf die Landstraße, als Pete mit seinen Eltern im Auto sitzt. Der Vater will ausweichen, es kommt zu einem üblen Crash. Die Eltern verunglücken tödlich, und Pete wird hinein in einen finsteren Wald geschleudert. Dort stößt er im Unterholz auf einen freundlich schnaubenden Drachen, der ein bisschen an Fuchur aus der "Unendlichen Geschichte" erinnert. Und weil das Adoptionsrecht in Disney-Filmen nicht ganz so streng gehandhabt wird wie in der Realität, wird der Waise Pete vom Drachen Elliot prompt in seiner Höhle aufgenommen.

Die Kleinstädter machen Jagd auf den armen Drachen, Robert Redford muss zu Hilfe eilen

Aber die kleinbürgerlichen Provinzler und Holzfäller im nahegelegenen Ort wollen nicht glauben, dass ein Drache harmlos sein kann, sie machen Jagd auf Elliot. Nur der alte Schreiner (Robert Redford) und seine Familie sind drachengläubig genug, um den beiden auf der Flucht zu helfen.

Unter der Regie von David Lowery wird diese Geschichte zu einer sympathischen Ausnahmeerscheinung in diesem mauen Blockbustersommer. Vor allem, weil er seinen Film nicht so gnadenlos mit Special Effects überlädt. Klar, der Drache stammt aus dem Computer, aber Lowery und sein Mitstreiter Eric Saindon von der neuseeländischen Special-Effects-Firma Weta haben ihn eher im Geist der analogen Fantasyfiguren der Achtzigerjahre gestaltet. Saindon, der schon für Peter Jackson die digitalen Effekte für "King Kong" und die "Hobbit"-Reihe machte, ist besonders stolz auf Elliots Haare. Sein Riesenaffe King Kong hatte 2005 eine Million Haare im digitalen Fell, bei Elliot sind es schon zwanzig Millionen Pixelhärchen, die ihn zu einer comichaften, aber durchaus sehr glaubwürdigen Fantasyfigur machen.

Das passt gut zu Lowerys Inszenierungsstil, der diese Waisenjungengeschichte als raues Abenteuer erzählt, das ein bisschen aus der Zeit gefallen ist. Ein Drache würde heute vermutlich selbst aus der Provinz schnell seinen Weg auf Youtube finden, hier aber wird kein Smartphone gezückt. Das Holzfällerstädtchen wirkt wie ein Ort, der ein bisschen im Western und ein bisschen in der industriellen Revolution hängen geblieben ist und trotzdem das Jahr 2016 erreicht hat. In diesem verträumten Grenzbereich aus Fantasie und Realität, gestern und heute wirkt die Freundschaft zwischen einem Jungen und seinem Drachen gar nicht mal unwahrscheinlich. Damit trifft Lowery genau ins Herz jenes Disney-Touchs, der dem Original abging, und damit qualifiziert er sich natürlich auch für weitere Träumereien. Sein nächstes Projekt: ein Remake von "Peter Pan".

Pete's Dragon, USA 2016 - Regie: David Lowery. Buch: Toby Halbrooks, David Lowery. Kamera: Bojan Bazelli. Mit: Oakes Fegley, Bryce Dallas Howard, Robert Redford, Wes Bentley. Disney, 103 Minuten.