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Diskussion um Klarnamen:"Terroristentochter" und "Stasi IM"

Sollten Klarnamen veröffentlicht oder den Betroffenen ein Pseudonym zugestanden werden? Die Form entscheidet Debatten.

Als die streitlustige Publizistin Bettina Röhl kürzlich zu Beginn einer Fernsehdiskussion als "Tochter von Ulrike Meinhof" vorgestellt wurde, zuckte sie, kaum merklich, kurz zusammen. Der Inhalt dieser Präsentation war zwar ganz korrekt, und die Angesprochene hat ihn selbst in der Vita auf ihrer Internetseite und in vielfältigen Publikationen offenbart. Ihre Reaktion aber geht auf eine schwierige Vorgeschichte zurück: Bettina Röhl kämpft seit längerem, durchaus verständlicherweise, dafür, nicht auf ihre Rolle als Tochter der RAF-Terroristin reduziert zu werden, die 1961 konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl heiratete und fortan bürgerlich Ulrike Röhl hieß.

Jedoch hat Bettina Röhl im Dezember 2006 einen Rechtsstreit, der durch mehrere Instanzen ging, vor dem Bundesgerichtshof verloren, so dass es erlaubt blieb, sie als "Terroristentochter" zu bezeichnen. "Da es der Sinn jeder zur Meinungsbildung beitragenden öffentlichen Äußerung ist, Aufmerksamkeit zu erregen", so das Gericht, "sind angesichts der heutigen Reizüberflutung einprägsame, auch starke Formulierungen hinzunehmen."

Man könnte bei diesem Fall unwillkürlich an eine biedere, sehr erfolgreiche Fersehsendung denken, die seit über dreißig Jahren im Süddeutschen respektive Südwestrundfunk läuft. Sie heißt: "Ich trage einen großen Namen". Zu diesem Quiz werden Nachkommen von Personen wie Giacomo Puccini, Alois Alzheimer oder Konrad Adenauer eingeladen, was dann zu erraten ist. Bettina Röhl würde sich in dieser Sendung nicht wohlfühlen.

Apriori jeder Beziehung

"Ich trage einen großen Namen": Dieses Konzept schlägt die Brücke von einer altmodisch anmutenden Welt, die auf die prägende Herkunft des bürgerlichen Familienzusammenhangs ausgerichtet ist, hin zur heutigen Celebrity-Kultur. Man hat oder man macht sich einen Namen. Die erstarrte Metapher des "Tragens" eines Namens aber verweist darauf, dass man sich generell, auch wenn man nicht berühmt ist, auf Dauer schwerlich in der Gesellschaft bewegen kann, ohne Namen und Identität sichtbar mit sich zu führen.

Gewiss, wir haben gelernt, dass Identitäten bei dem Versuch, sie zu definieren, schlüpfrig werden. Und doch: "Dass man weiß, mit wem man zu tun hat", schrieb der Soziologe Georg Simmel, "ist die erste Bedingung, überhaupt mit jemandem etwas zu tun zu haben; die übliche gegenseitige Vorstellung bei irgend länger dauernder Unterhaltung oder bei der Begegnung auf dem gleichen gesellschaftlichen Boden ist, so sehr sie als hohle Form erscheint, ein zutreffendes Symbol jenes gegenseitigem Kennens, das ein Apriori jeder Beziehung ist."

"Tyrannei der Intimität"

Vielerorts gilt das heute weiterhin. Zwar haben sich die Interaktionsweisen der Menschen durch gewachsene Mobilität und Medialität erheblich geändert, seit Simmel vor hundert Jahren, 1908, seine Analyse vornahm. Wir sind längst nicht mehr bloß im überschaubaren Nahbereich aktiv.

Eine häufig anzutreffende Reaktion auf jene entfremdenden Entwicklungen der Moderne hat Richard Sennett in den achtziger Jahren als eine gefährliche "Tyrannei der Intimität" beschrieben: Man versuche nun, den Menschen zum "Geständnistier" zu machen, obwohl doch eigentlich "Zivilisiertheit bedeutet, mit den anderen so umzugehen, als seien sie Fremde". Gegen eine übermäßige Gemeinschaftsrhetorik setzte Sennett die Überzeugung, "dass Menschen durch verbale Konflikte eher zusammengehalten werden als durch verbale Übereinstimmung. Im Konfliktfall sind sie zu gründlicherer Kommunikation gezwungen.

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